Die Lange Nacht: Volksfest der Wissenschaft?

Das Schöne an Wis­sen­schaft ist, dass sie scheiß­lang­wei­lig ist. So soll sie auch bleiben.

freitagskommentar

von Chris­tian Wöl­le­cke

Wis­sen­schaft als All­tags­hilfe ist popu­lär. Vor Jah­ren ent­stan­den Wis­sen­schafts­sen­dun­gen wie „Welt der Wun­der“, die Wis­sen­schaft anschau­lich machen wol­len. Ob es nun wie auf der „Welt der Wunder“-Webseite um „Stein­zeit­bau­ern im Blut­rausch“ geht oder um „Schrille Kil­ler — die gif­tigs­ten Tiere der Welt“ — es wird mit Super­la­ti­ven gearbeitet.

Und hier macht auch die „klügste Nacht des Jah­res“ nicht halt. Mit dem Anspruch die Nacht biete „für jeden das Rich­tige“ wird eine These eröff­net, der die Wis­sen­schaft in ihrer ori­gi­nä­ren Form nicht gerecht wer­den kann. Wo ist sie hin in die­ser Nacht, die süße Lan­ge­weile des uni­ver­si­tä­ren Alltags?

Damit die Besu­cher bei Laune blei­ben, wenn sie den exklu­si­ven Shut­tle­bus­sen ent­stei­gen, gibt es aller­lei Hokus­po­kus zur Unter­hal­tung. Der Cam­pus wird zum „Ball Pool“, in dem man zwi­schen lau­ter bun­ten Din­gen her­um­to­ben kann.

Im Uni­ver­si­täts­ar­chiv war­tet ein „Mit­mach­ex­pe­ri­ment“ auf die „klei­nen Besu­cher“: „Des Pro­fes­sors alte Klei­der: Anprobe eines his­to­ri­schen FU-Talars mit Foto­shoo­ting“. Wo hier wohl das Expe­ri­ment ist? Laut dem Pro­gramm des Leibniz-Instituts für Kris­tall­for­schung ist auch für den obli­ga­to­ri­schen „Hau den Lukas“ — Stand gesorgt: „Mes­sen Sie Ihre Kraft mit­hilfe von pie­zo­elek­tri­schen Kris­tal­len. Wer ist der stärkste Besu­cher?“ Weil Kris­tall­züch­tung nicht lang­wei­lig sein muss!

Auch die FU führt ihre Kris­tall­for­scher ins Feld. Eso­te­ri­ker dür­fen in der lan­gen Nacht ihre Kris­tall­ku­geln aus­füh­ren: „Haben Sie Steine und Kris­talle zu Hause und möch­ten gerne wis­sen, worum es sich bei ihren Schät­zen han­delt? Egal ob aus dem Urlaub, vom Floh­markt, der Mine­ra­li­en­börse … wir füh­len ihren Fund­stü­cken auf den Zahn und bestim­men die Mineralarten.“

Dass bei soviel Volks­nähe nicht wenigs­tens die Brat­wurst ins Bröt­chen gebeamt wird und das kühle Helle in Regen­bo­gen­far­ben erstrahlt, ist wirk­lich bitter.

Wis­sen­schaft und Spaß, das geht höchs­tens auf Mar­ke­tin­ge­bene zusam­men. Wo die Wis­sen­schaft unter­hal­ten muss, da ist sie nicht sie selbst. Die lange Nacht der Wis­sen­schaf­ten ist eine völ­lig sinn­freie Ver­an­stal­tung. Wis­sen­schaft muss das tun dür­fen, was sie am bes­ten kann: Lang­wei­lig sein.

12. Juni 2009, Furioser Kommentar

3 Kommentare

  1. Warum muss Wis­sen­schaft lang­wei­lig sein? Die Kunst erfolg­rei­cher Wis­sen­schaft, oder sagen wir erfolg­reich ange­wand­ter Wis­sen­schaft, ist es doch, sich als Wis­sen­schaft­ler hypo­the­tisch durchs Leben zu bewe­gen und dabei trotz­dem den Über­gang zu ande­ren Lebens­be­rei­chen und Berufs­grup­pen zu schaffen.

    Die Men­schen, die in ihrer Arbeit auf wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse zurück­grei­fen (Inge­nieure, Wer­ber, Sozi­al­ar­bei­ter …) brau­chen doch auch Zugang zur Wis­sen­schaft. Ich halte es für voll­kom­men falsch, hypo­the­ti­sches Arbei­ten mit Lan­ge­weile geichzustellen.

    Ein ande­rer Punkt: Die sog. Wis­sen­schaft forscht und ent­wi­ckelt viel, was nur über Fach­pu­bli­ka­tio­nen an die »Öffent­lich­keit« kommt. Der Nach­rich­ten­wert reicht oft nicht für SPIEGEL & Co. Warum dann nicht dem mün­di­gen Bür­ger die Mög­lich­keit geben ohne Imma­tri­ku­la­tion an einer Uni sich einen gro­ben Über­blick über For­schung zu ver­schaf­fen? Dass hier­für als Inter­es­sen­ge­win­nung erst eine Hüpf­burg auf­ge­baut wer­den muss, ist übri­gens eine empi­ri­sche Erkenntnis.

    Comment von Leichtmatrose Hannes — 13. Juni 2009, 12:16

  2. Ich finde den Kom­men­tar sehr gut zuge­spitzt, der große Nach­teil der Nacht der Wis­sen­schaf­ten ist doch, dass die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten kaum etwas zei­gen kön­nen — es sind keine son­der­lich foto­ge­nen Wis­sen­schaf­ten, mehr als ein Quiz lässt sich da kaum raus­ho­len. Wis­sen­schaft wird auf einen sehr klei­nen all­ge­mein­ver­ständ­li­chen Teil redu­ziert und ich glaube nicht, dass sich die Besu­cher danach wirk­lich tie­fer­ge­hend mit Pro­ble­men des Fachs aus­ein­an­der­set­zen. Die Nacht der Wis­sen­schaf­ten ist ein pures Mar­ke­ting­in­stru­ment um Ver­ständ­nis dafür zu wecken, dass die Uni jedes Jahr Mil­lio­nen von Euro in For­schung und Lehre ver­pul­vert (oder sinn­voll anlegt)! Schö­nes Wochen­ende, Katinka

    Comment von Katinka — 13. Juni 2009, 18:19

  3. […] „Lange Nacht der Wis­sen­schaf­ten“ zeigte Wis­sen­schaft lebens­nah. Da war dann sogar Platz für ein Pferd im […]

    Pingback von FURIOS Online - Ein Pferd im Hörsaal - Fotostrecke — 21. Juni 2009, 22:13