Jahrmarkt der Eitelkeiten

Zwi­schen Hör­sturz und Spreng­stoff­hun­den — wenn Wider­stand zum eit­len Selbst­zweck wird. Schäu­ble und seine Kri­ti­ker an der FU. Ein Kommentar.

Auf ihn mit Gebrüll: Schäuble und seine Kritiker an der FU

Auf ihn mit Gebrüll: Schäu­ble und seine Kri­ti­ker an der FU

Text: Jonas Breng                            Illus­tra­tion: David Goldwich

Als wären sie aus ihrem eige­nen Wer­be­film gefal­len. Schwarze Anzüge, gegelte Haare. Sicher­heits­be­amte und Spreng­stoff­hunde. Sicher­heit zur Sicher­heit, hätte das Motto lau­ten kön­nen, das Schäu­bles Terror-Vortrag mit ein­ge­bau­ter Frei­heits­de­batte vom Mon­tag­abend vor­weg gegan­gen war. Eine Debatte, die irgendwo zwi­schen Her­zens­an­ge­le­gen­heit und Pro­fil­neu­rose hin und her oszil­lierte. Ein Selbst­gän­ger eben, wenn man Mr. Über­wa­chungs­staat und seine empör­ten Kri­ti­ker auf­ein­an­der los­lässt. Zwar brau­chen sie sich eigent­lich gegen­sei­tig, wenn es Spaß machen soll. Doch die Bühne tei­len, wol­len sie trotz­dem nicht. Also heißt es „Kriegs­be­ma­lung“ und dann auf ihn mit Gebrüll. Denn wer will schon schreien, wenn kei­ner zuhört. Und so war es also ange­rich­tet für das fröh­li­che Hauen und Stechen.

„Frei­heit stirbt mit Sicherheit!“

Als dann ein etwas bedröp­pelt aus­se­hen­der Schäu­ble auf der Bühne erschien, der im schwar­zen Roll­kra­gen­pulli und mit groß­vä­ter­li­cher Lese­brille irgend­wie so gar nicht zum Feind­bild tau­gen wollte, hätte man schon mei­nen kön­nen, der ange­kün­digte Sturm der Ent­rüs­tung könnte ver­puf­fen. Doch weit gefehlt. Jetzt erst recht, war wohl das Credo. Denn kaum ein Satz war gespro­chen, da hatte sich der Frei­heits­kampf bereits for­miert. „Frei­heit stirbt mit Sicher­heit“, lärmte es durch die Fens­ter, auf den Flu­ren und durch die Lüf­tungs­schächte. Aus allen Roh­ren feu­er­ten sie, um auch dem Letz­ten begreif­lich zu machen, dass wer so laut schreit doch zwangs­läu­fig im Recht sein muss. Ein Schau­spiel, ein Glanz­stück. Bravo, wollte man ihnen zuru­fen. Doch weil es so laut ist, ließ man es blei­ben.

Die Rock­stars waren die anderen

Dass unter all dem Getröte und Geröre, rüt­telnde Türen und hin­ter Spruch­bän­dern und Pla­ka­ten die the­ma­ti­schen Schnit­zer Schäu­bles unter­gin­gen, ist lei­der der gut gemein­ten Sache geschul­det. Sich vom Dach absei­lende Demons­tran­ten stah­len dem Inhalt irgend­wie die Show. Die Rock­stars waren die ande­ren. Und so rich­tig wollte sich das Publi­kum dann auch nicht ent­schei­den, zwi­schen Sym­pa­thie und Abscheu, Belus­ti­gung und Wut für den gan­zen Tru­bel und die lin­ken Droh­ge­bär­den. Mal so mal so, denn span­nend fand man es irgend­wie trotzdem.

End­lich: Skandal!

Als einer der Demons­tran­ten dann von den Sicher­heits­be­am­ten Rich­tung Aus­gang geschubst wurde, war es end­lich so weit. Skan­dal! Der Poli­zei­staat hatte sich selbst die Maske her­un­ter­ge­ris­sen und prä­sen­tierte ganz unge­niert seine häss­li­che Fratze. Oder doch nicht? Naja egal, auf jeden Fall war es immer noch laut. Immer­hin. Dass man in den Atem­pau­sen des Wider­stands tat­säch­lich ins Inhalt­li­che stol­perte, mag einer unglück­li­chen Zufäl­lig­keit geschul­det sein, machte jedoch not­wen­dige Kri­tik end­lich sub­stan­ti­ell. Nach so viel Tra­gik und Thea­tra­lik musste man durch­at­men. Geschafft. Ein Abend wie eine gewal­tige Schlan­gen­li­nie, aber immer­hin eine Linie. Was bleibt ist die Erkennt­nis, dass Exzen­trik irgend­wie raum­fres­send sein kann, selbst wenn sie eigent­lich Wider­stand sein möchte. Doch die nächste Bühne kommt bestimmt. Alles auf Anfang. Bis zum nächs­ten Rum­mel, bis zum nächs­ten Jahr­markt der Eitelkeiten.

20. Oktober 2009, Furioser Kommentar, Politik

19 Kommentare

  1. Wow, ein echt star­ker Kommentar!

    Comment von Steffen — 21. Oktober 2009, 11:05

  2. Dies ist kein Kom­men­tar, son­dern ein änglst­li­cher bericht. der autor schafft es nich ein­mal sich zu pos­si­tio­nie­ren, benutzt per­ma­nent das völ­lig ent­in­di­vi­dua­li­sierte (und patri­ar­chale) »man«. der autor ver­steckt sich hin­ter dem publi­kum, statt seine sym­pha­tien zu zei­gen und die lin­ken chao­ten, links­ex­tre­mis­ten und poten­zi­el­len ter­ro­ris­ten end­lich ordent­lich zu beschimpfen…

    per­spek­tiv­lo­ser neu­tra­li­täts­jun­kie, nimm dir ein bei­spiel an den (neo-) libe­ra­len ande­ren auto­ren die­ser unin­te­r­ers­san­ten reak­tio­nä­ren zeitung.

    Comment von machnow — 21. Oktober 2009, 11:24

  3. Lie­ber mach­now, du hast dich offen­sicht­lich auf die­ser Seite gut ein­ge­lebt. Aber glaubst du wirk­lich, eine Zei­tung wird dadurch
    unin­ter­es­sant und reak­tio­när, indem du sie immer wie­der stur als sol­che beschimpfst? Offen­sicht­lich ist sie ja inter­es­sant genug, dass du mit jedem erschei­nen­den Arti­kel wie­der­holst, wie unin­ter­es­sant sie doch sei.

    Schreibt jemand einen sach­li­chen Arti­kel (wie man das im Jour­na­lis­mus macht), beschwerst du dich, er würde keine Posi­tion bezie­hen. Schreibt jemand einen Kom­men­tar, wirfst du ihm prompt vor, reak­tio­när, sexis­tisch, neo­li­be­ral, patria­chisch und sonst­was zu sein. Und schreibt jemand einen lin­ken Kom­men­tar, behaup­test du, er würde sich ver­stel­len und traute sich in Wirk­lich­keit nur nicht, deine obi­gen Feind­bil­der aus­zu­le­ben. Hast du eigent­lich nichts bes­se­res zu tun?

    Ich finde den Kom­men­tar von Jonas gelun­gen. Das ist die sach­li­che Bericht­er­stat­tung und offene Mei­nungs­platt­form, die dem Cam­pus fehlt.

    Comment von Thorsten M. — 21. Oktober 2009, 14:30

  4. auch mein lob an den autor.

    dein kom­men­tar dage­gen ist so pro­pa­gan­dis­tisch wie däm­lich, machnow.

    eine lin­gu­is­ti­sche dis­kus­sion als höchs­tes poli­ti­kum zu betrach­ten ist eine sache, lügen und beschimp­fun­gen zu ver­brei­ten eine andere. dar­über lässt sich nicht reden. aber das willst du sicher auch über­haupt nicht, denn beim dis­ku­tie­ren muss man argu­mente haben und ver­ste­hen kön­nen. eine eigen­schaft, die du bei dei­nem selbst­ge­rech­ten und –ver­lieb­ten kampf für eine bes­sere welt (uh, wol­len aber gar nicht alle in dei­ner welt leben, komisch, was?) wohl irgend­wann ver­lo­ren hast.

    Comment von zora — 21. Oktober 2009, 15:33

  5. :-) alles linke chao­ten, außer mutti!

    nur weil der autor kei­nen arsch in der hose hat, die jour­na­lis­ti­schen text­for­men nicht ver­steht und seine mei­nung nicht offen vetre­ten kann, muss ich nicht nach­läs­sig und zurück­hal­tend sein!

    ich hab wenigs­tens eine mei­nung! ich finde schäu­ble soltle end­lich ein­se­hen, dass er ein pso­trau­ma­ti­sches syn­drom hat und per­manetn ver­sucht seine lebens­ge­fähr­li­che ver­let­zung nach­träg­lich unge­sche­hen zu machen indem er den sicher­heits­ap­pa­rat gegen den bür­ger in stel­lung bringt.

    frü­her nannte mensch das DDR. heute demo­kra­tie! super!

    Comment von machnow — 21. Oktober 2009, 22:42

  6. Schön an einem Kom­men­tar ist ja, dass man auf ver­schie­dene Art und Weise an ihn her­an­ge­hen kann. Klar kann man der Leser­schaft seine Mei­nung Marke Vor­schlag­ham­mer an den Kopf knal­len. In wie fern das jour­na­lis­tisch »rich­tig« oder geschickt ist, sei jetzt mal dahin­ge­stellt.
    Jeden­falls ist es ebenso legi­tim, einen sub­ti­le­ren, sach­li­chen Kom­men­tar zu ver­fas­sen, in dem man sei­nen Ein­druck von einem Ereig­nis zu ver­mit­teln ver­sucht (in die­sem Fall übri­gens sehr gelun­gen, wie ich finde). Ein sol­cher Kom­men­tar regt übri­gens eher zum Nach­den­ken an als eine pro­pa­gan­dis­ti­sche Hetz­schrift.
    Man muss seine Ideo­lo­gie nicht immer vor sich her tra­gen. Schreckt mei­ner Erfah­rung nach mehr ab, als dass es Leute zum Lesen und Mit­den­ken anregt, was ja irgend­wie das Ziel eines Jour­na­lis­ten sein sollte.
    Im Übri­gen gibt es Schlim­me­res, als ein Neo­li­be­ra­ler zu sein — z.B. ein ultra-linker/-rechter Hitz­kopf (nimmt sich in eini­gen Berei­chen nicht so viel wie man gerne den­ken möchte).

    Comment von Julia — 21. Oktober 2009, 23:39

  7. das ist ein kommentar.

    Anders als bei den infor­mie­ren­den Dar­stel­lungs­for­men ist die Mei­nung des Jour­na­lis­ten beim Kom­men­tar, dem Leit­ar­ti­kel und der Glosse sogar Pflicht. »Aber auch Ver­pflich­tung«, wie Vol­ker Matthies erläu­tert. »Denn es geht nicht darum, ›Dampf abzu­las­sen‹. Die Mei­nungs­äu­ße­rung des Jour­na­lis­ten soll statt­des­sen Ori­en­tie­rung geben. Die Bedeu­tun­gen von Ereig­nis­sen oder Pro­ble­men klar­ma­chen und inter­pre­tie­ren, sie soll Zusam­men­hänge erschließen.«

    (quelle Bay­ri­scher Rund­funk)

    als, wenn der autor die art und weise des pro­tes­tes unan­ge­mes­sen fand, dann soll er es schrei­ben und sich nicht hin­ter einem unper­sön­li­chem »man« oder einer ver­meint­li­chen mei­un­ung des publi­kums ver­ste­cken. ein »ich« (oder die redak­tion) wäre hier sehr viel angebrachter.

    was »man« denkt, müßte erst ein­mal genauer beschrie­ben wer­den, näm­lich durch die reak­tio­nen des publi­kums und der zuhörer_innen auf das gesche­hen, was die kritiker_innen los­ge­tre­ten haben.

    schäu­ble kommt zwar, genau wie die kritiker_innen schlecht weg, was durch­aus nach­voll­zieh­bar rüber­kommt — er war wohl offen­bar arro­gant, ober­fläch­lich, müde und eigent­lich genervt — aber trotz­dem fehlt auch hier das ich.

    also…

    Kom­men­tar und Glosse geben — auf je eigene Art — die Mei­nung des Jour­na­lis­ten und sei­ner Redak­tion wie­der. Sie erklä­ren und deu­ten gesell­schaft­li­che Ereig­nisse und Zusam­men­hänge, der Kom­men­tar mit Argu­men­ten und die Glosse mit Ironie.

    das feh­len die­ser jour­na­lis­ti­schen merk­male habe ich kri­ti­siert und sie selbst (pro­vo­kant) in den zusam­men­hang der zei­tung gebracht.

    es ging mir nicht darum die mei­nung zu dis­kre­di­tie­ren, son­dern sie offen und trans­pa­rent — eben nicht sub­til oder zwi­schen den zei­len — lesen zu können.

    Comment von machnow — 22. Oktober 2009, 9:49

  8. ach mach­now, habe gerade die­ses lied im kopf — nimms nicht persönlich.

    http://www.youtube.com/watch?v=c4QLyytswrA

    Comment von Karl — 22. Oktober 2009, 10:52

  9. :lol: geniale argu­men­ta­tion. sowas kenn‹ ich eigent­lich nur von auto­no­men, punks, chao­ten und ande­ren ideo­lo­gi­sier­ten gefähr­dern. wahn­sinn. das lernt mensch garan­tiert im män­ner­kreis der FURIOS. :lol:

    Comment von machnow — 22. Oktober 2009, 21:11

  10. Drol­lig die ste­reo­ty­pen Beschimp­fungs­phra­sen des »mach­now« und wem wun­dert es…naaatüürlich… ein Kerl!

    Eben beschimpft er den »Män­ner­kreis« noch, schon ent­tarnt er sich selbst als Mann und von der bes­ser­wis­sen­den Sorte auch noch.

    Applaus!

    Comment von Cora — 23. Oktober 2009, 20:30

  11. Der Kom­men­tar und die Debatte sind mir eigent­lich ziem­lich wurscht. Ich finde die FURIOS tat­säch­lich nicht so inter­es­sant. Lei­der, wenn man vor Augen hat, was sie mal wer­den sollte. Aber egal.

    Eigent­lich will ich nur was zu Julias Kom­men­tar sagen. Bitte bitte bitte sei vor­sich­tig mit die­ser Gleisch­set­zung von rechts/links. Das ist in diver­sen Krei­sen, z.B. Tagesspiegel-Milieu, schon Stan­dard gewor­den. Und da ist es schon schwer zu ertra­gen. Aber jetzt hier? Jeder ver­nünf­tig den­kende Mensch muss doch erken­nen, dass rechts sein auf einem Men­schen– und Gesell­schafts­bild basiert, das ein­ma­lig schlimm ist. Wer dann diese Gleich­set­zung macht, kommt gar nicht darum herum, rech­tes Gedan­ken­gut zu rela­ti­vie­ren und verharmlosen.

    Comment von Stefan — 24. Oktober 2009, 14:45

  12. Hallo Ste­fan,

    »Jeder ver­nünf­tig den­kende Mensch muss doch erken­nen, dass rechts sein auf einem Men­schen– und Gesell­schafts­bild basiert, das ein­ma­lig schlimm ist.«

    Zur Ultra-Linken finde ich, wie Julia, gibt es kei­nen Unter­schied (–> Baader-Meinhof, RAF, Rote Bri­ga­den usw.). Wenn Du die nicht auch ein­ma­lig schlimm fin­dest, soll­test Du viel­leicht genauer erklä­ren, was bei den Rech­ten denn »ein­ma­lig« schlim­mer sein sollte als bei denen.

    Auch dein zwei­tes Zitat: »Wer dann diese Gleich­set­zung macht, kommt gar nicht darum herum, rech­tes Gedan­ken­gut zu rela­ti­vie­ren und ver­harm­lo­sen.« kann ich wirk­lich nicht ver­ste­hen und wor­auf beruht denn deine Unter­stel­lung? Wenn man linke und rechte Ter­ro­ris­ten (als Bei­spiel) gleich­setzt, dann wür­den alle, die das mach­ten, den rech­ten Ter­ro­ris­mus ver­harm­lo­sen? Viel­leicht soll­test Du das noch ein­mal über­den­ken, finde ich.
    Das lin­ker Extre­mis­mus auto­ma­tisch der bes­sere sei als der rechte, emp­finde ich als eine schlimme Ver­harm­lo­sung des Link­se­tre­mis­mu­ses. Eine selt­same Ver­klä­rung von Dir. Aber viel­leicht hast Du dar­über auch nicht sehr gut nach­ge­dacht.
    So eine Ansicht wun­dert mich, um Dich wie­der zu zitie­ren »jetzt hier« von einem sich als »ver­nünf­tig den­ken­den Men­schen« erklä­ren­den zu lesen.

    Comment von Cora — 24. Oktober 2009, 23:52

  13. Die Extre­mis­mus­theo­rie wird sehr gerne von rechts­kon­ser­va­ti­ven, neu­rech­ten und zum Teil offen von der natio­na­lis­ti­schen selbst­er­nann­ten Avant­garde genutzt. Es wird behaup­tet, daß linke Gewalt min­des­tens ebenso gefähr­lich wäre, wie rechte udn des­haln dem­ent­spre­chend geäahn­det wer­den muss.

    Cora meint das offen­bar auch und ver­harm­lost deshlab die Beschnei­dung von Frei­heits­rech­ten, die Kon­trolle und Bespit­ze­lung, die die Stasi bes­ser nicht hin­be­kom­men hätte, völ­lig staats­af­fin als harm­los. Die lin­ken Chao­ten daeg­gen wären gefähr­lich. Sie machen zwar, viel­leicht nicht kon­for­mis­tisch und viel zu aktio­nis­tisch uaf einer Miß­stand auf­merk­sam, der durhcaus kri­ti­siert wer­den sollte. Aber so gehts nun wirk­lich nicht…

    Comment von jemand_in — 25. Oktober 2009, 20:43

  14. Die »extre­mis­mus­theo­rie«, die Cora hier offen­bar zur Abgren­zung zw. ver­meint­li­chen Demokrat_innen und Extremist_innen her­an­zieht, wird von rechts­kon­ser­va­ti­ven und zuneh­mend auch der »neuen Rech­ten« im poli­ti­schen Kampf gegen die Links­par­tei und andere linke außer­par­la­men­ta­ri­sche Bünd­nisse eta­bliert. Eck­hard Jesse war der erste Polit­wis­sen­schaft­ler, der aus Chem­nitz eine ver­meint­li­che Ver­harm­lo­sung des lin­ken Extre­mis­mus begeg­nen wollte und offen­siv die Gefahr von links min­des­tens als genauso gefähr­lich, wie den »Rechts­ex­tre­mis­mus«, beschrieb.

    Des­halb ist es kein Wun­der, daß »neu­rechte« Theoretiker_innen und ganz beson­ders Anhän­ger der kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion mit der Extre­mis­mus­theo­rie gegen Links­ex­tre­mis­ten pole­mi­sie­ren und eine sehr viel grö­ßere Gefahr von links phan­ta­sie­ren, als von rechts. Diese Leute behaup­ten, Pro­gramme gegen rechts wären Steu­er­ver­schwen­dung und soll­ten sich lie­ber gegen links oder wenigs­tens gegen alle Extremist_innen von links und von rechts rich­ten, so wie es Schwarz / Gelb nun plant.

    Aus dem Kreis um Wen­zel und der rech­ten Blauen Nar­zisse wird die­ses Vor­ha­ben des­halb
    fre­ne­tisch als »ein Schritt in die rich­tige Rich­tung« gefei­ert (siehe Infor­ma­ti­ons– und Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum gegen Links­ex­tre­mis­mus und Gewalt). Cora würde dem ganz bestimmt unein­ge­schränkt zustim­men, würde ich vermuten.

    Der hier vor­lie­gende Kom­men­tar, der eigent­lich kei­ner ist, zu einer Ver­an­stal­tung eines jün­ge­ren Carl Schmitt Epi­go­nen atmet eine ähnli­che Extre­mus­mus­di­cho­to­mie. Jonas Breng kann dabei offen­bar auf seine Schü­ler­prak­ti­kums­er­fah­rung bei der BILD zurück grei­fen. Wobei ich ihm zu Gute hal­ten muß, daß er nicht so expli­zit, son­dern bemüht neu­tral schrei­ben möchte. Viel­leicht ver­sucht er sich als Schieds­rich­ter der ver­nünf­ti­gen Mitte.

    Wenn es wirk­lich um einen Rechts­staat gehen würde, um bür­ger­feind­li­chen Extre­mis­mus und demo­kra­ti­sche Frei­heits­rechte, dann dürfte das Par­la­ment wohl kaum immer wie­der in Sicher­heits­fra­gen vom Ver­fas­sungs­ge­richt zurück­ge­pfif­fen wer­den. Es waren schon einige gesetze, die von dort als Ver­fas­sungs­fein­lich gekippt wur­den. Das frag ich mich schon, wo die »wah­ren« Extremist_innen sit­zen: im beset­zen Haus wohl eher nicht. Im Sport­ler­heim des BFC schon eher, ganz sicher aber im Innemi­nis­te­rium, dem BKA und in den Büros der Bundesanwaltschaft.

    Comment von konform statt furios — 25. Oktober 2009, 20:56

  15. pro­pa­ganda oder wis­sen­schaft­li­cher vor­trag? ein­deu­tig, denke ich! hier der ganze misere vom 19.10.:

    http://www.jura.fu-berlin.de/einrichtungen/we3/professoren/ls_heintzen/veranstaltungen/0910ws/Ringvorlesung_Terrorismus/Vortrag_Sch__uble_vom_19_10_2009__Was_ist_Freiheit_ohne_Sicherheit_SKIR.pdf

    Comment von zum thema — 26. Oktober 2009, 18:16

  16. Nun noch meine kleine Ant­wort, eher salopp for­mu­liert. Obwohl ich bemer­ken muss, dass ich schon ne ganze Menge über das Thema nach­ge­dacht habe. Das nur als Hin­weis für Cora.

    Ich finde, man sollte jeder Bewer­tung von radi­ka­len oder extre­mis­ti­schen Betre­bun­gen nicht nur ihre Taten, son­dern auch ihre Ideo­lo­gien zugrunde leben. Selbst die hier genann­ten Extrem­bei­spiele lin­ker Bewe­gun­gen basie­ren doch ganz grob gesagt auf einer Welt­an­schau­ung, die von der Not­wen­dig­keit einer Befrei­ung des Men­schen aus­geht. Dahin­ter steht auch ein Gesell­schafts– oder Men­schen­bild, dass vom Recht eines jeden Indi­vi­du­ums auf Frei­heit aus­geht, frei von jeder Dis­kri­mi­nie­rung, Aus­gren­zung oder Ver­fol­gung durch jede Form mate­ri­elle oder nicht­ma­te­ri­el­ler Merkmale.

    Wenn nun also sol­che Ziele durch unbe­strit­ten nicht zu ver­tei­di­gende Taten wie das Töten von Men­schen ver­folgt wer­den, dann sind diese Taten zwar zu ver­ur­tei­len, die durch sie trans­por­tier­ten Inhalte kann man aber wei­ter unter­stüt­zen oder zumin­dest dikutieren.

    Und genau da liegt der Unter­schied zu den Spiel­ar­ten des Rechts­ex­tre­mis­mus. Wer daran glaubt, dass bestimmte Men­schen weni­ger wert sind als andere, und die­sen Glau­ben in die Pra­xis umsetzt, ver­lässt eben nicht erst durch seine Tat die Grund­lage des mensch­li­chen Zusam­men­le­bens. Auch die hier trans­por­tier­ten Inhalte sind akut gefähr­lich, da sie — eben ande­res als auf der lin­ken Seite — an sich schon das Ver­nich­ten von Men­schen befür­wor­ten und auch fordern.

    Von daher soll­ten rechte Gewalt und rechte Gedan­ken ein­fach unein­ge­schränkt ver­ur­teilt wer­den. Abseits jeder Dis­kus­sion über Sinn und Zweck von Gewalt­ta­ten mit einem lin­ken Hin­ter­grund. Wer rechte Ideo­lo­gie aus einem viel­leicht auch gut gemein­tem libe­ra­len Ver­ständ­nis in einen Ring mit ande­ren wirft, macht diese zu ver­han­del­ba­ren Mei­nun­gen. Sie sind und blei­ben aber nichts ande­res als ein Verbrechen.

    Comment von Stefan — 27. Oktober 2009, 3:35

  17. Als selbst­er­nann­ter Lin­ker schreibst Du Ste­fan: »Dahin­ter (dem lin­ken Gesell­schafts­bild A.d.V) steht auch ein Gesell­schafts– oder Men­schen­bild, dass vom Recht eines jeden Indi­vi­du­ums auf Frei­heit aus­geht, frei von jeder Dis­kri­mi­nie­rung, Aus­gren­zung oder Ver­fol­gung durch jede Form mate­ri­elle oder nicht­ma­te­ri­el­ler Merk­male.« Soso…den prak­ti­schen Beweis sind die Lin­ken bis jetzt aber schul­dig geblie­ben. Oder willst Du hier ern­stahft behaup­ten, dass z.B. die DDR frei »Dis­kri­mi­nie­rung, Aus­gren­zung oder Ver­fol­gung« war? Schon alleine, dass mir und dem Autor des Arti­kels unter­stellt wird rechts zu sein, ist schon Diskriminierung.

    Wei­ter.

    »Von daher soll­ten rechte Gewalt und rechte Gedan­ken ein­fach unein­ge­schränkt ver­ur­teilt wer­den.« …Zustimm! Aber… »Abseits jeder Dis­kus­sion über Sinn und Zweck von Gewalt­ta­ten mit einem lin­ken Hintergrund. «

    Wenn also ein Lin­ker jeman­den Gewalt antut, weil die­ser nicht sei­ner Ansicht ist, dann ist das gut und edel bzw. man kann dar­über dis­ku­tie­ren. Wenn es ein Rech­ter tut trifft dies nicht zu. Was ist das für eine Mensch­ver­ach­tende Ideo­lo­gie, der du folgst?
    Ich lese darin auch, dass linke Gewalt­ta­ten »Sinn und Zweck« haben und rechte nicht. Absurd!

    »Auch die hier trans­por­tier­ten Inhalte sind akut gefähr­lich, da sie – eben ande­res als auf der lin­ken Seite – an sich schon das Ver­nich­ten von Men­schen befür­wor­ten und auch for­dern.»
    Auf dem Papier kann ich viel schrei­ben, was aber zählt sind die Hand­lun­gen. Was nüt­zen mir denn die schöns­ten Welt­an­schau­un­gen, wenn ich meine Aggres­sio­nen nicht unter Kon­trolle habe. Wenn ich der irri­gen Ansicht bin, ich hätte die Wahr­heit nur für mich gepachtet.

    »Selbst die hier genann­ten Extrem­bei­spiele lin­ker Bewe­gun­gen basie­ren doch ganz grob gesagt auf einer Welt­an­schau­ung, die von der Not­wen­dig­keit einer Befrei­ung des Men­schen aus­geht.»
    Daran glau­ben ja die Rech­ten auch und nicht nur die. Die Chris­ten woll­ten die Welt vom Unglau­ben befreien. Die Kolo­nia­lis­ten die Welt von der Unkul­tur. Letzt­end­lich mün­den alle diese Ideo­lo­gien, die stän­dig jeman­den ande­ren von etwas befreien müs­sen zu glau­ben in die Pra­xis der Unter­drü­ckung ande­rer Den­kungs­ar­ten und das sind nicht immer die extre­mis­ti­schen Arten. Kaum ist man aus dem einen Gefäng­nis befreit, lan­det man schon im nächs­ten. Die DDR mag hier nur ein Bei­spiel sein, denn hier wurde alles unter­drückt was nicht auf der ideo­lo­gi­schen Linie der SED lag. Eine Gewehr­ku­gel oder eine Gra­nate abge­schos­sen von einem sowje­ti­schen Pan­zer ist die Ideo­lo­gie des Abschies­sen­den egal. Das Ergeb­nis ist aber immer das Glei­che: Men­schen­op­fer. Vorne trifft mich die Kugel eines Nazis,von hin­ter die eines Rot­ar­mis­ten und über die des Rot­ar­mis­ten darf ich mich freuen. Ein Toter dis­ku­tiert nicht mehr über Ideo­lo­gien. Deine Ansich­ten Ste­fan, beinhal­ten abscheu­li­che Gewaltverherrlichung!!

    Wer zwi­schen Ver­bre­chen hin­sicht­lich ihrer ideo­lo­gi­schen Moti­va­tion einen Unter­schied macht, ist für mich kein Mensch zu dem ich Kon­takt haben möchte, geschweige denn mit dem ich wei­ter dis­ku­tie­ren möchte. Da leben wir zwar in der sel­ben Welt aber auf ver­schie­de­nen Planeten.Denn es läuft dabei immer auf das eine hin­aus: Die Mei­nung ande­rer wird ideo­lo­gisch hart negiert, dis­kre­di­tie­rende Unter­stel­lun­gen wer­den pro­vo­ka­to­risch erfun­den und die eigene Mei­nung lässt man somit im künst­lich erschaf­fe­nen Son­nen­lichte blen­dend erstrah­len. Dabei wer­den immer wie­der die glei­chen ste­reo­ty­pen Paro­len rezi­di­viert, die nur zwei Mög­lich­kei­ten beinhal­ten. Freund oder Feind!
    Die­ses dumpfe Spiel lang­weilt mich.

    Comment von Cora — 28. Oktober 2009, 12:58

  18. Na du schiebst mir ja die Worte ganz schön in den Mund. Ich und men­schen­ver­ach­tend, da musste ich ganz schön lachen. Dabei kennst du mich ja gar nicht. Aber egal, hier gibt es keine Dis­kus­si­ons­grund­lage, wir fol­gen glaube ich kom­plett ande­ren Axio­ma­ti­ken des Den­kens. Ver­stan­den fühl ich mich von dir jeden­falls über­haupt nicht. Der erste Absatz ist bezeich­nend. Was redest du da? Darum gehts mir doch gar nicht. Aber danke für das Bei­spiel DDR. Willst du denn behaup­ten, dass man DDR und NS-Staat auf eine Stufe stel­len, bzw. über­haupt ver­glei­chen kann?

    Ich bin übri­gens der Ansicht, dass jeder Mensch einer Ideo­lo­gie folgt. Du wür­dest dich wahr­schein­lich als pos­tideo­lo­gisch bezeich­nen oder so… Da gehts schon los.

    Achso, und was ist dann dei­ner Mei­nung nach mit den gan­zen Gewalt­ta­ten, die staat­lich legi­ti­miert gesche­hen? Ist es nicht auch ein ideo­lo­gisch moti­vier­tes Ver­be­chen, wenn die Bun­des­wehr in Afgha­nis­tan Men­schen tötet? Kon­se­quen­ter­weise müss­test du auch da sagen, dass du damit nichts zu tun haben willst.

    Übri­gens hab ich nicht mit einem Wort gesagt, dass du rechts bist.

    Comment von Stefan — 30. Oktober 2009, 7:08

  19. Ich finde es ehr­lich gesagt ein biss­chen erschre­ckend, dass hier über­haupt dar­über dis­ku­tiert wer­den muss, ob, und wenn ja wel­che, Gewalt­ta­ten legi­tim sind. Ich denke, was Cora sagen will (wenn ich mir jetzt mal anma­ßen darf, für sie zu spre­chen), ist, dass Gewalt an sich, egal durch wen und warum sie ver­übt wird, abzu­leh­nen ist. Gewalt wird nicht »bes­ser« oder »ehren­haf­ter« dadurch, dass sie aus den rich­ti­gen Moti­ven her­aus began­gen wird. Soll hei­ßen, selbst wenn du einen Ver­ge­wal­ti­ger und Mör­der klei­ner Kin­der im Allein­gang tötest, ist dein Motiv zwar grund­sätz­lich ehren­haft, die Tat an sich ist aber trotz­dem falsch. Ich ent­schul­dige mich für die­ses abge­dro­schene Bei­spiel, ich wollte nur eins neh­men, bei dem dann kei­ner ankommt und das Motiv bezwei­felt.
    Zu rechts/links. Erst mal eine Klar­stel­lung: Es ging mir um die ultra­ra­di­ka­len Grup­pie­run­gen ganz am Rande des Spek­trums. Selbst­ver­ständ­lich sind die Ideo­lo­gien nicht ver­gleich­bar, hab ich auch nie behaup­tet. Aber die Ver­hal­tens­wei­sen, die Rhe­to­rik (von eini­gen Schlüs­sel­wör­tern mal abge­se­hen) und eben auch die Gewalt­be­reit­schaft sind sich erschre­ckend ähnlich.
    Ich ver­trete nach wie vor die Mei­nung, dass nie­mand mit einem pöbeln­den Mob in den Dis­kurs tre­ten will. Da ich nach wie vor jedem Men­schen eine gewisse Grund­in­tel­li­genz nicht abspre­chen will, muss ich unter­stel­len, dass die meis­ten ultra­ra­di­ka­len Chao­ten an den Abgrün­den bei­der­seits des Spek­trums um die­sen Umstand wis­sen und ein­fach unter dem Deck­man­tel einer poli­ti­schen Ideo­lo­gie ihrer Lust am Kra­wall frö­nen wol­len. Und das wie­derum sollte jeden ernst­haf­ten Ver­fech­ter einer bestimm­ten Poli­tik ärgern, denn dadurch wird nie­mals irgend­was erreicht.

    Comment von Julia — 2. November 2009, 2:19