„Ich habe mich über Rojas geärgert“

Peter-André Alt geht als Favo­rit ins Ren­nen um die Prä­si­dent­schaft der FU. Der Pro­fes­sor für Neuere Deut­sche Lite­ra­tur und Direk­tor der Dah­lem Rese­arch School sprach im Inter­view mit FURIOS dar­über, wie er den Kon­takt zu den Stu­den­ten pfle­gen möchte und wes­halb er sich nicht auf einen Wahl­kampf ein­las­sen will.

Peter-André Alt in sei­nem Büro zwi­schen Lenin und Kafka. Foto: Julia Levenson

Das Inter­view führ­ten Caro­lin Benack und Tin Fischer

Viele hal­ten Sie bereits für den neuen Prä­si­den­ten der FU. Haben Sie schon den Umzugs­wa­gen bestellt?

Umzugs­wa­gen? Warum?

Damit der Ihre Sachen ins Prä­si­dium bringt.

Achso. (lacht) Dafür braucht man kei­nen Umzugswagen.

Warum sind so viele der Mei­nung, dass Sie Prä­si­dent wer­den?

Das müs­sen Sie diese ›vie­len‹ fra­gen. Es liegt natür­lich etwas näher, weil ich an der FU in den letz­ten Jah­ren schon in ver­schie­de­nen Berei­chen Ver­ant­wor­tung über­nom­men habe. Ich war Dekan und Stu­di­en­de­kan, habe dann wäh­rend des Exzel­len­z­wett­be­wer­bes eine Gra­du­ier­ten­schule für die FU ein­ge­wor­ben und die Dah­lem Rese­arch School über­nom­men. Dadurch habe ich nicht nur mei­nen eige­nen Fach­be­reich, son­dern auch andere Fächer bes­ser ken­nen gelernt.

Sie gel­ten als Ver­trau­ter des ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Die­ter Len­zen. Wie nah ste­hen Sie ihm?

Ich habe die Zusam­men­ar­beit mit ihm immer als anre­gend emp­fun­den. Mit ihm in klei­ner Runde zusam­men zu sit­zen, war für mich inspi­rie­rend, denn er hat wirk­lich gute Ideen ent­wi­ckelt. In der Regel hat es sich aber um sehr kurz bemes­sene Kon­takte gehan­delt, wes­halb ich nicht das Gefühl habe, ihn wirk­lich gut zu ken­nen. Ob man das nun Ver­trau­ter nen­nen kann?

Ange­nom­men Sie wer­den Prä­si­dent: Was wer­den Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Ich denke, dass in der Uni­ver­si­tät ein Wunsch nach mehr Kom­mu­ni­ka­tion besteht. Es ist wich­tig, dass Ent­schei­dun­gen, die Hoch­schule betref­fend, auf einer brei­te­ren Ebene dis­ku­tiert wer­den. In den letz­ten Jah­ren ist das zu sel­ten geschehen.

Die­ter Len­zen pflegte kaum den Kon­takt zu den Stu­die­ren­den. Wie wer­den Sie das halten?

Es hat mir nie­mals ein­ge­leuch­tet, dass das Prä­si­dium keine Sprech­stun­den anbie­tet. Nicht nur der Prä­si­dent, son­dern auch die Vize­prä­si­den­ten soll­ten regel­mä­ßig erreich­bar sein, wie das ordent­li­che Pro­fes­so­ren sein müs­sen. Gene­rell muss man den Kon­takt zu den Fach­be­rei­chen und ihren Fach­schaf­ten hal­ten. Ich finde aber auch, dass man den Bezug zum eige­nen Beruf, näm­lich dem des Hoch­schul­leh­rers, nicht ver­lie­ren sollte. Des­halb würde ich ver­su­chen, wenigs­tens alle zwei Semes­ter eine Lehr­ver­an­stal­tung zu halten.

Ihr Her­aus­for­de­rer Raúl Rojas hat sein Wahl­pro­gramm im Inter­net ver­öf­fent­licht. Er schreibt, dass er die Kom­pe­ten­zen nach unten ver­tei­len und weni­ger im Prä­si­dium kon­zen­trie­ren möchte. Wie würde Ihre Poli­tik aussehen?

Wir haben an der FU, im Ver­gleich zu ande­ren Uni­ver­si­tä­ten, bereits eine Struk­tur, in der die Fach­be­rei­che sehr stark sind, allein schon dadurch, dass sie ihr Bud­get selbst ver­wal­ten kön­nen. Daher sehe ich von der recht­li­chen Seite her nicht, dass wir in der Hoch­schul­lei­tung Kom­pe­ten­zen haben, die eigent­lich in die Fach­be­rei­che gehö­ren. Das Prä­si­dium muss eine Ent­schei­dungs­in­stanz sein, die Fach­be­rei­che müs­sen da Kom­pe­ten­zen haben, wo sie auch fach­lich und orga­ni­sa­to­risch zustän­dig sind. Wich­tig dabei ist, dass man sich wech­sel­sei­tig respek­tiert. Das zeigt sich vor allem in den Ziel­ver­ein­ba­run­gen. In den letz­ten Jah­ren wur­den diese Ver­ein­ba­run­gen zu stark von der Hoch­schul­lei­tung vor­ge­ge­ben. Das hat große Kon­flikte her­auf­be­schwo­ren, ich war selbst ver­är­gert, als uns Vor­ga­ben auf den Tisch geknallt wur­den und wir dann unsere Pflicht tun muss­ten. Ich stehe dafür, dass Ziel­ver­ein­ba­rungs­ge­sprä­che wie­der das wer­den, was sie ein­mal waren: ein gemein­sa­mer Klä­rungs­pro­zess zur Bestim­mung zukünf­ti­ger Aufgaben.

Rojas schlägt auch vor, die TU und die FU zu fusio­nie­ren. Was hal­ten Sie davon?

Ich halte von dem Vor­schlag gar nichts. Ich sehe nicht, wie aus einem gigan­ti­schen Tan­ker, der durch sol­che Fusion ent­stünde, eine erquick­li­che Ein­rich­tung wer­den soll. Es gibt aus guten Grün­den keine Uni­ver­si­tät die­ser Breite in Deutsch­land, denn in ihr wür­den keine Syn­er­gien ent­ste­hen, son­dern sich auf­blä­hende Ver­wal­tungs­struk­tu­ren. Außer­dem wäre es illu­sio­när zu glau­ben, dass man so etwas rea­li­sie­ren kann, ohne dabei unter dem Druck der Poli­tik gleich Ratio­na­li­sie­rungs­kon­zepte mit­zu­lie­fern, die dann Stu­dien – und Arbeits­plätze kosten.

Wo sehen Sie denn die FU in fünf Jahren?

Mein Zukunfts­kon­zept setzt vor allem auf För­de­rung des wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuch­ses. Dazu ist sicher­lich eine bes­sere Zusam­men­ar­beit der Uni­ver­si­tä­ten, gerade auf dem Gebiet der Natur­wis­sen­schaf­ten, unab­ding­bar. Ich denke dabei aber auch an die Max-Planck-Institute, von denen sich ja vier in unse­rer unmit­tel­ba­ren Umge­bung befin­den. Die Insti­tute ver­fü­gen über starke Res­sour­cen in der For­schung und üppige Etats, dafür bie­ten wir ihnen etwas, was sie in die­ser Zahl nicht haben: glän­zen­den Nach­wuchs. Des­we­gen plä­diere ich für einen For­schungs­cam­pus Dah­lem. (über­legt) Den könnte man „FC Dah­lem“ nennen.

Wird das Ihr Wahlslogan?

(lacht) Ja, das kön­nen Sie gerne schrei­ben. Nur: als Label von mir, bitte.

Noch ein­mal zur Aus­gangs­frage: Warum soll­ten die Max-Planck-Insitute mit der Freien Uni­ver­si­tät koope­rie­ren? Allein wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuchs anzu­bie­ten ist doch ziem­lich wenig.

Das stimmt, es wird nicht ganz ein­fach wer­den, die Max-Planck-Institute ins Boot zu holen. Neben dem Nach­wuchs ist ein wich­ti­ges Thema dabei das Pro­mo­ti­ons­recht. Nur Uni­ver­si­tä­ten dür­fen den Dok­tor­grad ver­lei­hen, die Max-Planck-Institute hät­ten die­ses Recht aber auch gern. Ich plä­diere nicht dafür, das Pro­mo­ti­ons­recht aus der Hand zu geben, aber ich denke, dass man eine für beide Sei­ten zufrie­den­stel­lende Lösung fin­den kann.

Auf sei­ner Web­site impli­ziert Pro­fes­sor Rojas, dass er sich ums Prä­si­den­ten­amt bewirbt, weil er die ande­ren Kan­di­da­ten für unge­eig­net hält. Füh­len Sie sich von die­ser Aus­sage angegriffen?

Es hat mich schon geär­gert, dass er gesagt hat, er sähe keine wis­sen­schaft­lich qua­li­fi­zier­ten Bewer­ber. Das finde ich unhöf­lich, schließ­lich ver­füge ich über wis­sen­schaft­li­ches Renom­mee und möchte nicht, dass mir das von einem fach­frem­den Kol­le­gen abge­spro­chen wird. Umge­kehrt würde ich so etwas nie über ihn sagen.

Wer­den Sie mit einer eige­nen Wahl­kam­pa­gne antworten?

Nein, ich führe kei­nen Wahl­kampf. Ich sehe das Amt des Prä­si­den­ten als ein Amt, in das man nach einem Wahl­akt beru­fen wird, ohne dass es pri­mär poli­tisch defi­niert ist. Wer eine Hoch­schule lei­ten möchte, sollte zual­ler­erst über wis­sen­schaft­li­che Qua­li­fi­ka­tion ver­fü­gen — sie ist es, die die Vor­aus­set­zung für das Anse­hen eines Prä­si­den­ten schafft. Wir sind keine Poli­ti­ker, die um Ämter kämp­fen. Für mich stimmt die­ser Ver­gleich mit der Poli­tik daher nicht.

Viele Stu­die­ren­den sind aber daran inter­es­siert, die Kan­di­da­ten und ihre Wahl­pro­gramme ken­nen zu ler­nen. Hät­ten sie nicht einen ordent­li­chen Wahl­kampf verdient?

Am 31.März fin­det eine Sit­zung des Aka­de­mi­schen Senats statt, in der die Kan­di­da­ten ihre Kon­zepte vor­stel­len; die anschlie­ßende Dis­kus­sion fin­det ohne Öffent­lich­keit statt. Einen Tag vor­her wird auf mei­ner Web­site ein Zehn-Punkte-Programm publi­ziert, das die wesent­li­chen Werte und Ziele benennt, die mir in der Funk­tion des Prä­si­den­ten wich­tig wären. Sollte man mich zur Wahl vor­schla­gen, würde ein aus­führ­li­che­rer ›Wahl­brief‹ folgen.

Neh­men wir an, wir hät­ten eine basis­de­mo­kra­ti­sche Uni­ver­si­tät und die Stu­die­ren­den wür­den ihren Prä­si­den­ten selbst wäh­len. Wie hieße der neue Prä­si­dent der FU?

Wenn man eine Wahl­be­tei­li­gung von 100 Pro­zent hätte, würde man wohl mich wählen.

Warum?

Weil ich ins­ge­samt das in sich durch­dach­tere Kon­zept biete.

Ken­nen Sie denn das Kon­zept von der drit­ten Kan­di­da­tin, Pro­fes­sor Lemke?

Nein, über­haupt nicht.

Herr Alt, noch eine letzte Frage: Warum sind Sie der beste Kan­di­dat fürs Präsidentenamt?

(lacht) Das ist eine Wahl­kampf­frage. Aber gut. Von denen, die zur Wahl ste­hen, habe ich die beste Kennt­nis der Uni­ver­si­tät. Und ich glaube, dass ich mit die­ser Grund­lage am ehes­ten in der Lage bin, die Pro­bleme, die es gibt, und die, die auf uns zukom­men, zu lösen.

29. März 2010, Präsidentenwahl

2 Kommentare

  1. […] Als aus­sichts­reichs­ter Bewer­ber für die Wahl am 12. Mai gilt nun der Ger­ma­nist Peter André Alt, dem im Gegen­satz zu sei­ner ver­blei­ben­den Kon­kur­ren­tin  Chris­tiane Lemke aus Han­no­ver der grö­ßere Rück­halt im erwei­ter­ten Aka­de­mi­schen Senat nach­ge­sagt, der den Prä­si­den­ten wählt. […]

    Pingback von FURIOS Online – +++Meldung+++ Rojas zieht Kandidatur zurück. Zweikampf zwischen Lemke und Alt — 2. April 2010, 12:48

  2. […] „Tages­spie­gel“ ihre Kan­di­da­tur um das Prä­si­den­ten­amt an der FU zurück­ge­zo­gen. Damit ist der Ger­ma­nist Peter-André Alt, der schon im Vor­feld als Favo­rit galt, der ein­zige verbleibende […]

    Pingback von FURIOS Online – +++Christiane Lemke zieht Kandidatur zurück. Einspruch von Studierenden+++ — 20. April 2010, 10:26