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Böser Zahn

Hans Eberhard Zahn hatte sich der Studentenbewegung in den Weg gestellt. Die 68er haben ihn gehasst. Wir haben ihn besucht.

Von Björn Stephan

Böser Zahn

Zweimal saust das hölzerne Hämmerlein des Vorsitzenden nieder. Die letzten Gespräche verstummen in dem bis zum Bersten gefüllten Senatssitzungssaal des Henry-Ford-Baus. Die bedrohliche Spannung aber schwebt weiter über den penibel frisierten Häuptern der Kuratoriumsmitglieder. Nach ebenso langen wie kontroversen Diskussionen kommt es endlich zur Abstimmung. Die ersten Manschetten-umknöpften Hände recken sich zur Stimmabgabe in die Höhe, als plötzlich ein Sturm fauler Eier und Farbbeutel aus den Reihen der studentischen Zuschauer auf die Ordinarien niederbricht. Peinlich besorgt um die Reinlichkeit ihrer Anzüge suchen die Angegriffenen Schutz unter den Tischen und Stühlen. Nur einer versucht sich einen Weg durch die Geschosse der linken Aktivisten zu bahnen. Der Vertreter der wissenschaftlichen Mitarbeiter steigt auf einen Tisch und greift sich das Mikrofon: »Genossen, wenn ihr die Revolution machen wollt, müsst ihr besser zielen lernen! Werft hier hin«, ruft er auf seine Brust deutend. »Ich werde es wie einen Orden tragen!«

Geradezu beispielhaft wirkt diese Szenerie für die Assoziationen, die die Chiffre »68« in unseren Köpfen weckt: Aufbegehren, Tumulte und Proteste. Einzig der beißende Zynismus des Widerständlers fällt aus dem Rahmen. Dabei ist er charakteristisch für Hans Eberhard Zahn, der von sich selbst behauptet: »Ich war bei den Linken so verhasst, weil ich ihre Angriffe nie mit knirschenden Zähnen, sondern stets mit Ironie beantwortet habe. Die konnten ja nie über sich selbst lachen.« Wer ist dieser Mann, der als einer der Lieblingsfeinde der 68er an der FU galt?

Auf Spurensuche in seiner Schöneberger Wohnung. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. Staubmoleküle tanzen im schräg einfallenden Sonnenlicht. Die antiquiert wirkenden Möbel atmen die Luft der sechziger Jahre. Ganz anders der Hausherr. Man begegnet einem rüstigen, aufgeschlossenen Herrn, mittlerweile 80, der mit großer Gelassenheit auf seine Vergangenheit zurückblickt. Das ergraute Haar ist noch immer sorgfältig nach hinten gekämmt, wie auf einer Fotografie von 1960. Nur die altersmilden Züge gleichen nicht mehr dem kantig-verhärmten Gesicht, das einen dort noch unverwandt anstarrt, gezeichnet von sieben Jahren Stasi-Haft.

Rückblick: Wir schreiben das Jahr 1953. Der Psychologiestudent Zahn verweilt zu Besuch in Ost-Berlin und wird von der Stasi verhaftet. »Agententätigkeit« lautet der Vorwurf. Das Urteil: Sieben Jahre Haft für den 25-jährigen.

Ein Jahr nach seiner Entlassung nahm Zahn sein Studium wieder auf. Die FU glich nur noch in Ansätzen seinen Erinnerungen. »Als ich die Uni notgedrungen verlassen musste, herrschte ein anti-totalitärer Konsens. De facto gab es weder linksradikale noch rechtsradikale Studenten«, erinnert er sich. Nun aber entwickelte sich ein politischer Diskurs, drängende Reformen wurden angemahnt. Sozialisten und Kommunisten übernahmen die Meinungsführerschaft auf dem Campus.

Auch Zahn, mittlerweile wissenschaftlicher Assistent, hegte keinerlei Zweifel an dem Reformbedarf der Ordinarien-Universität. Der wachsende Einfluss linksradikaler Kräfte erregte jedoch seine größte Besorgnis. Schließlich waren es »SED-hörige Westsozialisten«, die auf dem Vormarsch waren und dem totalitären Unrechtsstaat das Wort redeten, der ihm sieben Jahre seines Lebens genommen hatte. Noch heute erklärt er deshalb im Brustton der Überzeugung: »Die gemäßigten Linken waren Gegner. Aber diejenigen, die die Sache der DDR vertraten, waren Feinde.«

Zu letzteren zählte er vor allem die Hochschulgruppe Aktionsbündnis von Demokraten und Sozialisten (ADS), die finanziell und organisatorisch maßgeblich von der SED unterstützt wurde. Für Zahn war klar: Dieser radikalisierte Teil der Studentenschaft, der in zahlreichen Gremien der Geistes- und Sozialwissenschaften vertreten war, betrachtete die FU nur als ein Experimentierfeld, als einen ersten kleinen Schritt, bevor die sozialistische Maske nicht nur der FU, sondern der gesamten bundesrepublikanischen Gesellschaft gewaltsam übergestülpt werden sollte.

Ein wenig ächzend erhebt sich Zahn von seinem gepolsterten Stuhl und greift zu einem an den Rändern vergilbten Ordner. Alles ist sorgfältig archiviert. Vorsichtig zieht er ein Papier heraus, auf dem in großen Lettern die Überschrift »Freie Universität unter Hammer und Sichel« prangt.

Unter diesem Titel firmierte ein Kampfesblatt an der FU, das den wachsenden kommunistischen Einfluss geißelte und erhebliches Aufsehen erregte. Herausgegeben wurde es von der Notgemeinschaft für eine freie Universität (NofU), einer überparteilichen Vereinigung von Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studenten, unter deren Dach sich die Gegner der 68er versammelten. Zu ihren Mitbegründern im Jahre 1969 gehörte auch Zahn, der schon bald eine führende Rolle einnahm. Er war das Gesicht der NofU und permanent in der Öffentlichkeit. An ihm schieden sich die Geister. So blieb er auch vor Schikanen nicht gefeit. Mehrfach türmte sich Abfall vor seinem Büro oder das Schloss war mit Klebstoff verschmiert; einmal flog ein faules Ei durch das Fenster. Doch Zahn, der Verhöre, Schlafentzug und Isolationshaft über sich ergehen lassen musste, ließ sich nicht einschüchtern. Wesentlich schwerer jedoch wogen für ihn die Vorwürfe, er sei ein »Faschist« und »Nazi«. Der bekennende Antikommunist betont noch heute: »Ich hätte mich auch gegen Rechtsextreme zur Wehr gesetzt, wenn es sie denn gegeben hätte. Ich verabscheue politischen Extremismus jeglicher Couleur.«

Aber auch die NofU und Zahn verstrickten sich im ideologischen Grabenkampf. Sie fertigten Namenslisten an, die vor im ADS aktiven Studenten warnten und an Vertreter aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik versandt wurden. Unzählige Male ist Zahn bereits mit kritischen Fragen dazu konfrontiert worden. Ein wenig Verärgerung schwingt in seiner Stimme mit, als er sich rechtfertigt: »Wir haben das getan, was jeder Bürger hätte tun können für den Schutz unserer freiheitlichdemokratischen Grundordnung. Ich schäme mich nicht dafür, sondern ich bin stolz darauf.« Während er so spricht, flackert die alte Kampfeslust wieder in seinen Augen auf und für einen Moment kann man sich den Mann vorstellen, der einst Tische erklomm und den Farbbeuteln trotzte.

Bild: Hans Eberhard Zahn mit Dreizack. Foto: Tin Fischer

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