Open Access to the Rattenkeller

Von den ers­ten Bücher­spen­den an die Freie Uni­ver­si­tät bis zum E-Book: über die Ver­gan­gen­heit und Zukunft wis­sen­schaft­li­cher Literatur.

Bildquelle: Universitätsbibliothek FU Berlin

Bild­quelle: Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek FU Berlin

von Flo­rian Stenschke

Mit Büchern waren Gedan­ken­gänge durch Theo­rie­ge­bäude schon mög­lich gewe­sen, bevor der erste Vor­le­sungs­saal gebaut war. Frau Stamm, 1948 die Lei­te­rin der Erwer­bungs­ab­tei­lung, packt in die­sem rüh­ri­gen Nach­kriegs­bild Bücher­spen­den aus den USA aus. Ham­mer, Beil und Keil waren in den ers­ten Tagen der Freien Uni­ver­si­tät für Biblio­the­kare so wich­tig wie heute der Barcodescanner.

Würde die Freie Uni­ver­si­tät heute noch­mals mit Hilfe von ame­ri­ka­ni­schen Spen­den gegrün­det, müsste die Lite­ra­tur wahr­schein­lich nicht mehr im »Rat­ten­kel­ler« gesta­pelt wer­den, son­dern würde als PDF zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Stu­den­ten bekä­men E-Books und der Pro­li­fe­ra­tion von Wis­sen stünde nichts mehr im Weg.

Geteil­tes Glück ist dop­pel­tes Glück. Die Gedan­ken sind frei. Und: Worte sind Geschenke. Wer sie liest, wird mit Infor­ma­tio­nen berei­chert – manch­mal auch mit Wis­sen. Warum also die Auf­re­gung um »Open Access«, einer Initia­tive für frei zugäng­li­che Wis­sen­schafts­li­te­ra­tur im Inter­net? Ist es nicht schön, wenn jeder alles lesen, hören und sehen kann? Gerade dann, wenn die Auto­ren nicht am Hun­ger­tuch nagen, son­dern auf gepols­ter­ten Lehr­stüh­len sitzen?

Für Uni­ver­si­tä­ten (und damit für Steu­er­zah­ler) ist gedruckte Wis­sen­schaft ein schlech­tes Geschäft: Uni­ver­si­tä­ten bezah­len For­schern Aus­stat­tung und Gehalt. Publi­ka­tio­nen wer­den redak­tio­nell von Kol­le­gen betreut und gra­tis an pri­vat­wirt­schaft­li­che Buch­ver­lage gege­ben. Danach müs­sen Unis das Wis­sen in Form teu­rer Bücher und Zeit­schrif­ten­abon­ne­ments von den Ver­la­gen zurück kaufen.

Auch den Stu­den­ten brin­gen E-Books viele Vor­teile: alle Titel sind jeder­zeit erhält­lich, die Wege zu unter­schied­li­chen Biblio­the­ken fal­len weg. Hap­ti­sche Nach­teile stö­ren aka­de­mi­sche Viel­zu­hause– und –unter­wegs­le­ser mit feder­leich­ten E-Books nicht. Nie­mand müsste mehr aus finan­zi­el­len oder logis­ti­schen Grün­den auf wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur verzichten.

Fazit: Der Mehr­wert eines gedruck­ten Wis­sen­schafts­buchs exis­tiert nur auf dem Bank­konto des Verlags.

»Copy­right« – das »Recht zum Kopie­ren« — ist Dru­cker­schwärze von vor­ges­tern, als man Fern­se­hen noch mit dem Fern­se­her emp­fing und mit einem Tele­fon tele­fo­nierte, das nichts ande­res konnte als Tele­fo­nate über­mit­teln. Im digi­ta­len Zeit­al­ter sind Ori­gi­nal und Kopie iden­ti­sche Abfol­gen von Ein­sen und Nul­len; die Kopie exis­tiert de facto nicht mehr. Ver­mut­lich bringt Steve Jobs bald sty­li­sche Lese­bril­len mit Tex­ter­ken­nungs­scan­ner auf den Markt, durch die alle jemals gedruck­ten Worte in einer gigan­ti­schen Daten­wolke ver­damp­fen – mit Open Access. Die nor­ma­tive Kraft des Fak­ti­schen bricht dem Copy­right das Genick und bringt Wis­sen  in Umlauf. Ham­mer, Beil und Keil braucht es dazu nicht mehr.

1. Juni 2009, Campus, FURIOS 02

1 Kommentar

  1. […] Drama Queen”, “Das ewige Expe­ri­ment“, „Innige Ver­hält­nisse“ und “Open Access to the Rat­ten­kel­ler” stö­bern die Auto­ren in ver­gan­ge­nen Zei­ten. Das ist fast ein biss­chen zu viel des Guten. Was […]

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