Die Front kommt in Form

Seit mehr als zwei Wochen liegt das Epi­zen­trum des Bil­dungs­streiks im Hör­saal 1a Sil­ber­laube. Seine Wel­len haben wei­tere uni­ver­si­täre Ein­rich­tun­gen erreicht.  Ges­tern gaben sich vor der Mensa Stu­die­rende des Otto-Suhr-Instituts (OSI) und Beschäf­tigte des Stu­den­ten­werks die Klinke in die Hand.

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Die Mensa streikte! Auch die Mit­ar­bei­ter des Stu­den­ten­werks leg­ten die Arbeit nie­der und soli­da­ri­sier­ten sich mit dem Bildungsstreik.

Text: Hen­drik Pauli, Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Lee­rer Bauch stu­diert nicht gern, sagt uns der Volks­mund. Was der hung­rige Stu­dent im Falle einer Mens­a­blo­ckade zu tun hat, das sagt er nicht. Statt Kartoffel-Brokkoli-Gratin und Gebra­te­ner Hähn­chen­keule mit Wald­pilz­sauce gab es flam­mende Reden zu stu­den­ti­scher Mit­be­stim­mung und pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nis­sen. Thema in der Studierenden-Vollversammlung war neben dem Bil­dungs­streik die kurz­fris­tige Beset­zung des OSI als Kon­se­quenz der gest­ri­gen Institutsratssitzung.

Gleich­zei­tig tra­ten vor der Mensa die Beschäf­ti­gen des Stu­den­ten­werks in einen ein­tä­gi­gen Warn­streik. Grund sind die sich seit 2006 hin­zie­hen­den Tarif­ver­hand­lun­gen. Die Gewerk­schaft ver.di for­dert von der Geschäfts­füh­rung rück­wir­kend zum März 2009 eine Lohn­er­hö­hung von 50 Euro plus 3,1% sowie eine  Anpas­sung der Löhne und Aus­bil­dungs­ver­gü­tun­gen an die Tarife des öffent­li­chen Diens­tes. Zudem sol­len Beschäf­tigte aus Leih­ar­beits­ver­hält­nis­sen über­nom­men werden.

Gemein­sa­mer Kampf von Stu­die­ren­den und Beschäftigen

Die etwa 120 Strei­ken­den zogen unter gro­ßem Jubel durch die Voll­ver­samm­lung. Gegen­sei­tige Unter­stüt­zung sei wich­tig, so André Poll­mann von ver.di Ber­lin. Sowohl Bil­dungs­streik als auch Tarif­ver­hand­lun­gen seien poli­ti­sche Fra­gen und könn­ten nicht iso­liert betrach­tet wer­den. Darum hät­ten ebenso Gewerk­schafts­ver­tre­ter ver­gan­gene Woche an der Bil­dungs­demo teil­ge­nom­men. Bei der Hörsaal-Besetzung ver­kün­det nimmt die Idee der soli­da­ri­schen Front gegen neo­li­be­rale Zumu­tun­gen aller Cou­leur lang­sam Form an. Mit der Beset­zung ihres Insti­tuts rich­te­ten sich die OSI-Studierenden eben­falls gegen eine wei­tere Ökono­mi­sie­rung der Uni­ver­si­tät. Auf der Insti­tuts­rats­sit­zung am Mitt­woch war es zu kei­nem Durch­bruch auf dem Weg zur Reform des Bache­lor „Poli­tik­wis­sen­schaft“ gekommen.

Aus dem Hin­ter­zim­mer auf den Institutstag

Streit­punkt ist vor allem die Anzahl der Pflicht­mo­dule im Grund­la­gen­be­reich, nicht zuletzt auch wegen des Ein­flus­ses auf Lehr– und For­schungs­schwer­punkte. Die Stu­den­ten spra­chen sich am Insti­tuts­tag  ver­gan­ge­nen Frei­tag (s.a. „Das OSI von mor­gen“) für eine ihrer Ansicht nach brei­ter auf­ge­stellte Fünf-Modul-Variante aus. Das Votum war aller­dings nicht bin­dend. Dane­ben stan­den zwei Drei-Modul-Varianten im Raum, ein sich deut­lich abgren­zen­der Vor­schlag der Pro­fes­so­ren Risse, Bör­zel und Lütz und ein Dis­kus­si­ons­pa­pier von Bernd Lad­wig. Die Pointe: Der Gegen­vor­schlag von Risse und Co. kam quasi durch die kalte Küche erst wenige Tage vor dem Insti­tuts­tag in Umlauf, obwohl alle Betrof­fe­nen auf­ge­ru­fen waren sich von Anfang an der Arbeit der Kom­mis­sion zu betei­li­gen. Das Ladwig-Papier, als Kom­pro­miss kon­zi­piert, ist seit Diens­tag bekannt.

Stu­die­rende füh­len sich getäuscht.

Der Frust der Stu­die­ren­den ist ent­spre­chend. Ihnen erscheint die Reform­kom­mis­sion nur­mehr als pseu­do­de­mo­kra­ti­sche Kulisse. Sie fürch­ten, dass das von ihnen favo­ri­sierte Modell nun peu à peu abge­schlif­fen wird zu Las­ten wich­ti­ger Grund­la­gen­fä­cher wie Poli­ti­sche Theo­rie und  Ide­en­ge­schichte. Pri­vi­le­giert wer­den soll hin­ge­gen der Bereich Inter­na­tio­nale Bezie­hun­gen mit den Pro­fes­su­ren von: Risse, Bör­zel und Lütz. Der Beset­zung des OSI für einen Tag sei als Warn­schuss zu ver­ste­hen, so Sarah Waltz, Wort­füh­re­rin der Stu­die­ren­den und Mit­glied im Fach­be­reichs­rat. Es solle so Druck auf­ge­baut und Zeit zum Infor­mie­ren gege­ben wer­den. Zeit zu Muße und Refle­xion soll­ten die Pro­fes­so­ren Risse und Bör­zel eben­falls bekom­men. Sie fan­den ihre Büros ges­tern mor­gen mit Ket­ten ver­rie­gelt vor.

27. November 2009, Bildungsstreik

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