Der heißeste Tag meines Lebens

Die Hitze hat ihn nicht stop­pen kön­nen. In Gua­te­mala klet­terte Johan­nes Hub einen Vul­kan hin­auf und ver­sengt sich fast die Barthaare.

Johannes Hub bei der Besteigung des Vulkan Pacaya. Im Hintergrund: Lava.Unser Autor bei der Bestei­gung des Vul­kan Pacaya. Im Hin­ter­grund: Lava.

Text und Foto: Johan­nes Hub

Ein gua­te­mal­te­ki­scher Vul­kan lässt sich nicht gerne bestei­gen. Meis­tens hüllt er sich in Regen­wol­ken, der Weg zum Kra­ter ist steil. Und hat man es doch geschafft, streut er einem zumin­dest Steine in die Schuhe.
Möchte man es den­noch ver­su­chen, muss man früh anfan­gen und sich beei­len. Unsere mutige Expe­di­tion, zwei Freun­den und ich, macht sich im Auto auf den Weg. Zum Glück muss ich nicht fah­ren. Im Halb­schlaf kriege ich mit, wie unser Auto sich durch den Ver­kehr wühlt. Es scheint, eine Hupe sei in Gua­te­mala wesent­lich wich­ti­ger als Bremslichter.

Ein Ort an dem noch kein Mensch war

End­lich errei­chen wir die letzte Stadt, bevor es zu Fuß wei­ter­geht: San Vicente de Pacaya. Sie liegt etwa 20 Mei­len süd­west­lich von Gua­te­mala City.
Ein Füh­rer bie­tet uns am Orts­ein­gang für 75 Quetzales (etwa 6,50 €) an, uns zu Orten zu füh­ren, an denen nie zuvor ein Mensch gewe­sen ist. Damit muss er nicht mal lügen, denn durch den stän­dig akti­ven Volcan de Pacaya ändert sich die Land­schaft um sei­nen Gip­fel andau­ernd. Wir neh­men an und rüs­ten uns an einem klei­nen Park­platz mit dem nötigs­ten aus: Was­ser, Kamera, Bier, ein paar kalte Ham­bur­ger, Pull­over. Dann lau­fen wir los. Die Stei­gung ist stark, ca. 35 Grad. Unser Füh­rer lässt es sich nicht neh­men uns Abkür­zun­gen zu zei­gen, die meis­tens noch stei­ler sind. Uns fol­gen Maul­tier­rei­ter. Sie war­ten dar­auf, dass wir schlapp machen, um uns dann eine Ritt zurück anbie­ten zu kön­nen. Nach einer hal­ben Stunde geben sie auf, denn wir hal­ten durch. Nur manch­mal hal­ten wir an und trin­ken Wasser.

Beton­plat­ten sol­len vor den vul­ka­ni­schen Bom­ben schüt­zen

Die Hänge des Pacaya sind mit Dschun­gel bewach­sen, ver­ein­zelt gibt es Hüt­ten und ein paar Obst­pflan­zun­gen. Oft drin­gen die merk­wür­digs­ten Geräu­sche von Tie­ren zu uns: Ein schwa­ches Zir­pen wächst zu einem hohen schnar­ren an und ver­stummt wie­der. Die Urhe­ber der Geräu­sche sieht man nicht, aber man wäre sicher­lich ent­täuscht, weil sie nicht halb so ein­drucks­voll aus­se­hen wür­den, wie sie sich anhö­ren – kein Nas­horn, dass aus einem Ei schlüpft. Die Geräu­sche ver­mi­schen sich manch­mal mit einem dump­fen Grol­len, das vor uns liegt. Unser Füh­rer geht uner­müd­lich wei­ter. Wir pas­sie­ren mit dicken Beton­plat­ten bedeckte rudi­men­täre Häu­ser, die im Falle eines plötz­li­chen Aus­bruchs vor den vul­ka­ni­schen Bom­ben schüt­zen sollen.

Betre­ten verboten!?

Der Weg win­det sich ein letz­tes Mal, noch ein­mal schie­ben wir einen Ast zur Seite und dann sehen wir es vor uns: Das Land Mordor, der Aschen­be­cher der Natur.
Vor uns liegt ein grauer Geröll­ke­gel, der McKen­ney Cone, aus sei­nem Gip­fel stei­gen Dampf­schwa­den, immer wie­der löst sich Tuff­ge­stein von einer der sich lang­sam vor­schie­ben­den Lava­zun­gen und pol­tert ein paar Meter weit. Hier wächst nichts mehr. Vor 9 Jah­ren wurde diese Land­schaft durch einen gro­ßen Aus­bruch geschaf­fen. Wir wis­sen, wäre der Vul­kan in Deutsch­land, stünde spä­tes­tens hier ein Schild Betre­ten ver­bo­ten!

Bren­nende Bart­haare und heiße Füße

Über erkal­tete Ströme hin­weg gehen wir wei­ter. Nichts in die­ser Land­schaft ist fest, selbst große Bro­cken lösen sich beim Betre­ten. Manch­mal auf allen vie­ren schaf­fen wir unge­fähr 50 Höhen­me­ter. End­lich errei­chen wir echte Lava­ströme. Die rot glü­hende Ursuppe fliest auf Augen­höhe vor uns. Auf etwa einen Meter kann man sich ihr nähern, dann ver­sengt sie einem die Bart­haare. Wir sto­chern ein wenig mit ein paar mit­ge­brach­ten Stö­cken in ihr herum, doch die fan­gen sofort Feuer. Man könnte mei­nen, Lava sei weich, doch Stein­würfe pral­len ein­fach an ihr ab. Eigent­lich wollte ich mir etwas in meine Ther­mos­kanne abfül­len, aber bis ich zu hause ankäme, wäre sie wahr­schein­lich sowieso schon kalt. Für ein paar Fotos posie­ren wir vor einer ande­ren Zunge, die sich im Schne­cken­tempo auf uns zuschiebt. Lang­sam riecht es nach Gummi, meine Füße wer­den heiß.

Der Abstieg

Zeit, den Rück­weg anzu­tre­ten. Es zie­hen bereits dichte Nebel­schwa­den auf, die den Abstieg für Stun­den ver­hin­dern kön­nen. Der Abstieg vom Kegel geht schnell: Wir errei­chen eine abschüs­sige Aschen­bahn, die man ein­fach hin­un­ter ren­nen kann. Als wir wie­der Vege­ta­tion errei­chen, sind unsere Schuhe vol­ler klei­ner Steine. Bei einem mei­ner Rei­se­be­glei­ter ist der Kle­ber der Schuh­sohle geschmol­zen, sodass sie vom Fuß her­ab­hängt. Einer der orts­an­säs­si­gen Bau­ern will mit sei­nem Pick Up ins Tal fah­ren und kann unsere Vie­rer­gruppe bis zum Park­platz mit­neh­men.
Als wir von dort zum Kegel hin­auf­bli­cken, ist er bereits kom­plett mit Wol­ken verhüllt.

14. September 2009, Reiseanekdoten

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