Denn wir wissen nicht, was wir wollen

Vor zwei Wochen begann der soge­nannte Bil­dungs­streik. Unser Autor war mit dabei, heute fragt er sich: Was bleibt? Selbst­an­klage eines zukünf­ti­gen Wissenschaftlers.

Verwirrter Mitläufer Lejeune in der Bildungsstreik-Demonstration

Ver­wirr­ter Mit­läu­fer Mar­tin Lejeune auf der Bildungsstreik-Demo

Text: Mar­tin Lejeune   Foto: Regina Schmeken

Bun­des­weit pro­tes­tier­ten Mitte Juni hun­dert­tau­sende von Stu­die­ren­den und Schü­lern. Die Orga­ni­sa­to­ren des soge­nann­ten Bil­dungs­streiks wer­ten die Pro­teste als Erfolg. Doch das ist ein Irr­tum. Trotz Auf­ruf der Gewerk­schaf­ten streik­ten zum Bei­spiel in Ber­lin nur fünf Pro­zent der Stu­den­ten und null Pro­zent der Pro­fes­so­ren.
Ernüch­ternd fällt auch die Streik-Bilanz am Otto-Suhr-Institut für Poli­tik­wis­sen­schaft (OSI) der Freien Uni­ver­si­tät (FU) Ber­lin aus. 30 von 3000 Stu­den­ten des OSI hat­ten es Mitte Juni spon­tan besetzt. Ist es über­haupt mög­lich, dass ein Pro­zent der Stu­den­ten eines Insti­tuts die größte Politologen-Schmiede der BRD beset­zen kann, einen rie­si­gen Gebäu­de­kom­plex mit 20 Zugän­gen?

Eine Schein-Besetzung

Det­lef Brose, der Ver­wal­tungs­lei­ters des OSI fra­ter­ni­sierte mit den 30 Beset­zern von Anfang bis Ende. Er ver­schloss das OSI per elek­tri­scher Schließ­an­lage und die Stu­die­ren­den streik­ten zu sei­nen Bedin­gun­gen: der Prü­fungs­be­trieb durfte nicht behin­dert wer­den. Eine Schein-Besetzung, ein unor­ga­ni­sier­ter Ver­such, Vor­le­sun­gen zu boy­kot­tie­ren, die von eini­gen fle­xi­blen Pro­fes­so­ren (»Streik­bre­chern«) in ande­ren Uni-Gebäuden gehal­ten wur­den. Den Prü­fungs­be­trieb lahm­zu­le­gen, hätte weh getan!

Die OSI-Studenten (Nume­rus clau­sus: 1,2) gehö­ren zur zukünf­ti­gen Elite der Poli­tik­be­ra­ter und Staats­len­ker. Wenn diese Gruppe es nicht schafft, sich zu orga­ni­sie­ren, stra­te­gisch zu den­ken und zu han­deln, um ihre Inter­es­sen durch­zu­set­zen, dann gute Nacht, Deutschland!

»Das Prä­si­dium ist besetzt!«

Noch unor­ga­ni­sier­ter als die Aktio­nen am OSI war nur noch die Beset­zung des FU-Präsidiums. Die Voll­ver­samm­lung (VV) aller FU-Studenten, die 30 Ände­rungs­an­träge zum Streik­be­schluss abstim­men sollte, stimmte nicht über einen ein­zi­gen Antrag ab! Bevor es dazu kom­men konnte, schrie jemand: »Das Prä­si­dium ist besetzt!« Andere Grup­pen, die tat­säch­lich vor hat­ten, das Prä­si­dium nach der Abstim­mung über die Anträge zu den Streik­for­de­run­gen zu beset­zen, waren irri­tiert, denn plötz­lich spran­gen die Stu­den­ten auf und rann­ten irgend jeman­dem mit einer roten Fahne hin­ter­her. Dabei gin­gen einige Stu­den­ten in den vie­len klei­nen, von Vil­len gesäum­ten Wegen des Uni-Viertels ver­lo­ren, weil sie gar nicht wuss­ten, wo das Prä­si­dium ist.

Plötz­lich merk­ten die Stu­den­ten, dass sie keine For­de­run­gen hatten

Tat­säch­lich gelang es den 400 Stu­den­ten, die die VV-Abstimmungen ver­hin­der­ten, das Prä­si­dium für einige Stun­den zu beset­zen und die Kühl­schränke der ein­fa­chen Ange­stell­ten der Prä­si­di­al­bü­ro­kra­tie zu plün­dern sowie die Wände des his­to­ri­schen Gebäu­des mit Klos­prü­chen zu beschmie­ren. Als drau­ßen die Poli­zei anrückte und die Ein­satz­lei­tung nach den For­de­run­gen der Stu­den­ten fragte, merk­ten diese plötz­lich, dass sie gar keine hat­ten. Spon­tan wurde daher for­mu­liert: »Anwe­sen­heits­kon­trol­len FU-weit abschaf­fen!« Doch nicht die Stu­den­ten, end­lich mit einer For­de­rung aus­ge­stat­tet, ver­han­del­ten mit der Poli­zei­ein­satz­lei­tung, son­dern der plötz­lich her­bei­ge­eilte OSI-Professor Hajo Funke. Mit dem Ergeb­nis, dass die 400 Beset­zer fried­lich aus dem Prä­si­dium abzo­gen, ohne dass sie ihr Ziel erreicht hat­ten. End­lich, als wir eine For­de­rung hat­ten, und dabei waren, diese mit dem Mit­tel der Beset­zung Nach­druck zu ver­lei­hen, kam der Funke und löschte das Feuer! Stu­den­ten dür­fen nie­man­dem trauen, der über 30 ist, schon gar nicht einem Pro­fes­sor, der von der FU bezahlt wird. Es kann die Befrei­ung der Stu­den­ten nur das Werk der Stu­den­ten sein!

Jeder solle das machen, was er wolle

Ende letz­ter Woche war das für die künf­tige Aktio­nen wich­tige FU-weite Aus­wer­tungs­tref­fen der Pro­teste. Die Ana­lyse der Streik­wo­che war erschre­ckend; die Aktio­nen seien ein vol­ler Erfolg gewe­sen, hieß es, weil »Spie­gel Online« einen klei­nen Video-Clip zu einer »Beset­zung« der Deut­schen Bank am Ber­li­ner Kudamm ins Netz gestellt habe. Sofort fin­gen wie­der alle damit an wie eine Schar auf­ge­reg­ter Hüh­ner zu beschlie­ßen, mit einem Hap­pe­ning Scha­vans Bologna-Konferenz Anfang Juli in Ber­lin zu stö­ren. Ein­wände, dass dann wie­der nur 350 Stu­die­rende kom­men, die nicht wis­sen, was sie wol­len, und dass wir zuerst über unsere For­de­run­gen abstim­men müss­ten, wur­den mit der Bemer­kung vom Tisch gewischt, dass orga­ni­sierte Struk­tu­ren »Scheiße« seien. Jeder solle das machen, was er wolle: blo­ckie­ren, beset­zen, sym­bo­lisch eine Bank überfallen.

Die Stu­den­ten bei dem FU-weite „Wie weiter?“-Treffen mein­ten, sie kön­nen nichts beschlie­ßen (z. B. For­de­run­gen), weil sie als eine Teil­gruppe doch gar nicht alle FU-Studierenden reprä­sen­tie­ren. Ich ent­gegne: Wenn die 67/68er-Revoltierenden abge­war­tet hät­ten, bis sie alle Stu­den­ten res­prä­sen­tie­ren, dann hät­ten sie ihren Kampf gegen die Unfrei­heit in der Uni­ver­si­tät nicht so erfolg­reich geführt, dann wäre wohl­mög­lich noch heute der Muff von 1000 Jah­ren unter den Talaren.

An Dutsch­kes Grab

Nie­der­ge­schla­gen ging ich anschlie­ßend zu Rudi Dutsch­kes Grab, das gleich gegen­über dem FU-Gebäude liegt. Rudi Dutschke war ein Intel­lek­tu­el­ler, der sich mit gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen erst in Ost, dann in West aus­ein­an­der­setzte, der wusste, woge­gen er kämpfte und wofür und wie er dies errei­chen kann. Mit dem Atten­tat auf Dutschke ist eine Lücke ent­stan­den, die bis heute nie­mand ausfüllt.

»Elite war als Kind schon Scheiße!« hieß es auf einem der Trans­pa­rente, die wäh­rend des Bil­dungs­streiks zu sehen waren. Es gibt keine Elite an der FU Ber­lin. Es ist auch keine in Sicht. Genau das ist das Problem.

Der Autor ist Mit­glied der Links­par­tei, Sti­pen­diat der Hans-Böckler-Stiftung, stu­den­ti­scher Mit­ar­bei­ter am Otto-Suhr-Institut.

Regina Schme­ken (Foto) wurde 1978 mit dem Kri­ti­ker­preis der »Ren­con­tres Inter­na­tio­na­les de la Pho­to­gra­phie« in Arles und 1996 mit dem »Dr.-Erich-Salomon-Preis« der Deut­schen Gesell­schaft für Pho­to­gra­phie ausgezeichnet.

28. Juni 2009, Bildungsstreik

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