Von gutem Regieren und blutigen Federn

Der Son­der­for­schungs­be­reich (SFB) 700 ist ein rotes Tuch für viele Stu­den­ten am Otto-Suhr-Institut. Vor­wurf: Kriegs­for­schung. Was steckt dahin­ter? Chris­tina Peters begab sich auf Spurensuche.

Im Mit­tel­punkt des Ver­dachts auf ein­ge­bette For­schung: Tho­mas Risse und der Son­der­for­schungs­be­reich 700. Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Was haben Afgha­nis­tan und Neu­kölln gemein­sam? Beide gehö­ren zum Spe­zi­al­ge­biet des SFB 700, einem von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft getra­ge­nen Think Tank an der FU. Seit der Grün­dung 2006 beschäf­ti­gen sich dort Sozi­al­wis­sen­schaft­ler mit dem Thema »Gover­nance in Räu­men begrenz­ter Staat­lich­keit«. Im Zen­trum steht die Frage: Wie stellt man Gover­nance, also Regie­rungs­leis­tun­gen wie Wohl­fahrt und Sicher­heit, zur Ver­fü­gung, wenn die Regie­rung es nicht kann?

Um die Ant­wor­ten küm­mern sich 95 Mit­ar­bei­ter in der­zeit 20 Teil­be­rei­chen. 2007 erschien ein ers­ter Sam­mel­band mit dem Titel »Regie­ren ohne Staat?« Die Ein­lei­tung warnt vor Fehl­schlüs­sen: Die Ori­en­tie­rung am »Ide­al­bild des ent­wi­ckel­ten und demo­kra­ti­schen Wohl­fahrts­staa­tes west­li­cher Prä­gung« sei falsch. Viel­mehr müsse eine Regie­rungs­form gefun­den wer­den, in der kein »bestimm­tes – von west­li­chen Vor­ga­ben gepräg­tes – Skript die Vor­gabe« bilde. Nur so könne »dem Ver­dacht begeg­net wer­den, es gehe bei ›Good Gover­nance‹ letzt­lich um eine neue Form des west­li­chen Impe­ria­lis­mus und Kolonialismus.«

Dass die Auto­ren die­sem Ver­dacht von Beginn an vor­grei­fen, zeigt: Sie sind sich der Bri­sanz ihrer Arbeit bewusst. Eine ihrer For­de­run­gen: Wenn der Staat nicht für das Wohl­er­ge­hen der Bevöl­ke­rung sor­gen kann, müs­sen es eben andere tun. Vom War­lord über das trans­na­tio­nale Unter­neh­men bis hin zum Ein­grei­fen ande­rer Staa­ten rei­che dabei das Spek­trum der Part­ner, heißt es. Eigene Inter­es­sen dürf­ten durch­aus ver­folgt wer­den. Doch wie bin­det man diese Akteure an »mate­ri­elle und for­melle Stan­dards des Regie­rens«? Dar­auf hat kei­ner der Auto­ren des Ban­des eine Ant­wort. Zur Not müss­ten Grund­rechte eben durch mili­tä­ri­sches Ein­grei­fen gesi­chert wer­den. Und wo bleibt die Selbstbestimmung?

»Ich per­sön­lich rede nicht gerne von Demo­kra­tie«, sagt SFB-Sprecher Tho­mas Risse, Pro­fes­sor für Inter­na­tio­nale Bezie­hun­gen am OSI. Natür­lich sei das Ziel die Hilfe zur Selbst­hilfe. »Aber man muss vor­sich­tig mit die­sem Elek­to­ra­lis­mus sein, um jeden Preis Wah­len abhal­ten zu wol­len. Wir haben bereits eine Fülle an defek­ten Demo­kra­tien«, warnt er.

Fragt man OSI-Studierende nach dem SFB, rea­gie­ren viele mit rol­len­den Augen. Die Kri­tik von links ist deut­lich: Der Begriff Gover­nance sei anti­de­mo­kra­tisch, weil er die Offen­heit eines demo­kra­ti­schen Sys­tems von vorn­her­ein beschneide und eine »Manage­ment­ge­sell­schaft« schaffe, urteilt etwa die »AG Paul Revere«. In einer 2009 ver­öf­fent­lich­ten Bro­schüre wer­fen die Anti­mi­li­ta­ris­ten dem SFB vor, er pro­pa­giere Neo­ko­lo­nia­lis­mus und die bloße Ökono­mi­sie­rung von Regio­nen für die Inter­es­sen west­li­cher Akteure. Der Titel der Bro­schüre ist bezeich­nend: »Fai­ling Sci­en­ces. Embed­ded Sta­ke­hol­ders. Wider den SFB 700«.

Und dann ist da noch die Sache mit Afgha­nis­tan. Im Herbst 2007 erstell­ten die Wis­sen­schaft­ler Jan Koeh­ler und Chris­toph Zür­cher ein vom Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium in Auf­trag gege­be­nes Papier über die zivil-militärische Zusam­men­ar­beit in Nord-Ost-Afghanistan. Dane­ben arbei­te­ten beide an the­ma­tisch pas­sen­den Afghanistan-Studien für den SFB. Die Kri­ti­ker sahen ihren Ver­dacht auf Kriegs­for­schung bestä­tigt. Prof. Risse wie­gelt ab: »Im Rah­men des SFB gibt es keine Auf­trags­for­schung. Zu pri­va­ter For­schung kann ich mich nicht äußern. Aber ich finde es gut, wenn Ergeb­nisse des SFB der Poli­tik zugute kom­men. Es kann nicht die Auf­gabe eines Poli­tik­wis­sen­schaft­lers sein, sich neu­tral und rein hal­ten zu müs­sen.« Eine sol­che Hal­tung pro­vo­ziert Pro­teste: Neben zer­fetzte, blut­rot bespritzte Kis­sen stell­ten SFB-Gegner einen Papp-Risse in den Ein­gang des OSI. Ihr Kom­men­tar: »Wer ein­ge­bet­tete For­schung betreibt, muss Federn lassen.«

Die Debatte wird wei­ter­ge­hen: Das Pro­jekt SFB 700 ist auf zwölf Jahre ange­legt. Prof. Risse kün­digt an: »Neu­er­dings gilt unser Inter­esse den Pro­ble­men von Governance-Konzepten beim Auf­ein­an­der­tref­fen mit den kul­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten vor Ort.« Der nächste vom SFB aus­ge­wie­sene Raum begrenz­ter Staat­lich­keit liegt übri­gens in Neu­kölln. Ob das Auf­ein­an­der­tref­fen da von gegen­sei­ti­ger Sym­pa­thie geprägt sein wird, bleibt abzuwarten.

14. Dezember 2009, Campus, FURIOS 03

Kommentar schreiben