Riesiger David, winziger Goliath

Über 50 Lis­ten tre­ten die­ses Jahr zur Wahl des Stu­die­ren­den­par­la­ments an. Wegen des ver­wen­de­ten Wahl­sys­tems kön­nen viele kleine Lis­ten auf einen Sitz hoffen.

Heiße Phase der Werbung

Text: Max Krause, Illus­tra­tion: Chris­toph Witt


Wie ergat­tert man einen Sitz im Stu­die­ren­den­par­la­ment? Man gründe eine Liste und über­rede vier Freunde dazu, sich auf ihr ein­zu­tra­gen. Man bringe 25 wei­tere Kom­mi­li­to­nen dazu, für die eigene Liste zu stim­men. Kein beson­ders schwie­ri­ger Wahlkampf.

2009 zog die Revo­lu­tio­näre Liste in das StuPa ein: Mit 29 Stim­men, was 0,8% aller abge­ge­be­nen ent­spricht. Jetzt ist sie dort mit einem von sech­zig Sit­zen ver­tre­ten. Die Liste der Grü­nen Hoch­schul­gruppe erhielt hin­ge­gen zehn Mal so viele Stim­men – aber nur fünf Mandate.

Ver­zer­run­gen durch Nachkommastellen

Diese Ver­zer­rung ist auf das ver­wen­dete Wahl­sys­tem zurück­zu­füh­ren. Es sorgt dafür, dass der erste Sitz für eine Liste recht ein­fach zu errei­chen ist, für jeden wei­te­ren aber ungleich mehr Stim­men erfor­der­lich sind. Die­ses Sys­tem heißt Hare-Niemeyer-Verfahren, nach einem eng­li­schen Rechts­an­walt und einem deut­schen Mathe­ma­ti­ker, und wurde bis 2005 auch bei den Bun­des­tags­wah­len ein­ge­setzt. Wenn viele Sitze zu ver­ge­ben sind und nur große Par­teien antre­ten, blei­ben die Ver­zer­run­gen, die bei die­sem Ver­fah­ren ent­ste­hen, klein. Bei­des ist jedoch bei den StuPa-Wahlen nicht der Fall.

Beim Hare-Niemeyer-Verfahren wer­den die Stimm­an­teile der ein­zel­nen Par­teien auf die Anzahl der zu ver­ge­ben­den Sitze umge­rech­net. So erhielt die Grüne Hoch­schul­gruppe 2009 8,4% der Stim­men. Idea­ler­weise stün­den ihr damit 5,03 Sitze zu. Die Revo­lu­tio­näre Liste kam auf 0,47 Sitze. Alle Zah­len wer­den zunächst auf ganze Sitze abge­run­det, und diese den Lis­ten zuge­spro­chen. Die zwangs­läu­fig übrig blei­ben­den Sitze gehen nach­ein­an­der an die Lis­ten mit den größ­ten Nach­kom­ma­stel­len. Um ein Man­dat mehr als die Revo­lu­tio­näre Liste zu bekom­men, hätte eine andere Liste also Anspruch auf min­des­tens 1,47 Sitze haben müs­sen. Das ent­spricht mehr als der drei­fa­chen Menge an Stimmen.

Ein ange­mes­se­nes Verfahren?

Es gibt kein Sys­tem zur Ver­tei­lung von Sit­zen, das die tat­säch­li­chen Stimm­ver­hält­nisse ideal wider­spie­gelt. Je weni­ger Sitze zu ver­tei­len sind, desto grö­ßer müs­sen zwangs­läu­fig die Abwei­chun­gen wer­den. Doch es stellt sich die Frage, ob ein Ver­fah­ren ange­mes­sen ist, das es Lis­ten ermög­licht ins Par­la­ment ein­zu­zie­hen, obwohl sie von weni­ger als einem Tau­sends­tel aller FU-Studierenden gewählt wur­den. Das öffnet Tor und Tür für die so genann­ten Tarn­lis­ten, die nur gegrün­det wer­den, um eine bestimmte Ein­zel­per­son ins StuPa zu bringen.

Die­sem Pro­blem ließe sich mit ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten begeg­nen, ohne das bis­he­rige Ver­fah­ren direkt abzu­schaf­fen. So würde bereits die Ein­füh­rung einer 1– oder 1,5-Prozent-Hürde dafür sor­gen, dass die im Par­la­ment ver­tre­te­nen Lis­ten ein Min­dest­maß an Legi­ti­ma­tion besitzen.

7. Januar 2010, Politik, Wahlen 2010

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