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Danke für’s Freunde sein!

Die schöne neue MySpace-Welt der Bands und Songwriter.

von Marlene Göring

myspacewelt

Foto: Henry Wulf — Illustration: David Goldwich

Katha ist 27, studiert Politikwissenschaften an der FU und ist auf dem Campus eher unauffällig. Auf MySpace heißt sie »suede girl«, trägt pinke Minis und Stiefel mit Leopardenmuster. Sie macht Musik. Indie genauer gesagt, weil das poppig ist und Menschen zum Tanzen bringt. Das klingt nach Spaß, läuft aber streng nach Plan. »Ich habe Einträge auf so ziemlich jedem Internetportal«, erzählt die Songwriterin. Sie will möglichst viele Leute erreichen. »Suede girl läuft in Internetradios und wenn mein Album fertig ist, gibt’s das natürlich auch im Online-Vertrieb auf mp3.« Eine Fülle an Selbstvermarktungsangeboten überrollt zur Zeit den jungen Musiker. MySpace, last.fm und der Emergenza Bandwettbewerb sind dabei nur die etablierte Spitze des Eisbergs. Eine Band, die noch nie außerhalb des Proberaums gespielt hat, kann heute theoretisch weltweit Millionen Fans erreichen. »Die Präsentation ist mindestens so wichtig wie die Musik«, meint Katha. »Selbstvermarktung nehme ich wörlich: Aus suede girl soll eine Marke werden.« Der Wiedererkennungswert sei schon die halbe Miete. Damit redet Katha auch der wachsenden Zahl von Künstler-Coaches das Wort. Die Marketingexperten wollen Musikern den Weg durch den PR-Dschungel zeigen und setzen dabei auf ein »ganzheitliches Konzept«, das Produkt und Präsentation vereinen soll. Ein junger Musiker steht damit aber vor einem Problem: Wenn er wahrgenommen werden will, sollte er sich nach dem Markt richten. Nicht für jeden ist das so selbstverständlich wie für suede girl. Mit dem Mehr an Selbstvermarktung ist auch ein Weniger für die eigentliche Sache verbunden: die Musik.

We don´t need no education?

Playfellow, deren Mitglieder teils noch an der FU studieren, können auf sechs Jahre Bandgeschichte zurückblicken. An ihrem heutigen Sound, ein eigenwilliger Mix aus Indiepop, Noise und Postrock, haben sie lange gearbeitet. Sie haben mit verschiedenen Instrumenten und Stilen experimentiert, bevor sie vor zwei Jahren das erste Album aufgenommen haben. Obwohl die Bandmitglieder mittlerweile in verschiedenen Städten wohnen, halten sie Playfellow am Laufen. Sich ein anderes Projekt zu suchen, käme momentan für keinen in Frage. Der lange Atem fängt an, sich bezahlt zu machen: Die erste CD ist vergriffen und geht in die Nachpressung. Kritiker vergleichen die Studentenband mit Radiohead und Coldplay.

Der Professionalisierungs- und Theoretisierungswelle, die die Pop- und Subkultur erfasst hat, stehen Playfellow kritisch gegenüber. Während es noch vor wenigen Jahren kaum Ausbildungsmöglichkeiten in diesen Genres gab, schießen heute Förderwettbewerbe und Privatschulen wie Pilze aus dem Boden. Mit Bandwettbewerben haben Playfellow nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Sie waren beim »Becks on Stage«-Wettbewerb dabei, wo sie sich über Wochen hinweg wie in einer Reality-Show produzieren sollten. »Becks konnte Werbegelder von Sponsoren einfahren und hat keinen einzigen Inhalt beigetragen«, meint Tom, der Drummer von Playfellow. Zum F6-Music-Award, bei dem die Bands auch an Workshops zu »Stageperformance« teilnehmen sollten, wollten sie erst gar nicht antreten.

I can change, I can change

Viele der Dienstleister profitieren vor allem von den kostenlosen Inhalten der Nachwuchskünstler. Die Musiker können zwar medienwirksame Einzelpreise erringen, wie im Fall Becks Auftritte auf großen Festivals, erhalten aber keine nachhaltige Förderung. Stattdessen werden sie dazu animiert, massenkompatible Musik zu machen. In der Hoffnung auf Erfolg schränken viele Bands ihr musikalisches Potenzial dabei auch freiwillig ein. Die eigene Aussage und der künstlerische Ausdruck finden ihren Ursprung dann nicht mehr in der Lebenswelt der Musiker, sondern werden von marktspezifischen Faktoren und Trends vorgegeben. Was hier passiert, ist die Institutionalisierung von Musik, die früher ihren Anfang auf der Straße und in Garagen hatte.

»Es ist leider nicht mehr wie in den 70ern«, meint Playfellow-Drummer Tom. »Dass ein Produzent von Universal mit zwei Koffern im Proberaum erscheint und sagt, `Hier habt ihr 10.000 Euro, besorgt euch neue Instrumente, denn wir produzieren eure Platte`, wird es nicht mehr geben.« Bei der Masse an Bands im Netz erhöht sich die Chance auf einen Plattenvertrag durch ausgefeilte Selbstpräsentation aber nur bedingt. »Um die Aufmerksamkeit der Labels auf sich zu ziehen«, sagt Steffen Gottwald, Mitinhaber von Homeground Records Berlin, »kann ein großer Freundeskreis bei MySpace sicher von Nutzen sein. Am Ende des Tages muss eine Band aber musikalisch und persönlich überzeugen, damit ein Label sie unter Vertrag nimmt.« Playfellow setzen deshalb vor allem auf ihre Musik: »Wenn Selbstvermarktung meint, Platten zu produzieren, die an Magazine und Radiostationen zu versenden und später bei Konzerten und in Internetportalen zu vertreiben, dann ist sie schon fester Bestandteil unserer Planung. Über Klamotten und Bühnenkonzept denken wir aber nicht so viel nach.« Sie haben trotzdem Erfolg: Seit zwei Jahren sind Playfellow beim Indie Label Sweet Home Records unter Vertrag. Geschafft haben sie das vor allem durch Netzwerke mit anderen Bands. Durch die enge Zusammenarbeit entstehen Synergie-Effekte, von denen alle profitieren können. »Vor einem halben Jahr hat ein Bekannter eine CD-Pressung gemacht. Jetzt haben wir alle den Kontakt«, erzählt Tom. »Außerdem hat ein befreundeter Gitarrist unsere erste Platte gemischt, und wir vermitteln uns gegenseitig Gigs.« Ins Label, dessen Inhaber selbst Musiker sind, sind die befreundeten Bands nach und nach »reingerutscht«. Gemeinsam haben sie eine eigene kleine Szene für ihre Musik etabliert. Internetportale und Onlinemagazine helfen ihnen dabei. Sie vereinfachen die Kommunikation untereinander und mit den Fans. Sie bringen Kontakte und erleichtern das Veröffentlichen der Musik. Sie bilden Gegenöffentlichkeiten, die an den Majors vorbei ihre eigenen Ideen umsetzen, Hörer finden und neue Musikstile prägen. Künstler dagegen, die in den Strudel des »Überall-gleichzeitig-sein-Wollens« geraten, verlieren die Musik aus den Augen und Schaden sich in der Masse selbst: Die vielen Flyer in der Rostlaube bringen meistens nicht einen einzigen Gast mehr ins Konzert. Bands, die die Selbstvermarktung bitter ernst nehmen, setzen sich unnötig unter Druck. Denn man muss sich nicht verbiegen, um die eigene Nische im Markt der Hörerschaft zu finden. Man kann den Markt auch selbst verändern. Möglichkeiten gibt es.

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