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»Krisenanfällig ist alles, was sich nicht verändern kann!«

Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter erklärt die Kreative Revolution und warum wir ein anderes System brauchen. Jetzt.

Illustration: Michi Schneider

Illustration: Michi Schneider

Das Gespräch führten Nicolas Fuchs und Laurence Thio

Wir stehen vor einer Revolution: Der Industriekapitalismus hat ausgedient. Wir sind auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Dienstleistungen verdrängen Industriearbeit, Ideen sind wertvoller als Produkte.Wolf Lotter nennt dies die »Kreative Revolution«. Kürzlich veröffentlichte er einen gleichnamigen Band, in dem sieben Vertreter der Ideenwirtschaft schrieben, welche Umstürze uns demnächst erwarten und wie die neue Ökonomie unser Leben verändern wird. Wolf Lotter ist Autor beim Wirtschaftsmagazin »brand eins« und gilt als Experte für die Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft.

In ihrem neuen Buch dreht sich alles um die »Kreative Revolution« – Herr Lotter, wie kommt man auf eine gute Idee?

Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Fragen Sie sich mal selbst: Was interessiert Sie und wo sind Sie bereit etwas zu verbessern? Mit einer guten Idee muss man nicht unbedingt neue Produkte erfinden, man kann auch Vorhandene besser machen.

Welche Bedingungen müssen herrschen damit Innovationen entstehen können?

Das Allerwichtigste ist Offenheit, nicht immer nur auf Sicherheit setzen. Zu viele Menschen betrachten, was sie haben, als Maßstab aller Möglichkeiten, das ist natürlich schlecht. Die Offenheit für Ideenwirtschaft bedeutet immer auch Freude am Risiko und die Grundvorstellung, es könnte auf dieser Welt besser sein, als es ist.

Was verstehen Sie unter einem »Kreativen«?

Kreativität ist etwas sehr Menschliches, etwas, das wir alle haben. Das gerade dann ausbricht, wenn es scheinbar keinen Ausweg gibt oder wenn die Stimmung relativ depressiv ist: also so wie jetzt. Dann neigen Menschen dazu, etwas zu machen, selbst ohne Planung oder klares Ziel. Kreativität bedeutet für mich vor allem mehr Selbständigkeit. Ich versuche also mein eigenes Leben zu gestalten, statt mich auf Rahmenbedingungen zu verlassen oder zu fordern, dass andere für mich einen Rahmen schaffen. Fast jeder Unternehmer denkt so. Das ist eine klare unternehmerische Tugend. Kreative sind nicht nur Menschen, die Kunst machen oder in der Ideenwirtschaft arbeiten. Es kann beispielsweise eine Krankenschwester sein. Es sind Menschen, die in ihrem Job mehr Gestaltungsfreiraum schaffen als es die Methode und der Plan vorsieht.

Und wo sind die Zentren der Kreativen Revolution?

Ich glaube nicht dass es darum geht, dass man sagt »Hier kannst du jetzt besonders kreativ sein«. Man braucht keine Bühne oder kein Theater. Kreativität lebt davon, dass man etwas verändern möchte, in dem Sinne ist Kreativität auch ein System- und Regelbruch.

Welche Rolle spielen die Universitäten in der Kreativen Revolution?

In erster Linie werden die Universitäten Wissensstandards vermitteln. Es muss einen freien Zugang für Studierende aller Altersgruppen geben. Da ist man noch nicht weit genug. Ein Problem dabei ist meiner Meinung nach zu viel Standesdünkel im akademischen Bereich. Des Weiteren erwarte ich von einer Universität, dass sie aktiv ist. Sie soll zum Entwicklungshelfer von Menschen werden, die für die Wissensgesellschaft individuelle und persönliche Lösungen einbringen. Keine industriellen, keine 0815-Lösungen mehr. Wenn alle Leute von denen man sich neue Problemlösungen erwartet einheitlich betreut, einheitlich unterrichtet und ausbildet werden, haben Sie am Ende wieder nur eine einheitliche Masse. Das ist ein großes Problem unseres Bildungssystems. Je mehr das System behauptet einheitliche Qualität produzieren zu können, desto schlechter, ängstlicher und fehleranfälliger ist es. Wichtiger ist es ab einem bestimmten Punkt Freiheiten zu geben. Das können wir in unserem System nur sehr schwer denken,  weil wir »entweder/oder« denken.  Wir müssen »sowohl/als auch« denken!

Mit dem Bologna-Prozess sind die Universitäten auf einem ganz anderen Weg.

Ja und dabei handelt es sich um eine der schlimmsten und problematischsten Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte. Einige Leute aus Konzernlobbies glauben man könnte sich einen Experten schnitzen. Darauf hat dann irgendwann ein akademisches Establishment reagiert, und will jetzt Experten herstellen – das ist richtiger Unfug!

Wie müsste die Universität reagieren – wie vermittelt sie zeitgemäß Wissen?

Man müsste vielmehr ein Management der Unsicherheit, der Überraschung unterrichten. Man müsste die Menschen so vorbereiten, dass sie sich Situationen relativ flexibel und spontan anpassen können. Damit sie lernen aus dem Leben etwas zu machen, stattdessen tut man so als ob man mit 20 oder 25 wissen könnte was in zehn Jahren passiert. Wir brauchen Instrumente, die uns mit Überraschungen und mit Veränderungen des Systems arbeiten lassen. Dann werden wir auch wieder veränderungsfähige Intellektuelle haben, die bereit sind den Wandel zu tragen und nicht darauf bestehen, dass alles so bleiben muss, wie es ist.

Unternehmer-Geschichten werden in letzter Zeit gern in der Presse erzählt. Eine Rückbesinnung auf Werte gegenüber dem Macht- und Geldstreben der Manager. Brauchen wir mehr Unternehmertum?

Unsere Gesellschaft muss den Unterschied zwischen Unternehmern und Managern lernen. Unternehmer stehen für eine Idee ein, sie tragen ein Risiko und haben den Mut trotzdem etwas nach vorne zu bringen. Das ist etwas völlig anderes als das, was ein Manager macht. Manager waren ursprünglich die Organisatoren von Fabriken, nicht mehr und nicht weniger. Sie haben Menschen organisiert, sie haben Zeit und Ressourcen organisiert. In einer Welt, in der Ideen und Wissen zur wichtigsten Ressource werden, sind Manager überflüssig. Manager haben in der Form, wie sie sich heute definieren, keine Zukunft.

Unternehmer haben hingegen eine sehr große Zukunft, weil sie mit der vorhandenen Situation unzufrieden sind und etwas voran treiben wollen. Diese Debatte wird noch nicht überall richtig verstanden. Dabei finde ich immer ganz witzig, dass insbesondere in der linken politischen Hälfte Unternehmertum nicht gut angesehen ist. Es wird oft überhaupt nicht verstanden wie sehr Unternehmertum eine der wichtigsten Grundlagen zur gesellschaftlichen Emanzipation ist.

Ist aktuell ein guter oder schlechter Zeitpunkt universitäre Ausgründungen an den Start zu bringen?

Im Moment haben wir einen sehr guten Zeitpunkt, denn die Alternative, sozusagen das Gegenmodell, wäre die vorhandenen Strukturen zu stärken. Einige dieser Strukturen sind Teil eines krisenanfälligen Systems und krisenanfällig ist alles, was sich nicht verändern kann.

Ich bin sehr dafür gerade jetzt zu gründen. Das ist nicht allen gegeben. Es gibt viele Leute, die überhaupt nicht gelernt haben, etwas zu entwickeln oder eine Idee zu erkennen – also die Frage stellen: Geht das besser oder ganz anders als bisher? Aber das kann die, die es gelernt haben, die Ideen entwickeln und erkennen, nicht abhalten etwas zu tun. Gleichzeitig sollten sie die anderen auffordern sich etwas mehr geistig anzustrengen, statt vorhandenes Wissen zu reproduzieren und zu Bürokraten zu werden. Ich halte alle Leute die Systemerhalter sind für einfach zu faul um nachzudenken. Das ist keine Frage der Talente und der Fähigkeiten sondern der Bequemlichkeit.

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