Der Geist aus der Maschine

Bücher lesen und Haus­ar­bei­ten schrei­ben – das war ein­mal. Denn die Erfin­dung eines Ber­li­ner Infor­ma­ti­kers wird die aka­de­mi­sche Welt revo­lu­tio­nie­ren. Ihr Name: Ghostwriter-Bot.

Von Moritz Leetz — Illus­tra­tion: Jona­than Schmidt

Ghost-Bot erfüllt den Traum aller Stu­die­ren­den: Haus­ar­bei­ten schrei­ben ohne Bücherwälzen.

Mit flie­gen­den Fin­gern tippt Mar­kus Schül­ting auf der Tas­ta­tur herum. Ein letz­tes Mal über­prüft er die Ein­ga­be­maske »Fragestellung-These-Ergebnis«, ehe er mit erschöpf­tem Grin­sen auf einen roten But­ton drückt: »Text erstel­len«. Vier Stun­den spä­ter spuckt der Dru­cker eine fer­tige Sechs-Seiten-Hausarbeit zum Thema »Kants Ein­fluss auf das Geschichts­den­ken Schil­lers« aus, ohne dass Mar­kus dafür auch nur eine Zeile Text gele­sen hat – geschweige denn geschrieben.

Stu­den­ti­sche Wunsch­vor­stel­lung? Futu­ris­ti­sche Spie­le­rei? Kei­nes­wegs. Der »Ghostwriter-Bot,« oder kurz ein­fach »Ghost-Bot«, wie ihn Pro­gram­mie­rer Michael Här­tel lie­be­voll nennt, hat durch­aus das Poten­tial, die aka­de­mi­sche Welt zu revo­lu­tio­nie­ren. Här­tel – Ende 30, schüt­te­res Haar – nippt an sei­nem Chai Mac­chiato. Er ist Chef-Programmierer beim Ber­li­ner Unter­neh­men »Logi­Pro« und der geis­tige Vater des Tex­tes aus der Maschine. Der Bot funk­tio­niere fast genauso wie ein mensch­li­cher Ghost­wri­ter, erklärt der stu­dierte Infor­ma­ti­ker. In eine Viel­zahl von Ein­ga­be­mas­ken müsse der User den logi­schen Ver­lauf sei­ner Arbeits­these ein­ge­ben, dazu eine Glie­de­rung in Form von Schlüs­sel­wör­tern. Anschlie­ßend scannt das Pro­gramm die recher­chierte Lite­ra­tur mit Hilfe eines fort­schritt­li­chen Tex­ter­ken­nungs­pro­gramms und lässt den Bot die Daten ver­ar­bei­ten. Mit »erfreu­lich gerin­gem« Feh­ler­an­teil: Nur etwa bei einem von 500 Zei­chen ver­schluckt sich das Pro­gramm. Beson­ders stolz ist Här­tel auf die Logik-Algorithmen: »Dass der Bot es nicht nur schafft, Texte zu erken­nen, son­dern sie auch zu ver­ste­hen und aus den gewon­ne­nen Infor­ma­tio­nen etwas Neues zu kre­ie­ren, ist auf dem freien Markt bis­her einmalig.«

Ist sich das Pro­gramm bei einem sei­ner Zwi­schen­er­geb­nisse nicht sicher, stellt es den User vor die Wahl, sich für einen Gedan­ken­weg zu ent­schei­den. »Ist etwas müh­sam«, meint Mar­kus, der als einer der ers­ten das Pro­gramm tes­ten durfte. »Ins­ge­samt war ich bestimmt drei Stun­den mit Scan­feh­lern und Ver­ständ­nis­nach­fra­gen beschäf­tigt.« Auch mit der Sti­lis­tik hapert es noch. Per Reg­ler kann man den Stil zwi­schen »uni­ver­si­tär« und »essay­is­tisch« vari­ie­ren. Zu nah an »uni­ver­si­tär« dürfe man den aber nicht las­sen, erklärt der Pro­band. Ansons­ten käme statt »Die dümms­ten Bau­ern haben die größ­ten Kar­tof­feln« am Ende her­aus: »Das Volu­men sub­ter­ra­ner Knol­len­ge­wächse ist rezi­prok pro­por­tio­nal zum Intel­li­genz­quo­ti­en­ten des erzeu­gen­den Agrarökonomen.«

Noch steckt das Pro­gramm also in den Kin­der­schu­hen. »Bis jetzt kann man nur Texte für phi­lo­so­phi­sche Insti­tute damit schrei­ben«, gesteht Pro­gram­mie­rer Här­tel. Spä­ter seien aber Appli­ka­tio­nen für andere Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wie Ger­ma­nis­tik oder auch für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten geplant. Auch zu kom­plexe Fra­ge­stel­lun­gen, deren Beant­wor­tung eine hohe Sei­ten­zahl benö­tigt, über­for­dern das Pro­gramm noch. Eine Magis­ter­ar­beit kann der »Ghost-Bot« nicht schrei­ben, aber für einen Portfolio-Essay reicht es alle­mal. Um even­tu­elle urhe­ber­recht­li­che Strei­tig­kei­ten über die erzeug­ten Texte macht sich Här­tel keine Gedan­ken. »Auf der juris­ti­schen Seite sehe ich eigent­lich keine Pro­bleme. Schließ­lich stammt die Arbeits­these und das ein­ge­ge­bene Unter­su­chungs­vor­ge­hen vom Benut­zer.« Ohne eige­nes Nach­den­ken kommt der Stu­dent der Zukunft also nicht aus – ohne Lesen und Schrei­ben aber schon.

14. Dezember 2009, Campus, FURIOS 03, Heft

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