Die Partybolognese

10 Jahre Bolo­gna! Mar­lene Göring fragte die wich­tigs­ten Uni-Reformer des Lan­des nach ihrer
Bilanz. Und bekam lau­ter gut­ge­launte Ant­wor­ten. Aus der Fei­er­stim­mung hat sie eine große Beam­ten­party gemacht. Eine Satire mit ech­ten Zitaten.

Die Partybolognese

Illus­tra­tion: Michi Schneider

Es gibt eine all­ge­meine Erkennt­nis«, so Bir­ger Hen­driks, »die grund­le­gende Bereit­schaft zur qua­li­ta­ti­ven Ver­bes­se­rung der Umset­zung des Bologna-Prozesses.« Mit wohl­wol­len­dem Nicken fol­gen die Gäste den Wor­ten des Vor­sit­zen­den der Arbeits­gruppe »Fort­füh­rung des Bologna-Prozesses«. Hen­driks hält an die­sem Abend die Erf­öf­fungs­rede im »Dah­lem Cube«, dem Sci­ence and Con­fe­rence Cen­ter an der FU. Seine Zuhö­rer haben sich vor der Red­ner­bühne um geschmack­volle Tisch­grup­pen dra­piert. Moderne Kron­leuch­ter ver­brei­ten Zahn­arzt­pra­xen­flair. Der illu­mi­nierte Glas­bau fasst 1000 Men­schen – nicht annä­hernd genug Platz für alle, die als Beauf­tragte, Aus­schuss­teil­neh­mer, in Arbeits­grup­pen oder als Bologna-Reformer an ihrem Fach­be­reich tätig sind. FU-Präsident Len­zen hat des­halb nur die wich­tigs­ten Len­ker zur »Fest­akt­ver­an­stal­tung anläss­lich der Fort­füh­rung des Bologna-Prozesses im Jubi­lä­ums­jahr« gela­den. Gemein­sam fei­ern sie ihren Erfolg: Das Ziel, Deutsch­land bis 2010 kom­plett auf Bache­lor und Mas­ter umzu­stel­len, wurde »zu drei Vier­teln« erreicht.

Für Poli­ti­ker sind offi­zi­elle Anspra­chen ein not­wen­di­ges Übel. Doch Hen­driks’ Vor­trag ver­brei­tet woh­lige Stim­mung. Mit halb geschlos­se­nen Lidern lau­schen die Par­ty­gäste. »Der Zweck unse­rer Arbeits­gruppe ist der, die Kom­mu­ni­ka­tion über den Bologna-Prozess zu ver­bes­sern, also bes­ser zu trans­por­tie­ren«. Das hieße »einer­seits das, was im Bologna-Prozess statt­fin­det, an die wei­ter­zu­ge­ben, die man inter­na­tio­nal ›Sta­ke­hol­der‹ nennt, also die Betei­lig­ten«. Nach drei wei­te­ren Schach­tel­sät­zen macht Hen­driks eine rhe­to­ri­sche Pause. Wer fol­gen konnte, blickt aner­ken­nend. Schö­ner ließe es sich selbst nicht auf der Home­page des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung nach­le­sen. Hen­driks lächelt in die Runde und lobt die Begeg­nung der Bologna-Beteiligten »auf Augen­höhe«. Als er die Bühne ver­lässt, ste­hen die Kul­tus­mi­nis­ter zum Hän­de­schüt­teln bereit. Hen­driks ver­schwin­det in ihrer Mitte. In Bil­dungs­fra­gen haben die Kul­tus­mi­nis­ter die größ­ten Kom­pe­ten­zen. Anders als die Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz (HRK) kann die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz (KMK) nicht nur Emp­feh­lun­gen geben, son­dern auch poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen treffen.

Aber irgend­eine Land­tags­wahl steht immer an. Und das Thema Bil­dung kann auf Län­der­ebene schon­mal zum poli­ti­schen Bein­bruch füh­ren, wes­halb Beschlüsse lie­ber ver­mie­den wer­den. Der Party-Smalltalk geht den Kul­tus­mi­nis­tern gut von der Hand, nie­mand hat dem ande­ren etwas vor­zu­wer­fen. Ein­träch­tig ver­sam­meln sie sich ums Buf­fet. Aber wie sol­len die Lecker­bis­sen auf­ge­teilt wer­den? Nach gründ­li­cher Debatte ist der Mini­mal­kon­sens gefun­den: Jeder bekommt drei Stü­cke vom Tablett direkt vor sich. Ähnlich lief auch das KMK-Treffen im Okto­ber ab. Dort wur­den drei Kri­tik­punkte des Bil­dungs­streiks zum Bologna-Prozess als sinn­voll bestimmt. Nicht sinn­voll schien es der KMK aller­dings, ver­bind­li­che Vor­ga­ben fest­zu­le­gen. Ent­spre­chend frei wird auch der Mini­mal­kon­sens auf der Party gehand­habt: Die Kavi­ar­häpp­chen sind vor der Zeit aus.

Ent­schie­dene Worte fin­det nur KMK-Präsident Henry Tesch: »Der Bologna-Prozess darf nicht dazu füh­ren, dass ein­fach nur alter Wein in neue Schläu­che gegos­sen wird!« Von den Hoch­schul­rek­to­ren am Tre­sen ern­tet er dafür Stirn­run­zeln. Sie bli­cken sich hil­fe­su­chend um, der Sei­ten­hieb ging in ihre Rich­tung. Die Kri­tik droht die Par­ty­stim­mung zu drü­cken. Da fängt ein Gast mit senf­gel­ber Fliege und roter Nase an, zu kichern. »Lasst uns Tan­zen! Statt Polo­naise machen wir heute«, er schaut erwar­tungs­voll in die Runde, dann prus­tet er: »eine ›BOLOGNESE‹!« Die Hoch­schul­rek­to­ren lachen auf. Sie trin­ken ihr Glas aus, legen sich die Hände auf die Schul­tern und tan­zen im Kreis.

Die­ter Len­zen nutzt den aus­ge­las­se­nen Moment, um Tesch zu kon­tern. Immer­hin hat er als einer der ers­ten die »Reform der Reform« gefor­dert und die »Prü­fun­gen auf den Prüf­stand« gesetzt. Gebannt fol­gen die umste­hen­den Gäste sei­nen tau­to­lo­gi­schen For­meln. Die Trenn­li­nien sind klar. Ent­we­der die Poli­tik ist Schuld, oder die Hoch­schu­len sind es. Len­zen weiß die Ant­wort: »Es ist aller­dings dar­auf zu beste­hen«, sagt der FU-Präsident und schaut nach­denk­lich auf sein Glas Weiß­wein­schorle, »dass die tat­säch­li­chen Ver­ur­sa­cher von ver­bes­se­rungs­wür­di­gen Bedin­gun­gen kei­nes­wegs in der Freien Uni­ver­si­tät Ber­lin gesucht wer­den dür­fen.« Die finan­zi­el­len und gesetz­li­chen Bedin­gun­gen wür­den durch das Land Ber­lin fixiert, die Euro­päi­sie­rung der Stu­di­en­gänge erfolge allein aus den Beschlüs­sen der KMK und auf EU-Ebene. Sein Blick sucht Mar­g­ret Win­ter­man­tel, die Prä­si­den­tin der HRK. Sie setzt die Dis­kus­sion fort.

»Wir sind darum bemüht, die Reform, die von der Poli­tik in inter­na­tio­na­len Ver­trä­gen ver­ab­re­det wurde, so gut wie mög­lich umzu­set­zen.« Win­ter­man­tel appel­liert an das Mit­ge­fühl der Umste­hen­den: »Es ist sehr schwie­rig für die Hoch­schu­len, die ohne einen zusätz­li­chen Euro eine voll­kom­men neue Stu­di­en­ar­chi­tek­tur ent­wi­ckeln muss­ten.« Len­zen und Win­ter­man­tel pros­ten sich zu. Auch bei der stu­den­ti­schen Betei­li­gung am Bologna-Prozess sind sie sich einig. Natür­lich sei es wich­tig, Stu­den­ten mit ein­zu­bin­den. Wäh­rend Len­zen vor allem davon spricht, dass er lie­ber mit der »Basis« als mit »Funk­tio­nä­ren« redet, kann Win­ter­man­tel mit per­sön­li­cher Erfah­rung punk­ten: »Ich spre­che mit vie­len Stu­die­ren­den, die begeis­tert von ihrem Stu­dium sind. Vor kur­zem zum Bei­spiel mit einem Philosophie-Studenten aus Kon­stanz.« Die adrette Pro­fes­so­rin sieht Hoch­schü­ler als ihre Part­ner an. »Natür­lich haben die Stu­die­ren­den in einem Fach­be­reich die Mög­lich­keit, ihre Wün­sche zu for­mu­lie­ren«, sagt sie, »Das muss ja nicht for­ma­li­siert wer­den über eine bestimmte Wahl.« Win­ter­man­tel setzt auf Selbst­re­gu­lie­rung. Schon fast anar­chi­sche Ten­den­zen machen sich da bemerk­bar. Für die Zuhö­rer ist klar: So nah dran am Stu­den­ten ist sonst kei­ner hier.

Könn­ten sie aber sein. Unbe­merkt und etwas dis­tan­ziert sind auch Stu­den­ten anwe­send. Zwei sind es, die übli­che Anzahl der Sitze, die Stu­die­rende in den Bologna-Organisationen inne haben. Wenn sie über­haupt ver­tre­ten sind. Anja Gadow und Flo­rian Kai­ser sit­zen im Vor­stand des Freien Zusam­men­schlus­ses der Stu­den­tIn­nen­schaf­ten (FZS). Sie arbei­ten mit Stu­den­ten genauso wie mit ambi­tio­nier­ten Kar­rie­ris­ten und alten Hasen, die Poli­tik vor allem mit viel Sitz­fleisch betrei­ben. »Damit krie­gen sie die Debatte tot«, beschwert sich Gadow. »Sie gehen auf die Stu­di­pro­teste ein und sor­gen für gute Presse.« So würde den Stu­den­ten aber bloß der Wind aus den Segeln genom­men. Kai­ser pflich­tet ihr bei: »Dann heißt es: Warum demons­triert ihr denn schon wie­der«, sagt der 25-Jährige, »sie küm­mern sich ja darum, das muss sich erst­mal niederschlagen.«

Wirk­lich pas­sie­ren würde aber nichts. Auch heute gehen sie auf die Gäste zu und spre­chen ver­schie­dene Punkte an. Aber Minis­ter und Co. wen­den sich meis­tens schnell ande­ren Plau­der­run­den zu. Das Manko der Stu­die­ren­den­ver­tre­ter ist ihre Halb­werts­zeit. »Bis man anfängt mit Hoch­schul­po­li­tik, ist man im Zei­chen von Bache­lor schon fast wie­der raus aus dem Sys­tem.« Netz­werke müs­sen aber lang­fris­tig auf­ge­baut wer­den. Gadow, die schon län­ger im FZS aktiv ist, hat an einem Steh­tisch Bekannte gesich­tet. Gemein­sam mit Kai­ser geht sie auf sie zu. Der Psychologie-Student setzt heute auf Kon­fron­ta­tion. »Wieso wird die For­de­rung nach Ver­gleich­bar­keit der Unis im Sinne des Wett­be­werb­ge­dan­kens inter­pre­tiert?«, fragt er die grau­me­lier­ten Her­ren. »Das steht so nir­gends bei Bolog…« – Da gehen die Lich­ter aus und Kai­sers Stimme im Rau­nen unter.

Nur noch ein Spot­light beschreibt einen Kreis in der Mitte des Fest­saals. Hin­ein tritt Len­zen. Hin­ter sich her zieht er einen klei­nen Hand­wa­gen. Dar­auf lie­gen sel­tene FU-Merchandiseartikel, zum Teil aus sei­ner Pri­vat­samm­lung. Die braucht er selbst nicht mehr, weil er Ber­lin schon bald in Rich­tung Uni Ham­burg ver­las­sen wird. Als er die hand­si­gnier­ten T-Shirts, Feder­hal­ter und Fähn­chen unter sei­nen Freun­den ver­teilt hat, leuch­tet ein zwei­ter Spot auf. Unbe­merkt hat Len­zens per­sön­li­cher Pres­se­spre­cher Goran Krs­tin einen Flü­gel in den Saal gerollt. Schon spielt er die ers­ten Akkorde. Sanft beginnt Len­zen zu sin­gen: »And now, the end is near«. Die Par­ty­gäste haken sich ein und wie­gen im Takt. Nicht wenige Augen wer­den feucht, als Len­zen in den volls­ten Tönen den Refrain erreicht: »I did it … my way!«.

14. Dezember 2009, FURIOS 03, Heft, Titelthema: Humboldt

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