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Die Unternehmenslustigen

Deutschen Universitäten fehlt es an Verspieltheit. Das macht sie wissenschaftlich langweilig und unternehmerisch lahm. Die Freie Universität hat zumindest ein paar Ausnahmen. Zu Besuch bei verspielten Professoren und spielenden Unternehmern.

Von Tin Fischer

Der Wissenschaftsbetrieb an der FU ist nicht lustig. Schade, die Universität verspielt damit eine große Chance.

Der Wissenschaftsbetrieb an der FU ist nicht lustig. Schade, die Universität verspielt damit eine große Chance. Illustration: Michi Schneider


»RoboCup« ist wahrscheinlich die einzige wissenschaftliche Veranstaltung, bei der die Teilnehmer mit »Go! Go! Go!« angefeuert werden. Ironischerweise ist es auch die einzige, wo das rein gar nichts bringt. Hier bekämpfen sich weder gepumpte Sportler noch feinden sich miefige Professoren an. Der psychologische Beistand ist Robotin »Lola« beim Fußballspielen egal.

Seit 10 Jahren nimmt ein Team des Informatikinstituts der Freien Universität an den Meisterschaften im Roboterfußball teil. Bis an die Weltspitze kämpften sich ihre »FU-Fighters«. Treibende Kraft hinter den Spielereien ist Raúl Rojas, Professor für künstliche Intelligenz und Garant für unkonventionelle Forschung. Einst bauten er und sein Team den ersten funktionstüchtigen Computer der Welt nach, Jahrgang 1941. Neulich traten sie zu einem urbanen Autorennen in Amerika an, mit einem Auto ohne Fahrer. Nur: Was hat die Wissenschaft von fussballspielenden Robotern, Herr Rojas?

Der Mexikaner, der von sich behauptet, immer nur seiner Neugierde gefrönt zu haben (sprich: Master in Mathe, zweiter Master in Wirtschaft, Promotion in Politikwissenschaft und Habilitation in Künstlicher Intelligenz), versuchte eben noch einem Prüfling Termindisziplin beizubringen. Jetzt antwortet er schnörkellos und mit leichtem Akzent: »Für uns ist Fußballspielen eine Art Laboratorium. Zum Beispiel müssen Roboter mit Videokameras die Welt erkennen. Das ist im Spiel, in dem alles in Bewegung ist, sehr viel schwieriger. Wenn das ein Roboter beherrscht, wissen wir, dass er später in einer Fabrik wesentlich besser arbeiten wird.« Okay, aber braucht es für diese Erkenntnisse gleich ein Sportspektakel? Rojas lacht und erklärt: »Der Unterschied zum Labor ist, dass man beim Spielen einen Gegner hat, der mich tricksen will. Ich kann mir wohl die besten Strategien überlegen, um etwas zu erreichen, aber mein Gegner versucht die Strategie zur Strecke zu bringen.« Der tricksende Gegner nimmt die tückische Realität vorweg. Durch das Zusammenspiel mit dem Gegner werden die eigenen Lösungen immer besser, so Rojas.

Amerikanische Verspieltheit

Szenenwechsel. An der Universität Harvard wird jedes Jahre der »Ig-Nobelpreis« für unnütze und skurrile Forschung verliehen, für eine Entdeckung, die »nicht wiederholt werden kann oder wiederholt werden sollte«. Die Studenten am benachbarten MIT veranstalten jährlich einen hochkomplexen Rätselwettbewerb. Ausserdem sind ihre »I Hate This Fucking Place«-Streiche legendär. Der Polizeiwagen, der eines Morgens auf dem Kuppeldach der Universität auftauchte, ist eine nach wie vor unübertroffene Meisterleistungen auf dem Gebiet des kruden Humors und des nebensächlichen Unternehmertums. »Playfulness« nennen die Amerikaner diese entspannte Beziehung zur Wissenschaft und Universität. Übersetzt: Verspieltheit, aber auch Munterkeit.

Im akademischen Betrieb Deutschlands ist Playfulness suspekt. Wahrscheinlich steht sie in Verdacht, Spaß zu machen. Die Freie Universität stellt da keine Ausnahme dar. FU-Präsident Dieter Lenzen mag Sprichwörter wie: »Wenn man lange genug am Fluss sitzt, kann man eines Tages die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen sehen.« Das hat zwar viel mit Gewinnen, aber nicht das Geringste mit Spielen und schon gar nichts mit Munterkeit zu tun. Der AStA, unsere Studentenvertretung, hat anstelle von Rätsel- und Debattierwettbewerben nur Proteste und moralisierende Vorträge auf seiner Agenda. Zu allem Elend sehen es Professoren auch noch als ihre oberste pädagogische Pflicht, ihren Studenten »kritisches Bewusstsein« zu vermitteln, anstatt ihnen einfach mal aufzutragen, eine Hausarbeit frei zu erfinden. Dabei macht Playfulness nicht nur heiter, sondern auch unternehmenslustig!

Spielende Unternehmer

Die spielerische Forschung der Informatiker ließe und lässt sich auch auf andere Fächer übertragen. Studenten der Politikwissenschaft spielen regelmässig die Vereinten Nationen nach, um auf ungewohnte Argumentationen besser reagieren zu lernen. Heather Cameron, Juniorprofessorin am FU-Fachbereich Erziehungswissenschaft, initiierte das Kiezprojekt »Boxgirls«, wo Mädchen über den Boxunterricht die Möglichkeit erhalten, sich im öffentlichen Raum zu bewegen und in Führungsrollen zu üben. Gleichzeitig ist das Projekt soziales Labor für ihre Studenten. Dass Kunsthistoriker auf dem Antikmarkt ihren analytischen Blick schärfen können, ist kein Geheimnis (siehe Portrait auf Seite 15). Auf den Geschmack, daraus einen Wettbewerb zu machen, muss man sie wohl noch bringen. So wie sich auch bei den Historikern erst noch durchsetzen muss, dass Tagebücher fälschen nicht nur eine Unverschämtheit, sondern auch eine intellektuelle Herausforderung und hervorragende historische Übung ist.

Interessant ist, dass Professoren wie Rojas oder Cameron die ideologisch bequeme Trennung von Wissenschaft, Wirtschaft und sozialer Verantwortung munter durcheinander bringen. Cameron macht sich für »Social Entrepreneurship« stark, also der Idee, soziale Projekte durch unternehmerische Methoden und marktwirtschaftliche Instrumente nachhaltig zu machen. Rojas motiviert seine Informatikstudenten stets dazu, ihre Ideen in Produkte umzusetzen und dadurch gesellschaftlich nutzbar zu machen. Jüngst haben zwei seiner Absolventen ein Lesegerät für Blinde entwickelt, dessen Kamera selbst Texte lesen kann, die nicht strukturiert angeordnet sind. Beispielsweise in Zeitungen. Das Gerät ist wesentliche schneller und kleiner als herkömmliche Vorleseapparate. Was das mit Spielen zu tun hat? Das Kameraauge wurde ursprünglich für die Fußballroboter entwickelt.

Spiel gewordene Fabrik

Der Autor Douglas Rushkoff sieht im Spiel sogar das soziale Organisationssystem der Zukunft. In einer Kombination aus sinnlosem Kick und harter Arbeit mache es das Tun an sich, und nicht den Sieg, zur Befriedigung. Überraschen mag, dass Rojas, der nur seiner Neugierde frönt und über Themen wie die Schuldenkrise und die Armut der Nationen publiziert hat, wie ein ford›scher Industriekapitalist sagt, er habe sich und seine Studenten nie geschont. Auf die Frage, ob Disziplin und Verspieltheit zusammen gehören, lacht er natürlich wieder. Und erklärt: »Was die Studenten in Wettbewerben lernen ist, dass nicht nur gute Ideen vorn mitspielen, sondern dass man auch Ordnung und Disziplin braucht, um diese Ideen zu implementieren.« Der Torschuss eines Roboters beginnt ein Jahr im Voraus und involviert die Arbeit von mehr als 20 Händen. Erledigt jemand seine Aufgabe nicht richtig, ist das ganze Spiel in Gefahr.

Auch die beiden ehemaligen FU-Studenten Gregor Ilg und Björn Kaminski bereiten sich auf Torschüsse vor. Ihr Spiel: Handball – diese Spiel gewordene Fabrik, wo der Ball wie an einem Fließband von einer Hand zur anderen gereicht wird, in der jeder Spieler wie ein Zahnrad funktionieren muss, weil ein einziger Fehltritt das ganze Spiel unterbricht. »Im Handball kann es vorkommen, dass du auf einer bestimmten Position nur ein oder zwei Mal im Spiel den Ball kriegst«, sagt Gregor auf die Frage, was er als Unternehmer vom Handball gelernt hat. »Aber wenn du ihn hast, dann muss der Treffer sitzen.«

Den Drive dieses Spiels will er mit mittlerweile einem Dutzend Mitstreitern in ein Videogame umsetzen. Damit das passiert, muss ihr nächster, seit zwei Jahren vorbereiteter Treffer sitzen. Im Sommer läuft ihr Stipendium von »exist« für Gründungen aus der Wissenschaft aus. Dann müssen sie mit dem Prototypen ihres »Handball Challenge« einen Investor gefunden haben. Für Gamemultis war der Sport bislang nicht attraktiv. Handball ist weder gewalttätig, noch glamourös, noch global. Trotzdem glaubt Gregor, dass sich daraus ein hervorragendes Videogame machen lässt, weil es alles vereint, was Videospiele ausmacht: Tempo, Action und Taktik. Vor allem aber hat der Sport das, was nur Spiele vereinen können: Fans! Rojas Robotern ist das jubelnde Publikum egal. Anders den beiden Unternehmern: Sie pflegen täglich online mit ihrer Handballfangemeinde Kontakt, ihrer zukünftigen Kundschaft.

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