»Humboldt hätte Bologna unterstützt«

Der Bil­dungs­his­to­ri­ker Heinz-Elmar Ten­orth im Gespräch über einen stän­dig miss­ver­stan­den
Bil­dungs­re­vo­luz­zer und die Schwä­chen der Bologna-Reform.

Tenorth

Das Inter­view führte Nico­las Fuchs — Illus­tra­tion: Michi Schneider

Im Jahr 1809 wurde Wil­helm von Hum­boldt Chef der Sek­tion für Unter­richt
und Kul­tus. Was fas­zi­niert die Men­schen auch nach 200 Jah­ren an sei­ner Per­son?

Hoch­kon­junk­tur hat Hum­boldt seit zehn Jah­ren, seit dem Beginn der Hoch­schul­re­for­men in Deutsch­land. Mit ihm kann man an weni­gen Gelenk­stü­cken die Grund­prin­zi­pien der deut­schen Uni­ver­si­tät mar­kie­ren und sie als schon immer in Gel­tung und typisch für die deut­sche Uni­ver­si­tät dar­stel­len.
Wel­che Ansich­ten sind für ihn cha­rak­te­ris­tisch?
Ein­sam­keit und Frei­heit, die Ein­heit von For­schung und Lehre – als For­mel übri­gens bei Hum­boldt nicht zu fin­den –, außer­dem die Gemein­schaft der Leh­ren­den und Ler­nen­den und For­schung als uni­ver­si­tä­res Prin­zip. Diese vier Grund­sätze bil­den die Uni­ver­si­tät. Meis­tens nimmt man als fünf­ten Grund­satz noch die Auto­no­mie gegen­über dem  Staat hinzu.

Warum sind diese Texte erst rund 100 Jahre nach sei­nem Wir­ken popu­lär gewor­den?
Es han­delt sich dabei um amts­in­terne Denk­schrif­ten, die in den Archi­ven lagen. Nach der Uni­ver­si­täts­grün­dung in Ber­lin haben die offen­bar die Öffent­lich­keit nicht inter­es­siert. Rich­tig pro­mi­nent wur­den Hum­boldts Texte in der Früh­phase der Wei­ma­rer Repu­blik.
Haben Hum­boldts Ansich­ten 200 Jahre spä­ter über­haupt noch eine Berech­ti­gung?
Ja. Jedes Sys­tem braucht Refle­xion und mei­ner Mei­nung nach bie­tet Hum­boldt die schönste, ele­gan­teste, bequemste,
visio­närste und kür­zeste Mög­lich­keit, diese Selbst­be­schrei­bung für die Uni­ver­si­tät zu for­mu­lie­ren. Ich wüsste keine Alter­na­tive.
Ist es falsch sich auf ihn zu beru­fen?
Nein, es ist rich­tig. Man kann sich zu Recht auf Hum­boldt beru­fen, wenn man eine Uni­ver­si­tät sucht, die For­schung und Lehre ver­bin­det. Eine, die sich zwar über For­schung defi­niert, aber ohne Stu­die­rende nicht denk­bar ist. Hum­boldts Texte sind dann ein­fach die besten.

Ein Gespenst in der Bil­dungs­de­batte ist das »hum­boldt­sche Bil­dungs­ideal«, das häu­fig im Sinne eines Lang­zeit­stu­di­ums ohne Leis­tungs­druck und Leh­ren ohne Ver­ant­wor­tung auf­taucht. Wür­den sie uns den Begriff noch ein­mal erklä­ren?
Zunächst ein­mal gene­rell: Lang­zeit­stu­dium ohne Leis­tungs­druck, Leh­ren ohne Ver­ant­wor­tung, das hat mit Hum­boldt nichts zu tun. Nach dem hum­boldt­schen Bil­dungs­ideal im Kon­text der Uni­ver­si­tät bil­det die inten­sive Hin­gabe an wis­sen­schaft­li­che Arbeit und For­schung zugleich pro­fes­sio­nelle Exper­tise und den Charakter.

Wie hat sich das Ver­ständ­nis die­ses Begrif­fes über die Jahrzehnte/Jahrhunderte gewan­delt?
Häu­fig wird Hum­boldts Ideal dahin­ge­hend inter­pre­tiert, dass man sich nicht berufs-oder fach­be­zo­gen qua­li­fi­zie­ren müsse. Das ist aber Unsinn. Hum­boldt wollte, dass man sich in sei­nem eige­nen Fach zum Exper­ten macht und dabei den Cha­rak­ter bil­det. Dabei dachte er an die klas­si­schen Fakul­tä­ten: Pfar­rer, Juris­ten und Medi­zi­ner und an die Phi­lo­lo­gen. Prü­fun­gen dien­ten in sei­nem Sinne dazu, die Nation vor unge­eig­ne­ten Leu­ten zu schüt­zen.
Es gibt also Miss­ver­ständ­nisse. Könn­ten Sie die näher erläu­tern?
Es exis­tiert ein Bild, gerade in den Köp­fen der Reform­geg­ner, das stark vom wah­ren Hum­boldt abweicht. Er wollte kei­nen frei­schwe­ben­den Kri­ti­ker erzeu­gen, son­dern er kannte die Ver­ant­wor­tung der Aka­de­mi­ker in Beruf und Gesell­schaft.
Bli­cken wir auf den Bologna-Prozess. Die Reform zum Bachelor-/Mastersystem hin ist umstrit­ten. Weicht Bolo­gna wirk­lich vom Bil­dungs­ideal Hum­boldts ab?

Nach mei­ner Mei­nung gibt es keine wesent­li­che Abwei­chung. Die zen­tra­len Ele­mente des Bologna-Prozesses sind bei Hum­boldt schon vor­han­den, von Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung bis Stu­fung. Sie fin­den viele Zitate Hum­boldts, aus denen her­vor­geht, dass er den idea­len Stu­den­ten, der nur Phi­lo­soph ist, als eine ganz kleine Min­der­heit sieht. Die Mehr­heit der Stu­den­ten will einem Gewerbe nach­ge­hen, das weiß er. Für diese Stu­den­ten soll die Uni­ver­si­tät auch höhere Schule sein, das heißt sie muss die ver­schie­de­nen Vor­aus­set­zun­gen, die Stu­den­ten mit­brin­gen, akzep­tie­ren. Da sehe ich  Bolo­gna ganz nah an Hum­boldt, weil es eine berufs­bil­dende Grund­lage schaf­fen will und nicht für alle die höhe­ren Wei­hen vor­sieht.
Hum­boldt hätte die Bologna-Reform also unterstützt?

Ja, Hum­boldt hätte die Bologna-Reform unter­stützt. Ich bin mir ziem­lich sicher. Auch wenn er die Umset­zung kri­ti­siert hätte. Wieso schrei­ben sich dann die Bologna-Gegner Hum­boldt aufs Ban­ner? Die deut­sche Uni­ver­si­tät hat sich schon
immer mit hum­boldt­schen Tex­ten sti­li­siert. Bei­spiels­weise, als 1918–20 ver­sucht wurde, die Uni­ver­si­tä­ten in den demo­kra­ti­schen Staat zu holen. Die Uni­ver­si­tä­ten wehr­ten sich und benutz­ten Hum­boldt, um sich gegen die Kon­trolle ihrer Lehre und Leis­tungs­pflich­ten abzu­schot­ten.
Vie­len fehlt im Bachelor-/Master-System der Blick über den Tel­ler­rand.
Im Bologna-System gibt es ein Miss­ver­hält­nis von Prä­senz­zeit und Eigen­stu­di­en­zeit – eine Schwä­che der Reform. Hum­boldts Inten­tio­nen sind andere. Die For­mel von Ein­sam­keit und Frei­heit soll jedem die Mög­lich­keit schaf­fen, für sein Ler­nen ver­ant­wort­lich zu wer­den. Das begrenzte Zeit­bud­get, das den Blick in andere Dis­zi­pli­nen erschwert, halte  ich daher für einen Feh­ler.
Gibt es Vor­ur­teile gegen­über Hum­boldt, mit denen Sie jetzt auf­räu­men möch­ten?
Hum­boldt wollte Exper­ten als Welt­ver­bes­se­rer. Es scheint mir das schlimmste Vor­ur­teil zu sein, Hum­boldt zu einem eso­te­ri­schen welt­ab­ge­wand­ten Betrach­ter zu machen und das für Bil­dung in sei­nem Sinne zu hal­ten.
Nach wel­chem Leit­ge­dan­ken unter­rich­ten Sie ihre Stu­den­ten?
Ich folge einem sim­plen Grund­satz: Bil­dung und Stu­dium bedeu­tet eine Zwei­stu­fig­keit von Initia­tion und Refle­xion. Man muss in das Gebiet so ein­ge­führt wer­den, dass man die Metho­den zu beherr­schen lernt, dass man die Fra­ge­stel­lun­gen kennt. Das ist Initia­tion, des­we­gen sind Vor­le­sun­gen mit beglei­ten­den Ver­an­stal­tun­gen wich­tig. Refle­xion bedeu­tet, die Gren­zen des eige­nen Faches sehen zu kön­nen und kom­pe­tent zu wer­den, diese Gren­zen durch eigene For­schung auch aufzuheben.

14. Dezember 2009, FURIOS 03, Heft, Titelthema: Humboldt

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