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Die Drama Queen

Seit ihrer Gründung schlittert die Freie Universität von Krise zu Krise. In allgemeinen Krisenzeiten ist diese Erfahrung ein Vorteil. Kann ihn die FU nutzen? Ein Blick auf die Geschichte eines geschüttelten Unternehmens.

Von Claudia Schumacher

Knapp bei Kasse: Die FU hat Geldsorgen. Macht nichts, solange der "Spirit" stimmt.

Knapp bei Kasse: Die FU hat Geldsorgen. Macht nichts, solange der „Spirit“ stimmt. Illustration: Michi Schneider

> Die FU in der Krise – Die Fakten

Eigentlich kennt die Freie Universität nichts anderes als Krisen und Katastrophen. Mal wieder steht sie vor massiven Kürzungen. Mal wieder ist sie bedroht. Mal wieder wird sie sich verteidigen müssen.

Auf die Frage, ob die Krise der FU positive Gestaltungsmöglichkeiten lässt, beginnt Präsident Lenzen vom historischen Kampfgeist und Zusammenhalt der FU zu schwärmen: »Dieser Spirit ist charakteristisch für diese Gründeruniversität, die immer in Krisen gesteckt hat.« Wie hart uns die Finanzkrise wirklich treffen wird, sei momentan noch nicht abzusehen. »Aber ich glaube«, so Lenzen, »dass diese Universität besser als manch andere aufgrund ihres beschworenen Spirits in der Lage ist, eine Krise zu bewältigen.«

Schon die Geburt der Freien Universität in den 40ern war ein Notfall. Studenten aus Westberlin konnten an der HU nicht mehr frei studieren, als Gegengründung entstand die FU. Nach den Studentenunruhen war sie in den 70ern heillos zerstritten, in den 80ern kläglichst verwahrlost und nach der Wende pleite. Doch wer gelernt hat, Konflikte zu führen, ist flexibler als andere. Erfahrung macht gelassen.

Aber kann die FU im Kampf gegen die Finanzkrise tatsächlich von ihrer Erfahrung profitieren? Lenzens »Spirit« wirft einige Fragen auf. Kampfgeist? Ja. Den kennt man als FU-Student. Etwa gegen Bologna, gegen die Diskriminierung von Frauen oder gegen Studiengebühren. Aber Zusammenhalt? Der ist nun wirklich nicht das erste, was einem zur FU-Geschichte in den Sinn kommt.

Protest mit dem Messer

Seit 1965 war die FU über Jahre hinweg gespalten. Während der Studentenbewegung lag die Kommunikation innerhalb der Universität brach. Von Zusammenhalt war damals keine Spur. Als die Studenten an der FU den Protest ausriefen, richteten sie sich zunächst gegen die undurchsichtige Herrschaft der Professoren in der Ordinarienuniversität. Auf Druck der Studenten kam es 1969 zur Reform: Das Präsidentenamt wurde eingeführt und den Studenten wurde eine starke Mitbestimmung eingeräumt.

Entgegen den Ordinarien, die den Dialog mit den Studenten gescheut hatten, sah der erste FU-Präsident Rolf Kreibich seine Hauptaufgabe in der Kommunikation. »Ich wollte alle Konflikte im Gespräch lösen und zwischen Professoren und Studenten vermitteln«, gibt Kreibich seine Idee von Krisenmanagement wieder. »Das hatte ich mir allerdings einfacher vorgestellt«. Die Empörung, die seine eigene Person auslöste, habe er unterschätzt.

Kreibich war in der Rolle des Präsidenten als SPD-Mitglied und 31-jähriger Soziologieassistent ohne Promotion eine satte Sensation. Die weitaus ältere und konservative Professorenschaft war schockiert. Auch für die Presse war der Jungspunt mit dem energischen Auftreten ein »verkappter Kommunist«. Passend zur Hysterie der Zeit, war Kreibich einigen Studenten zu konservativ.

Wenn der heute 73-jährige Kreibich erzählt, scheint es, als lägen keine drei Tage zwischen damals und heute. »Dreimal haben Studenten versucht, mir an die Gurgel zu gehen. Einmal sogar mit einem Messer!«, ruft er ungläubig aus und schlägt die Hände ans Knie. »Ohne die Geistesgegenwart meiner Mitarbeiter, säße ich jetzt wohl nicht so vor Ihnen.« Die Fronten waren verhärtet. Trotz Kreibichs Bemühungen kam kein Gesprächsklima zu Stande, aus dem ein Gefühl von Zusammengehörigkeit hätte wachsen können.

Auch in den Folgejahren war die Universität zerrissen. Sie entwickelte sich zur Massenuniversität, in der gemeinsame Interessen immer unwahrscheinlicher wurden. Die FU verkam zur »Schmuddeluni«, an der eigentlich keiner arbeiten wollte. Zusammen erst Recht nicht.

Präsident bittet zum Streik

Das, was Lenzen »Spirit« nennt, entstand erst in den 1990ern. Nach der Wende bot sich der Berliner Politik die Möglichkeit, die renitente Massenuni am Rande Berlins loszuwerden. Kein Geld, aber zwei Universitäten mit gleicher Fächerstruktur? Der Senat drehte der FU den Hahn ab. Die traditionsreiche Humboldt Universität wurde ausgebaut. Dass die FU diese Krise überlebte, ist eine Leistung. Dass sie gestärkt aus ihr hervor ging, ein Lehrstück.

Regie führte der Jurist Johann Wilhelm Gerlach. Beim Besuch im juristischen Institut in der Boltzmannstraße wird schnell klar, mit welchen Qualitäten der Professor in den 1990ern als FU-Präsident Erfolg hatte: Bedachtheit und Entgegenkommen. Als erstes bittet er um eine Bedenkminute, um sich die Vergangenheit wieder präsent zu machen. »Der Senat warb Professoren von der FU an die HU«, erzählt er. »Die HU sollte auf unsere Kosten zur Eliteuniversität ausgebaut werden.«  Da habe er den Entschluss gefasst: »Weniger kann auch mehr sein.«

So indifferent diese Losung klingt, Gerlach machte sie konkret. Paradoxerweise hatten die schlimmsten Kürzungen in der Geschichte der FU einige positive Effekte. Die Massenuniversität wurde um 10 000 Studenten leichter. Durch obligatorische Beratungen gingen die Studenten ab, die nur noch der Vergünstigungen wegen studierten. Die NCs wurden gehoben. Die FU bekam bessere Studenten. Auch die Kürzungen im wissenschaftlichen Bereich bewertet Gerlach mit Blick auf die frühen 90er positiv: »Ich denke, wir haben damals den Grundstein zur Exzellenz gelegt. Für was braucht man etwa 60 mittelmäßige Politik-Professoren, wenn man 20 erstklassige haben kann?«

Die FU zeigte sich in dieser Zeit sehr kooperativ. »Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem Kürzungen einfach nur noch Qualität zerstören.« Als der Senat den Sparterror 1996 auf die Spitze trieb, tat Gerlach etwas Ungewöhnliches. Der Senat verordnete der FU 50 Millionen DM Einsparungen bis Ende des Jahres. Die Studenten kochten. Und ihr Präsident rief die Berliner Hochschulen zum geschlossenen Streik auf. »Bei Finanzierungsplanungen kann doch keiner mehr behaupten, es ginge sachlich zu!«, ärgert sich Gerlach noch rückblickend, »Was sein muss, geht auch. Wer sich durchsetzt, der bekommt auch.«

In der Folge kam es zu zahlreichen studentischen Protesten. Darüberhinaus klagte die FU gegen die Bestimmungen des Senats.  Die Einstellung der FU, zu kooperieren so weit es Sinn macht und sich darüberhinaus nichts bieten zu lassen, brachte ihr vor allem einen klaren Fortschritt: 1997 wurden die Hochschulvertragsverhandlungen eingeführt. Seitdem wird der Haushalt für mehrere Jahre mit dem Senat verbindlich verhandelt. Bis heute hat die FU dadurch eine gewisse Planungssicherheit.

Lenzen entgeistert?

Nun will der Senat der FU diese Sicherheit wieder nehmen. Eine neue Krise kündigt sich an. Das Präsidium wehrt sich. Ist der »Spirit«, den Lenzen ins Feld führen möchte, mehr als ein blasser Geist der Vergangenheit? »Ein gemeinsames Bewusstsein an einer so großen Universität wie der FU funktioniert nicht einfach so«, hebt Gerlach das eigene Engagement hervor. »Ich hatte damals eine wöchentliche Sprechstunde. Es ist besonders in schweren Zeiten wichtig, dass die Kommunikation in alle Richtungen offen und stark ist.« Daher konnte Gerlach zum gemeinsamen Streik rufen und die Studenten gingen auf die Straße. Die Öffentlichkeit sympathisierte mit der gebeutelten Universität und die Presse übte Druck auf den Senat aus.

Der gemeinsame Kampfgeist will allerdings gepflegt werden. In der Kommunikation ist Lenzen selbst der Geist. Als Student liest man von ihm in der Zeitung. Medienpräsent ist er, aber auf dem Campus zeigt er sich nicht. Die neuen Videobotschaften auf der FU-Webseite stärken nur den Eindruck campusferner Kommunikation.

Lenzen hat die Arbeit seiner Vorgänger weitergeführt und die FU effizient gemacht. Sie ist wieder wettbewerbsfähig und hat keine Kürzungen, sondern Investitionen verdient. Eine weitere Diät wird ihr nur schaden. Aber eines ist gewiss: Wenn Lenzen via Video zum Streik riefe, blieben die Straßen leer. So ein »Spirit« lässt sich nicht aus dem Nichts heraufbeschwören. Will Lenzen wirklich auf Zusammenhalt setzen, muss er den Kontakt zu den Studenten stärken. Oder er ruft sich andere Geister.

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