Alte Apparatschiks statt frischer Ideen

Rojas Rück­zug zeigt: An der FU regiert die Poli­tik, nicht die Idee. Ein Kom­men­tar von Tin Fischer.

Illus­tra­tion: David Goldwich

Die Oster­pre­digt des Paps­tes war eine Rock­show im Ver­gleich zu dem, was am Don­ners­tag im Henry-Ford-Bau statt­fand und sich «Anhö­rung der Kan­di­da­ten für das Prä­si­dium» nannte. Kaum zu glau­ben, dass es um die Zukunft einer Uni­ver­si­tät ging.

Hier regie­ren nicht die Ideen…

Dem Alpha­bet fol­gend war zuerst Peter-André Alt an der Reihe. Alt ist ein fei­ner und fähi­ger Kerl, aber sein Zukunfts­kon­zept für die FU war so ambi­tio­niert wie der Mai­bum­mel einer Kirch­ge­meinde. In der Lehre etwa solle die FU Platz 1 wer­den. Oha! Das ließ auf­hor­chen, bis sich her­aus­stellte: Gemeint war Platz 1 in Ber­lin. Aber Alt hatte Glück: Chris­tiane Lemke konnte ihn noch unter­bie­ten. Sie sehe die FU in Zukunft als «inter­na­tio­nale Netz­werk­uni­ver­si­tät». Das ist unge­fähr so inno­va­tiv, wie wenn der Papst die Zukunft des Katho­li­zis­mus im Chris­ten­tum sieht.

Begeis­tern konnte an die­sem Nach­mit­tag ein­zig Raúl Rojas. Als ein­zi­ger legte er ein Kon­zept vor, das wei­ter als bis zur nächs­ten Exzel­lenz­runde reicht. Sein Plan ist bekannt: FU und TU zusam­men­füh­ren. Ers­tens, weil es ist im 21. Jahr­hun­dert nur noch absurd ist, die tech­ni­schen Wis­sen­schaf­ten von den Human­wis­sen­schaf­ten zu tren­nen. Zwei­tens, weil jede Ber­li­ner Uni­ver­si­tät für sich ein armer Regio­nal­ver­ein ist. An dem Vor­schlag kann man eini­ges kri­ti­sie­ren. Aber jeder Außen­ste­hende hätte nach den Vor­trä­gen Rojas wenigs­tens den Hauch einer Chance auf die Prä­si­dent­schaft ein­ge­räumt. Doch die Freie Uni­ver­si­tät funk­tio­niert anders. Hier regiert nicht die Idee, son­dern der poli­ti­sche Appa­rat. Und der hat sich längst auf Alt geeinigt.

… son­dern die Mailinglisten?

Der Aka­de­mi­sche Senat, der den Prä­si­den­ten wählt, wird von drei Pro­fes­so­ren­grup­pen regiert: Der bür­ger­li­chen Ver­ein­ten Mitte, dem sozi­al­li­be­ra­len Diens­tags­kreis und der Libe­ra­len Aktion. Was poli­ti­sche Vor­lie­ben mit Wis­sen­schaft und der Zukunft der FU zu tun haben, weiß allen­falls der liebe Gott. Aus Bequem­lich­keit und Oppor­tu­ni­tät hält man das an der FU trotz­dem so. Wo sich Grup­pen um eine poli­ti­schen Idee orga­ni­sie­ren, brau­chen sie sich nicht um eigene Ansätze zu küm­mern und kön­nen sich auf die Pos­ten­ver­tei­lung kon­zen­trie­ren. Falls mal jemand fragt, recht­fer­tigt die Libe­rale Aktion ihre Exis­tenz ein­fach damit, dass es an der FU Linke gibt, und der Diens­tags­kreis seine umge­kehrt mit der Libe­ra­len Aktion. Ideen für die Zukunft der FU bringt das keine her­vor. Der Vati­kan ist der reinste Think Tank im Ver­gleich zur Ver­ein­ten Mitte. Ihre Pläne für die Zeit nach der Exzel­lenz sind ein so gut gehü­te­tes Geheim­nis, dass man davon aus­ge­hen kann, dass sie nicht existieren.

Die Pro­fes­so­ren­grup­pen sol­len sich mit ihren Ver­tre­tern Phi­lip Kunig, Hajo Funke und Paul Nolte end­lich in die Öffent­lich­keit stel­len und sagen, wel­che Ideen sie in den letz­ten 10 Jah­ren her­vor­ge­bracht haben und wel­che sie für die nächs­ten 10 Jahre erwä­gen. Das Podium Ende April wäre eine gute Gele­gen­heit dazu. Falls sie dazu nicht in der Lage sind, kön­nen sich die Grup­pen getrost auf­lö­sen und ihre Mit­glie­der den Bezirks­sek­tio­nen ihrer Par­teien bei­tre­ten. Wenn sie, wie Alt betont, eigent­lich nicht mehr als Mai­ling­lis­ten sind, wäre das weder ein gro­ßer Auf­wand noch ein Verlust.

5. April 2010, Politik, Präsidentenwahl

9 Kommentare

  1. naja, soweit ich das mit­be­kom­men habe, musste lemke ihren vor­trag so nen­nen. inter­na­tio­nale netz­werk­uni­ver­si­tät ist eben jetzt schon die selbst­be­zeich­nung der uni, daran hat sie sich gehal­ten. so zumin­dest hatte sie das am anfang des vor­trags gesagt. ich fand sie übri­gens gar nicht so schlecht. im gegen­satz zu alt hat sie wenigs­tens ein kla­res bild davon, was wis­sen­schaft und uni­ver­si­tät sein soll und eben auch nicht sein soll. das weist durch­aus über die nächste exzel­lenz­runde hin­aus. bei alt hin­ge­gen stimme ich völ­lig zu. auf den ers­ten blick viel­leicht eine inter­es­sante per­sön­lich­keit, auf den zwei­ten aber schon eher eine blasse figur, die in unend­li­chen mono­lo­gen unter­geht. auch wenn die furios sich eigent­lich schon auf rojas als lieb­ling ein­ge­schos­sen hatte, muss man mal fest­stel­len, dass seine idee einer zusam­men­le­gung der bei­den unis ein­fach keine mehr­heit an der uni und in der stadt hat. sie über­zeugt auch auf anhieb nicht. was will man mit einer 70.000-leute uni­ver­si­tät, wenn man jetzt schon an einer mas­sen­uni ist? ent­täuscht bin ich aber von ihm auch vor allem des­halb, weil er seine kan­di­da­tur zurück­ge­zo­gen hat. das ist auch gegen­über den stu­die­ren­den kein fei­ner zug, da sich da einige in den letz­ten wochen schon ganz schön ins zeug gelegt hat­ten um ihn zu pus­hen. ein »gro­ßer wurf« wird die neue prä­si­dent­schaft auf jeden fall nicht. bin ich aber auch ganz froh drü­ber, denn dann kehrt viel­leicht end­lich mal wie­der etwas mehr ruhe ein in die­sen völ­lig über­dreh­ten betrieb fu. und wenn die nächste exzel­lenz­runde nicht erfolg­reich ver­läuft ist das auch kein drama. aus stu­die­ren­den­per­spek­tive hat man ja eh nichts davon gemerkt außer eine gewisse ver­än­de­rung in der zusam­men­set­zung der jewei­li­gen ersti­jahr­gänge. müs­sen ja nicht noch mehr kar­rie­re­geile leute an die uni gespült werden…

    Comment von paul — 5. April 2010, 23:51

  2. Aus mei­ner per­sön­li­chen Sicht hat Herr Rojas eh nie vor­ge­habt, seine Kan­di­da­tur bis ans Ende zu brin­gen. Sehr seriös fand ich, was ich von ihm mit­be­kam, auch nicht. Er hat Dinge ver­spro­chen, von denen er wis­sen musste, dass sie nicht durch­setz­bar sind.

    Und auch nicht unbe­dingt sein soll­ten. Eine Groß­stadt wie Ber­lin mit nur zwei Uni­ver­si­tä­ten zu füh­ren, ist ebenso eine Kata­stro­phe für die wis­sen­schaft­li­che Land­schaft. Über­dies fehlt dabei jedes Gespür für unter­schied­li­che Kul­tu­ren und Befindlichkeiten.

    Die Exzel­lenz­in­itia­tive kann man fin­den, wie man will, und reich­lich kri­ti­sie­ren. Solang es sie gibt, muss auch die FU sich ihr stel­len. Die Kon­stanz der Bewer­bung, die Alt mit sich bringt, ist dann doch, was wir brauchen.

    Nun sein Pro­gramm und das von Frau Lemke auf zwei Punkte zu redu­zie­ren… ist auch nicht gerade sinnvoll.

    Comment von Thomas E. — 7. April 2010, 13:44

  3. Zitat: »Was poli­ti­sche Vor­lie­ben mit Wis­sen­schaft und der Zukunft der FU zu tun haben, weiß allen­falls der liebe Gott. »
    Sorry, das ist Quatsch. Das weiß Jede_r, der/die sich mal fünf Minu­ten zum Nach­den­ken hin­ge­setzt hat. Dass es ver­schie­dene Vor­stel­lun­gen von Wis­sen­schaft gibt — wem soll sie die­nen? Was wird geforscht? Wes­sen Per­spek­tive nimmt die For­schung ein? — und diese sich (meis­tens) ganz gut bestimm­ten poli­ti­schen Vor­lie­ben zuord­nen las­sen, ist so banal, dass mensch es kaum erwäh­nen bräuchte.

    Auch wenn es der Furios nicht in den Kram passt: Hoch­schul­po­li­tik ist mehr als die Ver­wal­tung von Sach­zwän­gen und Senats­vor­ga­ben — da sind _politische_ Ent­schei­dun­gen gefragt.

    Comment von dennis — 9. April 2010, 16:06

  4. Für Rojas Rück­zug gibt es ver­schie­dene Gründe. Einer davon ist, dass er die FU nicht in einen Wahl­kampf stür­zen wollte. Sollte sie in der nächs­ten Exzel­lenz­runde ver­sa­gen, wäre er der Schul­dige gewe­sen. Das wusste er zwar im Vor­aus. Aber der Exzel­len­z­wett­be­werb darf auch nicht dazu füh­ren, dass län­ger­fris­ti­ger Ideen nicht mehr dis­ku­tiert wer­den. Inso­fern bin ich der Mei­nung, dass die Kan­di­da­tur rich­tig war. (tin)

    Comment von Tin Fischer — 9. April 2010, 21:34

  5. Zur Zusam­men­füh­rung von TU und FU:

    Es muss nicht eine Fusion sein. Aus der Wirt­schaft weiss man: Die meis­ten Fusio­nen schei­tern. Aber eine Annä­he­rung wäre bereits ein Schritt nach vorn. Tech­ni­sche Wis­sen­schaf­ten und Human­wis­sen­schaf­ten müs­sen zusam­men­wach­sen. Daran führt im 21. Jh. kein Weg vor­bei. Bei­spiel Bio­tech. Bei­spiel Ver­kehr. Bei­spiel Ver­lags­we­sen. Die deut­sche Uni­ver­si­täts­land­schaft ist dar­auf mit ihrer Sepa­ra­tion der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten nur unzu­rei­chend vor­be­rei­tet. Des­halb müs­sen Ideen wie die von Rojas wei­ter ver­folgt wer­den (zumal in Ber­lin, wo es ein quiet­sch­le­ben­dige IT-Szene gibt, die nicht nur Infor­ma­ti­ker braucht und aus­ge­rech­net die man­gelnde Ver­net­zung mit den Uni­ver­si­tä­ten beklagt).

    Comment von Tin Fischer — 9. April 2010, 21:36

  6. @Thomas: Das Inter­view mit Lemke, in dem sie ihr Pro­gramm aus­führt, ist mitt­ler­weile online.

    Comment von Tin Fischer — 9. April 2010, 21:36

  7. @dennis: Wie will man denn poli­tisch ent­schei­den, ob Rojas der rich­tige Prä­si­dent ist? Wo soll man ihn poli­tisch ein­ord­nen? Die Uni­ver­si­tät will er so orga­ni­sie­ren, wie das (zumin­dest zur Zeit) auch die Lin­ken gerne hät­ten – von unten nach oben regiert. Gleich­zei­tig treibt er wie kaum ein zwei­ter die Zusam­men­ar­beit mit der Indus­trie voran – für die Lin­ken ein Tabu. In den links-rechts-Schemen der FU gibt es dafür kei­nen Platz. Ich habe nichts gegen einen poli­tisch orga­ni­sier­ten AS. Aber an der FU hat die Poli­ti­sie­rung zu einem Ide­en­stau geführt, weil es sich jeder in den Fron­ten bequem machen kann.

    Comment von Tin Fischer — 9. April 2010, 21:41

  8. Ach, Wahl­kampf… nicht ver­ges­sen, dass ein selek­tier­tes Gre­mium wählt, nicht der breite uni­ver­si­täre Kör­per, der das beob­ach­tet hätte. Er hätte nicht kan­di­die­ren müs­sen, um län­ger­fris­tige Ideen vorzubringen.

    Stich­wort Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät: Ja, gern. Das muss man aber teil­weise ja über­haupt erst­mal inner­halb der Fach­be­rei­che hin­krie­gen. Außer­dem baut inter­dis­zi­pli­näre For­schung auf den her­aus­ge­bil­de­ten Stär­ken bei­der Sei­ten auf. Mit­hin braucht es Tech­ni­sche Uni­ver­si­tä­ten in die­ser Form auch weiterhin.

    Comment von Thomas E. — 11. April 2010, 11:34

  9. vati­kan hier, papst da.
    warum nun aus­ge­rech­net die katho­li­sche kir­che ihren gesalb­ten schä­del her­hal­ten muss für die ein­falls­lo­sig­keit der kan­di­da­ten, leuch­tet mir nicht ganz ein bzw.
    haben die denn nicht genug eigene pro­bleme (z.B. chor­kna­ben)?
    ist es, weil das thema gerade so mode­mä­ßig durch die gazet­ten geis­tert und die furios ganz vorne mit­lär­men will, obwohl sie zu dem thema, weil cam­pus­ma­ga­zin, halt auch nicht so viel bei­tra­gen kann?
    oder braucht es nur einen tritt­stein, der ruf­mä­ßig gerade garan­tiert weit genug unten ist, damit der kom­men­tar auf die pro­fes­so­ren auch so rich­tig pfeffert?

    Comment von Schlimmerfinger — 13. April 2010, 22:41