Total abgedreht

Die FU hat einen ver­kitsch­ten Film über sich selbst gedreht. Jetzt haben drei Stu­den­ten einen Gegen­film gemacht. Unser Autor will trotz­dem einen eigenen.

fu-image

von Tin Fischer

Da war zunächst die­ser Image­film über die Freie Uni­ver­si­tät. Das Dreh­buch hat die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stelle der FU geschrie­ben. Das Bud­get dürfte um die 50‘000 Euro betra­gen haben. Haupt­dar­stel­ler ist FU-Präsident Die­ter »Who Else?« Len­zen. Die Neben­rol­len wer­den von Pro­fes­so­ren besetzt. Als bezahlte Sta­tis­ten dien­ten 70 Stu­den­ten. Kos­tüme gibt es im Film keine. FU-Studenten tra­gen ja auch im All­tag nichts ande­res als FU-T-Shirts. Rüh­rendste Szene ist Minute 7, als Rechts­pro­fes­sor Kunig beim Reden spi­cken muss; es geht um das Wort «Inter­na­tio­na­li­tät». Grösste Kitsch­szene ist eine Pro­fes­so­rin, die gerade mal 6 Stu­den­ten betreut (siehe oben). Bes­ter Spruch kommt von Sta­nis­lav »Matri­kel­num­mer 1″ Kubi­cki über die ers­ten Tage der FU: «Wir woll­ten frei und poli­tisch unab­hän­gig studieren!»

So was lässt man sich an der FU natür­lich nicht sagen. Prompt ist eine Gegen­dar­stel­lung erschie­nen! Pro­du­ziert von «Caspa», «Joerg» und «Frans» (mehr wol­len sie nicht ver­ra­ten). Sie sind der Mei­nung, dass der Image­film nur die schö­nen Sei­ten ihrer Uni­ver­si­tät zei­gen würde und dass es mit dem freien stu­die­ren an der FU nicht weit her sei. Bud­get hat­ten sie kei­nes. Ehren­amt­li­che Haupt­dar­stel­ler sind die alle­samt eme­ri­tier­ten Polit-Professoren Peter Grot­tian, Wolf-Dieter Narr und Bodo Zeu­ner (Rei­hen­folge alpha­be­tisch; poli­tisch sor­tiert wären sie alle auf einem Hau­fen links außen). Schönste Szene ist Wolf-Dieter Narrs Aus­füh­rung über die Ekstase, die kör­per­li­che Lust und die Frei­heit. Jawohl!-ruf-Passage ist Minute 15: Grot­tian sagt, das Bologna-System sei eine «Piz­za­bä­cke­rei des Men­schen» und würde keine urteils­fä­hi­gen Men­schen produzieren.

Das meiste Kür­zungs­po­ten­tial hät­ten Grot­ti­ans schwüls­tige i’s und e’s und o’s gehabt in Sät­zen wie: «Die Freie Uni­ver­si­teeet ist leiiiider ein Mus­ter­bei­spiel daaa­füüüür, wie die Füüüh­rungs­gre­mien die­ser Uni­ver­si­teeeet den Ver­such machen, diese Uni­ver­si­tät nur noch als Unter­neeee­eh­mens­uni­ver­si­tät zu defi­nie­ren. Und eine Unter­neeee­eh­mens­uni­ver­si­tät hat zunächst ein­mal sehr stark die Vor­stel­lung, dass sie ökon­o­ooo­mi­sche Inter­es­sen bedient. Dass sie weit­geeeee­e­hend Brü­cken baut zur Okoni­mieeeee, um die Inter­es­sen der Ökono­mie zu bedie­nen.» Viel­leicht hätte man die i’s und e’s und o’s zuguns­ten von ein paar Ant­wor­ten ein­spa­ren kön­nen. Warum soll eine unter­neh­me­risch orga­ni­sierte Uni­ver­si­tät zwin­gend Brü­cken zur Ökono­mie auf­bauen? Bedingt sich das gegen­sei­tig? Und wenn ja: Wie kommt es, dass ich an mei­nem Insti­tut noch nie auch nur eine ein­zige Lot­ter­brü­cke zur Ökono­mie ent­deckt habe, die FU aber angeb­lich an nichts ande­rem bauen soll?

Mein Film über man­gelnde Anarchie

Mir scheint, dass ich an kei­ner der bei­den Uni­ver­si­tä­ten stu­diere. Denn mein Film über die Frei­heit an der Freien Uni­ver­si­tät würde mit einem scheiß­lang­wei­li­gen Refe­rat von 90 Minu­ten begin­nen, weil man an mei­ner Freien Uni­ver­si­tät die längste Zeit mit unter­ir­disch schlech­ten Refe­ra­ten ver­schwen­det. Danach würde ein Stu­dent das Prin­zip der «Frei­heit der Lehre» erklä­ren: Es handle sich dabei, würde er ver­ra­ten, um einen gehei­men Nicht­an­griffs­pakt zwi­schen Dozen­ten und Stu­den­ten. Die Dozen­ten wür­den die Stu­den­ten mit Refe­ra­ten den Unter­richt bestrei­ten las­sen, dafür wer­den die Stu­den­ten für nichts kri­ti­siert und mit guten Noten ruhig gestellt. Nen­nen würde man das «for­schungs­ori­en­tier­tes Ler­nen». Schnitt.

Danach würde der Libe­rale Ralf Dah­ren­dorf zu die­sem Pro­blem befragt. «Die Unis haben viel zu lange trotz Ver­zehn­fa­chung der Stu­den­ten und auch der Leh­ren­den eine Ideo­lo­gie gepflegt, die gar nicht mehr dahin­ge­hört», würde er sagen. «Das, was man so Hum­boldt nennt.» (Eigent­lich ist Dah­ren­dorf tot. Aber er hat das mal dem Uni­SPIE­GEL gesagt.) An die­ser Stelle würde der Inter­viewer auf­schre­cken: Was habe Dah­ren­dorf gegen Hum­boldt, die Ein­heit von For­schung und Lehre?! «Gar nichts. Abs­trakt sagt mir die Idee sogar sehr zu. Aber kon­kret bringt es unlös­bare Pro­bleme, wenn man die Hoch­schu­len so weit öffnet. Wie wol­len Sie das denn heute machen, wenn man diese Rie­sen­zah­len von Stu­den­ten hat?»

Aus die­sem Grund würde mein Film der Frage nach­ge­hen, warum die Bologna-Reform hier schei­tert. Haupt­dar­stel­ler wären drei Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren. Eine, die noch immer vom Erfolg beim Exzel­len­z­wett­be­werb berauscht ist und nicht glau­ben kann, dass ein BA/MA-Studiengang an der Freien Uni­ver­si­tät noch so etwas wie Män­gel auf­wei­sen könnte. Einen, der stän­dig wie­der­holt, dass er «schon immer gegen diese Reform» war und jetzt alles dafür tut, damit sie auch wirk­lich schei­tern wird. Und einen, der bei jedem Ver­bes­se­rungs­vor­schlag fürch­tet, er könnte gegen eine höhere Instanz oder gar eine EU-Norm ver­stos­sen. Für die rest­li­che Zeit wür­den diese Pro­fes­so­ren dabei gefilmt, wie sie Ver­bes­se­run­gen der Bologna-Studienpläne aus­ar­bei­ten soll­ten. Es würde ein ziem­lich lan­ger, lang­wei­li­ger und auf­schluss­rei­cher Film über die FU.

Wei­tere Bei­träge zum Thema im Blog der LHG und bei der UnAuf der HU.

2. Juli 2009, Campus

Kommentar schreiben