Karneval unter den Linden

Bil­dungs­streik ist wie Kar­ne­val. Nur die Mas­sen blei­ben fern. Für bes­sere Stu­di­en­be­din­gun­gen braucht es aber keine bunte Pro­test­folk­lore, son­dern vor allem eines: Prag­ma­tis­mus. Ein Kom­men­tar von Hen­drik Pauli.

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Die Bil­dungs­demo zieht vor­bei am Roten Rat­haus. An der Spitze: Die Antifa.

Foto: Alex­an­der Ziegler

Als den Bil­dungs­pro­tes­ten an der FU am Mitt­woch ver­gan­ge­ner Woche neues Leben ein­ge­haucht wurde, waren auf der ande­ren Seite der Repu­blik die Tumulte schon in vol­lem Gange. Pünkt­lich um 11.11 Uhr war in vie­len Städ­ten ent­lang des Rheins der Froh­sinn aus­ge­bro­chen. När­ri­sches Trei­ben und Bil­dungs­streik haben eines gemein­sam: Bei­des dient dazu den Zwang und die Enge des All­tags ver­ges­sen zu machen und mal gehö­rig Dampf aus dem Kes­sel las­sen. Die Kar­ne­va­lis­ten brin­gen die Rat­häu­ser unter ihre Kon­trolle; die Stu­den­ten beset­zen die Hörsäle.

Gute Orga­ni­sa­tion, aber kaum einer streikt mit

Doch wäh­rend man sich in Mainz, Köln und Düs­sel­dorf dar­auf ver­stän­digt hat, sich die Sehn­sucht nach ande­ren Ver­hält­nis­sen hoch­pro­zen­tig aus dem Leib zu schun­keln, muss die Empö­rung über die mise­ra­blen Stu­di­en­be­din­gun­gen schnell und vor allem nach­hal­tig in pro­duk­tive Ener­gie umge­wan­delt wer­den. Und genau dort liegt die Schwie­rig­keit. Zwar ist es beein­dru­ckend, mit welch orga­ni­sa­to­ri­schem Geschick die Beset­zer ihre Kam­pa­gne ins Rol­len gebracht haben, inklu­sive Mate­ri­al­be­schaf­fung, Nut­zung neuer Medien und inter­na­tio­na­ler Ver­net­zung. Doch die Teil­neh­mer­zah­len blei­ben beschei­den. Bes­tes Bei­spiel: die Demons­tra­tion zum bun­des­wei­ten Akti­ons­tag am ver­gan­ge­nen Diens­tag. Die Ver­an­stal­ter spra­chen von 15000 bis 25000 Demons­tran­ten, rea­lis­ti­scher sind aber die Anga­ben der Poli­zei, die von 6000 Teil­neh­mern aus­gin­gen, dar­un­ter viele Schü­ler. Das sind deut­lich weni­ger strei­kende Stu­den­ten als noch auf der gro­ßen Bil­dungs­demo im Som­mer. Die Frage, die im Raum steht, lau­tet: Warum schla­gen sich die über­wäl­ti­gen­den Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen und die posi­tive Medi­en­re­so­nanz nicht auf die Trup­pen­stärke der Akti­vis­ten nieder?

Die Stärke der Lin­ken — ihr größ­tes Problem

Der Bil­dungs­streik wird von vie­len Stu­die­ren­den noch immer als Ver­an­stal­tung aus­schließ­lich lin­ker Mei­nungs­füh­rer wahr­ge­nom­men. Auch wenn es inner­halb der Lin­ken unter­schied­li­che Strö­mun­gen gibt, kann man doch zusam­men­fas­send betrach­tet sagen, dass sie an der FU tra­di­tio­nell sehr stark auf­ge­stellt sind. Diese Stärke ist zugleich ihr größ­tes Pro­blem. Ihre Posi­tio­nen, ihre Lösungs­vor­schläge, zum Teil auch ihr Stil sind  alles andere als mehr­heits­fä­hig. So hat etwa der Antrag, Soli­da­ri­tät mit den Beschäf­tig­ten des Stu­den­ten­werks zu zei­gen, die von pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nis­sen bedroht sind, beim Bil­dungs­streik durch­aus sei­nen Platz. Aber hat den der Auf­ruf, Acker­mann und Co am heu­ti­gen Frei­tag im Hotel Adlon ein­zu­kes­seln ebenso? Dazu kommt die ermü­dende Dis­kus­si­ons­pra­xis, nach dem Motto: Recht hat, wer län­ger wach bleibt. Und befremd­lich war auch, warum die Antifa erneut medi­en­wirk­sam an der Spitze einer Bildungs(!)demonstration mitmarschierte.

Revo­lu­tion, Klas­sen­kampf, soziale Unru­hen — all das schwingt mehr oder weni­ger latent mit beim Bil­dungs­streik an der FU. Mit den kna­cki­gen revo­lu­tio­nä­ren Paro­len ver­hält es sich aber wie mit der Kamelle am Rosen­mon­tag: Die meis­ten flie­gen ins Leere. Die Sys­tem­frage stellt für die aller­meis­ten Stu­die­ren­den nicht. Sie sehen das Ganze daher eher als ritu­elle Selbst­ver­ge­wis­se­rung einer reak­tio­nä­ren Lin­ken, denn als Anstren­gung für ein moder­nes Bildungssystem.

Prag­ma­ti­sche Köpfe für eine wirk­li­che Studentenbewegung

Die Pro­teste sind den­noch rich­tig. Nur um ihren Inhalt und ihre Form muss gerun­gen wer­den. Ideo­lo­gi­sche Abrüs­tung, weni­ger Ein­peit­scher, dafür prag­ma­ti­sche Köpfe, die inte­grie­ren kön­nen und wol­len, das täte der Sache gut. Erste Anzei­chen dazu sind zu erken­nen. Außer­dem: Wer als poli­ti­sche Kraft wach­sen und ernst genom­men wer­den will, der kann sich nicht allein auf Mitmach-Appelle und bunte Pro­test­folk­lore ver­las­sen, der sollte sich einer grund­le­gen­den poli­ti­schen Pra­xis besin­nen: Koali­tio­nen schmie­den, und sei es nur auf Zeit. Nur wenn das gelingt, wer­den an der FU aus den paar Dut­zend Unent­weg­ten Hun­derte und Tau­sende. Nur dann kann dar­aus eine Stu­den­ten­be­we­gung ent­ste­hen, die diese Bezeich­nung ver­dient. Und nur dann wer­den sich Poli­ti­ker und die soge­nann­ten Wis­sen­schafts­ma­na­ger spür­bar bewe­gen. Wenn dies nicht gelingt, blüht den Akti­vis­ten das glei­che Schick­sal wie den Nar­ren: Am Ascher­mitt­woch ist alles vor­bei. Spätestens.

20. November 2009, Bildungsstreik

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