Nicht nur das, was man denkt

Die einen ver­su­chen es mit Gitarre und quietsch­bun­ten Pla­ka­ten. Andere spre­chen über Jesus, Sex und ’68. An kaum einer Uni­ver­si­tät haben es Chris­ten so schwer, auf sich auf­merk­sam zu machen. Eine Suche.

kreuzschuss

von Anna Klöp­per und Tin Fischer

Christ­li­che Rhe­to­rik kann die Freie Uni­ver­si­tät. Wenn Prä­si­dent Len­zen ihre Geschichte erzählt, meint er eigent­lich die Weih­nachts­ge­schichte. So wie Gott als schwa­ches Kind in einer Fut­ter­krippe auf die Welt gekom­men sein soll, soll die FU von Stu­den­ten auf einem ein­fa­chen Tisch­chen gegründet wor­den sein, um die Wis­sen­schaft von der Dik­ta­tur im Osten zu befreien.

Trotz­dem tut sich kaum eine Uni­ver­si­tät mit der Reli­gion so schwer wie die FU. Vor einem Jahr hatte das Prä­si­dium offi­zi­ell zu einem Semes­ter­got­tes­dienst ein­ge­la­den. Prompt rea­gier­ten einige Pro­fes­so­ren mit Pro­test. Eine zweite Ein­la­dung gab es nicht. Dabei ist ein sol­cher Got­tes­dienst an ande­ren Uni­ver­si­tä­ten nur nor­mal. Warum die Verklemmtheit?

Wo ist Gott, Herr Bongardt?

Wir begin­nen unsere Recher­che bei Herrn Bon­gardt, Pro­fes­sor für Ethik an der FU und fra­gen gleich mal grund­sätz­lich: Wo ist Gott an der Freien Uni­ver­si­tät? Der dif­fe­ren­ziert: »Die FU hat von ihrer Gründungsgeschichte her klare Signale gesetzt, dass sie eine Uni­ver­si­tät ist, in der zwar die Theo­lo­gie oder die Reli­gi­ons­wis­sen­schaft als Refle­xion über Reli­gion ihren Platz hat. Was jedoch kei­nen Platz hat, ist eine direkte Akti­vi­tät von Reli­gio­nen.« Was an Uni­ver­si­tä­ten im angel­säch­si­schen Raum keine Sel­ten­heit ist, fin­det man hier­zu­lande nicht. Einen Raum fürs Gebet, das gibt es an der FU nicht. »Und das«, betont Bon­gardt, »sollte auch so bleiben.«

Er hat den Ein­fluss zu spüren bekom­men, den die Kir­che nichts­des­to­trotz an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten hat. Wäh­rend Hoch­schu­len in Frank­reich oder im angel­säch­si­schen Raum Theo­lo­gie als Stu­di­en­fach unab­hän­gig von der Kir­che anbie­ten, haben in Deutsch­land die Kir­chen ein Mit­spra­che­recht bei der Beset­zung von Pro­fes­su­ren. Ohne ein nihil obstat (»es steht nichts ent­ge­gen«) durch die katho­li­sche Kir­che kann kein katho­li­scher Theo­loge an einer Uni leh­ren. Lebens­wan­del, For­schung und Lehre des Pro­fes­sors müssen aus kirch­li­cher Sicht stimmen.

Michael Bon­gardt ist eigent­lich katho­li­scher Theo­loge. Nur: So nen­nen darf er sich nicht mehr. Der ehe­ma­lige Pries­ter hat 2003 gehei­ra­tet. Sein Recht, als Theo­loge zu leh­ren, hat er damit aus Sicht der katho­li­schen Kir­che eingebüßt. Also musste an der FU nach einem neuen Auf­ga­ben­feld für den Pro­fes­sor gesucht wer­den. Das Insti­tut für Ethik wurde gegründet. Bon­gardt bil­det heute Ethik­leh­rer an der FU aus.

Eine Frage haben wir noch, bevor es wei­ter­geht zur Stu­den­ten­mis­sion SMD: Haben wir eigent­lich Gründe, an Gott zu glau­ben, Herr Bon­gardt? »Zwin­gende Gründe gibt es nicht«, sagt er zum Abschied. »Aber der Glau­ben an Gott denkt vom Men­schen oft grö­ßer als der Humanismus.«

Die Mis­sion im Namen

»Wer gläu­big ist, muss dumm sein«, habe ihr mal jemand gesagt, erzählt uns Rebekka von der FU-Gruppe des SMD. Da sei ihr dann auch nichts mehr zu ein­ge­fal­len. »Ein wich­ti­ges Anlie­gen der SMD ist«, erklärt sie, »dass der Glaube nicht anfängt zu wan­ken, sobald man nach­denkt. Dass es einen bei­spiels­weise in der Natur­wis­sen­schaft ein­fach fas­zi­nie­ren kann, wie Gott es gemacht hat.«

Rebekka gehört zu den stu­den­tisch orga­ni­sier­ten Chris­ten an der FU, die sich auf die Gemein­den der evan­ge­li­schen und katho­li­schen Kir­che, die überkonfessionelle SMD sowie eine ad hoc orga­ni­sierte Bibel­gruppe ver­tei­len. Letz­tere macht vor allem mit Gitarre und quietsch­bun­ten Pla­ka­ten auf sich aufmerksam.

»Wir würden an der Uni gerne prä­sen­ter sein. Aber da kommt uns die Uni­ver­wal­tung nicht ent­ge­gen«, erklärt Rebek­kas Kol­lege Falko – »reli­giöse, ter­ro­ris­ti­sche oder sexis­ti­sche Inhalte« würden von der FU nicht gedul­det, sagte uns Stu­den­ten­pfar­rer Tho­mas Treut­ler ein­mal halb iro­nisch. Was hätte denn die FU von euch, fra­gen wir die SMD-Studenten. Bei Rebekka haben Ant­wor­ten immer eine schlichte Ele­ganz: »Mehr Freiheit.«

Die SMD, die es seit bald 60 Jah­ren in ganz Deutsch­land gibt, hat die Mis­sion zwar im Namen und neue Mit­glie­der sind natürlich ein Thema. Nur, wenn man Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen will, muss man auch dar­auf ach­ten, wie die Stra­te­gien bei Außen­ste­hen­den ankom­men, meint Rebekka. Lächer­lich machen wolle man sich nun eben auch nicht.

Zumin­dest haben die Grup­pen und Gemein­den ein reges Ver­an­stal­tungs­pro­gramm. Im Caledonian-Café in der Sil­ber­laube kommt der Refe­rent des Dis­kus­si­ons­abends zum Thema »Sex« zwar viel zu spät, die Stim­mung kann das aber trotz­dem nicht trüben. Fast glaubt man, in eine vor­weih­nacht­li­che WG-Party gera­ten zu sein – nur dass die Gäste die Fla­sche Wodka im Kühlschrank noch nicht ent­deckt haben. Von Ver­trauen und Hin­gabe ist die Rede. An Gott, wie auch an einen gelieb­ten Men­schen. Ist Sex wirk­lich nur eine Sache der stim­mi­gen Bio­che­mie – oder viel­leicht doch »Aus­druck einer Sehn­sucht, die über sich selbst hin­aus­weist, zu einem Ort der bedin­gungs­lo­sen Liebe, zu Gott«, wie der Dok­to­rand Mat­thias Clau­sen sei­nen Zuhö­rern nahelegt.

Die lümmeln sich in den Sofas und nip­pen an ihren Plas­tik­be­chern. Und schnell ist man wie­der bei ganz prak­ti­schen The­men: Eras­mus, Stu­di­en­or­ga­ni­sa­tion, Mas­ter. Schließ­lich ist da mehr als nur der Gedan­ken­an­stoß, den die jun­gen Chris­ten in den Stu­di­en­all­tag ein­brin­gen wol­len. »Ich bin oft etwas befrem­det«, sagte uns Bet­tina, »wie die Leute an der Uni mit­ein­an­der umge­hen. Glau­ben heißt bei­spiels­weise auch, dass man ver­sucht, dass man ein offe­nes Ohr für Leute um einen herum hat.«

Die neue Verstörungsquelle?

Dann stol­per­ten wir über die Ver­mu­tung, dass das Chris­ten­tum als neue »Ver­stö­rungs­quelle« wahr­ge­nom­men werde. Ver­stö­rungs­quelle? Wie­der? Warum? Und gilt das auch für die FU, haben wir uns gefragt.

Eva Quis­torp ist laut Wiki­pe­dia »Akti­vis­tin der Friedens-, Frauen– und Umwelt­be­we­gung« und ehe­ma­li­ges Mit­glied des Euro­päi­schen Par­la­ments. Heute ist sie zu Gast bei der Evan­ge­li­schen Stu­die­ren­den­ge­meinde (ESG). Die »revo­lu­tio­nä­ren 68er« und die ESG sind das Thema. Quis­torp weiß darüber drei Stun­den lang leb­haft zu erzäh­len. Von ihrem Stu­den­ten­pfar­rer an der FU, bei dem man bereits Mitte der 60er Jahre Adorno und Hork­hei­mer als Raub­druck gele­sen habe, noch bevor sie an der Uni­ver­si­tät the­ma­ti­siert wor­den seien. Dass damals schon mal die Bemer­kung gefal­len sei, die ESG sei radi­ka­ler als der SDS. »Wir hat­ten Zugang zur Kir­che, waren wort­ge­wandt und konn­ten im Streit ver­mit­teln«, erzählt sie. »Wir waren radi­kal, ohne ideo­lo­gisch zu sein.« Vom Theo­lo­gen Goll­wit­zer ist die Rede, der die Stu­die­ren­den zu ver­ste­hen ver­sucht, aber auch immer wie­der zur Ver­nunft geru­fen habe. Und schließ­lich erzählt sie von jenem Chris­ten, der sei­ner­zeit die Stu­den­ten verzückte: Dem »Rudi«, dem Dutschke, die­ser viel­leicht christ­li­chen Mischung aus unbeug­sa­mer Zuver­sicht und einer nach außen manch­mal unglaub­li­chen Humorlosigkeit.

Was ist von die­sem Erbe geblie­ben? Man habe eine soziale Ver­pflich­tung, ohne sich gleich als poli­tisch zu begrei­fen, meint jemand. Dorian, Mode­ra­tor des Abends, betont aber auch, dass man mit dem ESG-Banner gegen Schäu­bles Daten­sam­meln demons­triert habe, dass der Hahn im Logo rot sei, gegen Unterdrückung und Unrecht krähe und der Tee aus fai­rem Han­del stamme.

Kri­tik an der Kritik

Sorgt heute die Theo­lo­gie für die nötige Irri­ta­tion im Wis­sen­schafts­be­trieb? Am Insti­tut für evan­ge­li­sche Theo­lo­gie gibt uns Dr. Wüstenberg eine Ant­wort. Der ist da etwas vor­sich­ti­ger, sieht die Theo­lo­gie aber durch­aus als »Sta­chel« im inter­dis­zi­pli­nä­ren Dia­log der Wis­sen­schaf­ten – im posi­ti­ven Sinn: »Als Mög­lich­keit, eine andere Per­spek­tive anzu­bie­ten und Kri­tik an der Kri­tik zu üben«. Gilt das beson­ders an einer links-liberal gepräg­ten Uni­ver­si­tät wie der FU? »Ich hoffe, dass man wahr­nimmt, dass man sich etwas abschnei­det, wenn man die evan­ge­li­sche Reli­gion im zutiefst pro­tes­tan­tisch gepräg­ten Ber­lin ein­fach ausblendet.«

Fest steht: Sein Mini-Institut für evan­ge­li­sche Theo­lo­gie wird geschlos­sen. Aus ökono­mi­scher Sicht durch­aus nach­voll­zieh­bar. Das pro­tes­tan­ti­sche Erbe Ber­lins wird an der HU, an der größ­ten evangelisch-theologischen Fakul­tät Deutsch­lands, bes­tens gepflegt. Trotz­dem, sagt Wüstenberg: »An einer freien Uni­ver­si­tät kann es ja nicht nur um die Frage einer Frei­heit von, son­dern muss es auch um die Frage einer Frei­heit zur Reli­gion gehen.«

Chris­ten­tum selbstbewusst

Zum Schluss unse­rer Reise ler­nen wir noch Ben ken­nen. Auch er stu­dierte an einer »Freien Uni­ver­si­tät«, der Liberty Uni­ver­sity in Vir­gi­nia. Iro­ni­scher­weise ist unser Namens­vet­ter zugleich unsere Anti­these: Die evan­ge­li­kale »Liberty« wurde vom gro­ßen Pre­di­ger Jerry Fal­well gegründet, stürmt jähr­lich die Top-10 der kon­ser­va­tivs­ten Uni­ver­si­tä­ten der USA und ist ein siche­rer Hafen für Krea­tio­nis­ten. Kön­nen wir etwas von ihr ler­nen? Die extrem gute Betreu­ung der Stu­den­ten auch in spi­ri­tu­el­len Belan­gen habe ihn umge­hauen, erzählt uns Ben. »Dr. Fal­well for­derte uns auf, ›Cham­pi­ons for Christ‹ und die bes­ten der Welt in unse­ren Gebie­ten zu sein.« Das hat uns dann doch nach­denk­lich gemacht. Wann hat einem jemand an der FU so viel Selbst­be­wusst­sein mit auf den Weg gegeben?

Bild: Pop­Art in der Sil­ber­laube: Mit Clip­Art das Chris­ten­tum ver­brei­ten. Doch der Schein trügt: Jen­seits quietsch­bun­ter Word-Plakate haben die Chris­ten ein viel­fäl­ti­ges Veranstaltungsprogramm.

1. Dezember 2008, FURIOS 01

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