Stalingrad im Sommer

Schon seit 1961 heißt Wol­go­grad nicht mehr Sta­lin­grad. Die ver­nich­tende Schlacht, mit der die Stadt in die Geschichte ein­ge­gan­gen ist, ist aber auch heute noch all­ge­gen­wär­tig – vor allem als Anzie­hungs­punkt für Touristen.

Mutter Heimat spürt nichts von der enervierenden Mattigkeit des Kapitalismus

Mut­ter Hei­mat spürt nichts von der ener­vie­ren­den Mat­tig­keit des Kapitalismus


Text und Foto von Daniela Hombach

Das ehe­ma­lige Sta­lin­grad heißt heute Wol­go­grad und ist eine Mil­lio­nen­stadt im Süd­wes­ten Russ­lands, die sich wie eine über­di­men­sio­nale Schlange über 100 km an der Wolga ent­lang win­det. An ihrer brei­tes­ten Stelle misst sie mehr als 10 km. Ver­lau­fen kann man sich im Zen­trum kaum – frü­her oder spä­ter lan­det man immer am Alex­an­der­platz, der wie sein Ber­li­ner Gegen­stück von einem sozia­lis­ti­schen Bau­werk geprägt wird. Der Obe­lisk erin­nert jedoch wie vie­les in Wol­go­grad an die zig­tau­send Toten der Sta­lin­gra­der Schlacht.

His­to­rie als tou­ris­ti­scher Leckerbissen

„Die Schlach­ten um Sta­lin­grad sind unsere Spe­zia­li­tät“, betont die Stadt­füh­re­rin, wäh­rend unsere Rei­se­gruppe gespannt den Wech­sel der Schü­ler­wa­che beob­ach­tet. Wol­go­gra­der Schü­ler in oliv­grü­nen Uni­for­men – die Mäd­chen mit wei­ßen, plü­schi­gen Haar­span­gen – mar­schie­ren im Stech­schritt auf das Denk­mal zu, um dort 20 Minu­ten den Gefal­le­nen Ehre zu erwei­sen. Wie selbst­ver­ständ­lich mischen sich Hoch­zeits­paare unter die Kin­der, immer auf der Suche nach dem schöns­ten Motiv für´s Erin­ne­rungs­al­bum. Die deut­schen Tou­ris­ten sind in ers­ter Linie erstaunt über die kur­zen Röcke der Bräute.

Auch beim zwei­ten gro­ßen Kriegs­denk­mal der Stadt, dem Mamajev-Hügel, tref­fen wir auf Braut­paare und Mili­tär. Zu Füßen der gigan­ti­schen Mut­ter Hei­mat, die ihre Söhne und Töch­ter in den Kampf ruft, mar­schie­ren jedoch echte Sol­da­ten. Ihre Beine schleu­dern sie im Stech­schritt ein gan­zes Stück höher als die Schü­ler. Weni­ger selt­sam mutet es den­noch nicht an. Über­le­bens­große Sta­tuen von Kriegs­hel­den unter­strei­chen die Ver­herr­li­chung rus­si­schen Kamp­fes­mu­tes, das Knal­len von Sol­da­ten­stie­feln erfüllt die Gedenk­halle. Der Mamajev-Hügel war vor Kriegs­be­ginn meh­rere Meter nied­ri­ger. Heute ruhen dort tau­sende Men­schen, die durch „Hit­lers Aben­teuer“ ihr Leben ver­lo­ren, erklärt die Stadtführerin.

Zwi­schen Mili­tär­nost­al­gie und Erinnerungskultur

Die russisch-deutschen Sol­da­ten­fried­höfe weit außer­halb der Stadt – mit­ten in der Steppe, wo noch heute immer wie­der uniden­ti­fi­zierte Gebeine gebor­gen wer­den – zei­gen ein völ­lig ande­res Geden­ken: Fernab von Mili­ta­ris­mus und Hel­den­ver­eh­rung begreift man erst hier die Schre­cken der Schlacht. Auf jedem ein­zel­nen Grab­stein der rus­si­schen Seite liegt ein Sol­da­ten­helm, bei vie­len zählt man mehr als ein Ein­schuss­loch. Der deut­sche Fried­hof, vom rus­si­schen nur durch eine schein­bar ins Nichts füh­rende Land­straße getrennt, stimmt allein durch seine schiere Größe nach­denk­lich. Name reiht sich an Name, Todes­jahr an Todes­jahr. Viele der Ver­stor­be­nen waren noch keine zwan­zig Jahre alt.

Für die Wol­go­gra­der ist die stän­dige Prä­senz der Schlacht völ­lig all­täg­lich; viel­leicht etwa so, wie für Ber­li­ner die Über­reste der Mauer. Die Sou­ve­nir­lä­den ver­kau­fen kleine Bom­ben­at­trap­pen oder Patro­nen­hül­sen als Schlüs­sel­an­hän­ger, direkt neben den unver­meid­li­chen Matrosch­kas und roten Ster­nen. Der Auf­trag, aus Russ­land für die lie­ben Daheim­ge­blie­be­nen „kit­schi­gen, sozia­lis­ti­schen Scheiß“ mit­zu­brin­gen, ist schnell erfüllt: Ein Set aus Wod­ka­be­chern mit Ham­mer und Sichel ist das Objekt der Begierde. Wir amü­sie­ren uns köst­lich über das Design und ver­su­chen mit Hän­den und Füßen den Preis der klei­nen Kost­bar­keit zu erfah­ren. Als das end­lich glückt, fragt die Ver­käu­fe­rin auf per­fek­tem Deutsch: „Wäre das dann alles oder möch­ten sie noch etwas kau­fen?“ Wir zie­hen mit hoch­ro­ten Köp­fen von dan­nen. Touristen!

10. Oktober 2009, Campus, Reiseanekdoten

2 Kommentare

  1. »Viele der Ver­stor­be­nen waren noch keine zwan­zig Jahre alt.»
    Arme kleine Deutsche.

    Comment von XXX — 12. Oktober 2009, 12:54

  2. Armer klei­ner XXX, haben sie dich geärgert?

    Comment von Markus — 13. Oktober 2009, 2:14