Das Bermudadreieck der FU

In Lank­witz kann man medi­tie­ren, Cord­ho­sen tra­gen und seine Hob­bys Wis­sen­schaft wer­den las­sen. FURIOS hat sich far far away mal umgesehen.

Von Clau­dia Schu­ma­cher und Tanja Gold­be­cher. Illus­tra­tio­nen: Pia Bruer

Es ist schon wie­der eine Weile her und fast ver­ges­sen, da war die­ser Hil­fe­ruf aus Lank­witz. FURIOS fuhr hin. Es dau­erte eine Weile, bis wir im selt­sa­men Gebäude-Buchstaben-Labyrinth das rich­tige Haus gefun­den hat­ten. Ahh! L. End­lich da. Und dann ging es nach oben, in einem schä­bi­gen Las­ten­auf­zug. Wir stie­gen ein in den Osten im Wes­ten: dubiose Grün­pflan­zen, abge­tre­tene Tep­pi­che und ein paar orange-braune Geschmack­lo­sig­kei­ten an der Wand. Zwei von ins­ge­samt drei Men­schen, die wir antra­fen, tru­gen Cord-Schlaghosen und Horn­bril­len – wobei: Da hat­ten die Glück, das ist ja jetzt wie­der in. Im Sekre­ta­riat hing ein gerahm­tes Häkel­bild, ein Son­nen­un­ter­gang. Schließ­lich begrüßte uns der sym­pa­thi­sche Eme­ri­tierte in sei­nem Büro.

Der Medi­en­for­scher, der uns stark an Alfred Bio­lek erin­nerte, sprach über sein Lebens­werk. Er hatte päd­ago­gisch im Bereich E-Learning viel geleis­tet. Auch ein per­sön­li­ches Inter­esse hatte er neben­bei mit der For­schung ver­bun­den und den Medi­en­be­griff auf mensch­li­che Medien aus­ge­wei­tet. Da waren dann Hell­se­her und ähnlich Begabte in sei­nen Vor­le­sun­gen. Als er schließ­lich in den Ruhe­stand trat, sollte kein Neuer sei­nen Platz ein­neh­men. Erklä­ren konnte er sich das nicht. Aber er ora­kelte, dass ein rang­ho­her Pro­fes­sor, eben­falls Erzie­hungs­wis­sen­schaft­ler und medi­en­af­fin, die Stelle even­tu­ell blo­ckiere, weil er sie selbst gern in abseh­ba­rer Zukunft womög­lich beklei­den wolle. Ob wir nicht dar­über berich­ten woll­ten? Lank­wit­zer Intri­gen. So rich­tig hat die Story bei uns nie reingepasst.

Aber als Auf­hän­ger für eine Campus-Lankwitz-Reportage hat das Tref­fen doch einige Sym­bol­kraft. Schon lange ist Lank­witz ein Ber­mu­da­drei­eck für Pro­fes­so­ren. Die Publi­zis­tik wäre dort bei­nahe gestor­ben. Am Ende waren es noch vier Pro­fes­so­ren für 2500 Stu­den­ten. 2006 schrieb die Süd­deut­sche Zei­tung über Lank­witz: »Wer sich in diese triste Depen­dance der Freien Uni­ver­si­tät wagt, gewinnt den Ein­druck, hier bre­che eine Hoch­schule bald zusam­men. Bau­lich, men­tal, finan­zi­ell. Sie steht abseits, wenn Rek­to­ren, Stu­den­ten und Wis­sen­schaft­ler vom Auf­stieg in die erste aka­de­mi­sche Welt­liga träu­men.« Zumin­dest was das Stief­kind Publi­zis­tik anging, erbarmte sich das FU-Hauptquartier schließ­lich und nahm es an seine Dah­le­mer Brust, wo es sich mitt­ler­weile erho­len konnte. Zurück in Lank­witz blie­ben die Geo­lo­gen, die Geo­gra­phen, die Meteo­ro­lo­gen und ein paar klei­nere Forschungsprojekte.

Es gibt kaum Stu­den­ten, die zwi­schen den Häu­sern A und P umher eilen. Anzahl der Fahr­rä­der auf dem gesam­ten Cam­pus: 4. Anzahl der Frei­zeit­an­ge­bote und WG-Suchzettel an den Pinn­wän­den in Haus L: 0. Wir hören unser eige­nes Echo in den Flu­ren ver­hal­len. Es ist selt­sam, aber die Geo­wis­sen­schaft­ler schei­nen sich hier wohl­zu­füh­len. Dass es 1,5 Stun­den vom durch­schnitt­li­chen Ber­li­ner Sze­ne­vier­tel nach Lank­witz braucht, stört hier nie­man­den. Der gewis­sen­hafte Geo­wis­sen­schaft­ler wohnt ohne­hin gern abseits, in der Natur. Wegen der Gesteins­pro­ben. Geo­gra­phie­stu­dent Mar­tin Thei­lich ver­si­chert uns, Lank­witz sei seine »Insel des Frie­dens«. Und Dr. Tho­mas Traute, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an der Arbeits­stelle Hydro­geo­lo­gie stimmt mit ein: »Zum Arbei­ten und For­schen ist die Atmo­sphäre in Lank­witz genau rich­tig.« Auch Miriam Paprotzki, sechs­tes Semes­ter Geo­gra­phie, fin­det den Cam­pus Lank­witz bes­ser als Dah­lem, weil er nicht so »über­lau­fen und rie­sig« sei.

Das ist dann doch sehr viel Lob für einen Ort wie Lank­witz. Sper­rige Beton­klötze, das Innere haben wir ja schon erwähnt. Okay: Vor eini­gen Jah­ren hat ein Land­schafts­ar­chi­tekt den Geo­lo­gen die Grün­flä­chen auf­ge­hübscht. Dabei spran­gen auch ein geo­lo­gi­scher Lehr­pfad und eine Sam­mel­sta­tion für Regen­was­ser raus. Jedem das seine. Und dann sind da noch Hügel und viele Bäume und ein Fuß­ball­platz. Ja, das gefällt dann sogar uns Besu­chern aus der Groß­stadt. Aber es bleibt dabei, aus einem Bau­ern wird kein Model. Also: Haben hier alle Angst, die Wahr­heit zu sagen? Angst davor, dass die­ses Bio­top für Wahr­sa­ger und ange­hende Kachel­män­ner geschlos­sen wer­den könnte?

Zumin­dest wäre das eine ratio­nale Erklä­rung. Seit die FU in den 80ern nach Lank­witz aus­rutschte, ver­sucht sie die­sem plum­pen Faux-Pas einen Sinn zu ver­lei­hen. Mitte der 90er lieb­äu­gelte sie damit, ihr lau­tes Poli­tik­in­sti­tut nach Lank­witz abzu­schie­ben. Frei nach dem Ruf des Kin­der­has­sers Rich­tung Spiel­platz: »Ruhe da drau­ßen!« Aber weil das OSI nicht nur laut, son­dern auch furcht­bar gescheit und vor­zeig­bar ist, haben die ent­schei­den­den Her­ren es dann doch bei sich behal­ten. Also heute geht jetzt halt in Lank­witz wirk­lich gar nichts. Wenn die Pres­se­stelle der FU zum Thema Lank­witz eso­te­risch ant­wor­tet: »Alles ist mög­lich«, dann meint sie wahr­schein­lich nicht: Lank­witz ist das Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten. Son­dern dass sie es sich vor­be­hält, den Laden samt neuer teu­rer Regen­sam­mel­rinne dem Erd­bo­den gleich zu machen. Oder dass sie die Häu­ser A bis L für ein groß ange­leg­tes Altenpflege-Resort an ein expan­die­ren­des Altenpflege-Privatunternehmen ver­kau­fen wird. Die Alten sind schließ­lich Deutsch­lands Zukunft – das muss auch die FU lang­sam einsehen.

Wir wer­den immer mür­ri­scher. Aber wir haben eine Ver­ab­re­dung: Es gibt Kaf­fee! Im Café Flug­schot­ter, wel­ches von der Fach­schafts­in­itia­tive betrie­ben wird, lässt sich Jon Rich­ter genüss­lich auf die Couch fal­len. Sonst ist nie­mand da. Zur Zeit des Bil­dungs­streiks sei im Café mehr los gewe­sen, berich­tet der Geo­gra­phie­stu­dent. Er zeigt auf einen mit lee­ren Fla­schen gefüll­ten Ein­kaufs­wa­gen. »Lost in Lank­witz« fühle er sich aber nicht. Alle wich­ti­gen Ein­rich­tun­gen seien vor Ort und schnell zu errei­chen, ledig­lich der Weg nach Dah­lem nehme viel Zeit in Anspruch.

Wir gehen dann mal wie­der. Aber Halt: Da ist noch Herr Say­gin Ahmet, der Haus­meis­ter. Seit 36 Jah­ren ist er hier schon beschäf­tigt und die Pen­sio­nie­rung steht kurz bevor. Frü­her teilte er sich die Arbeit mit 20 ande­ren Arbei­tern, inzwi­schen ist er allein für die Instand­hal­tung zustän­dig. Als Herr Ahmet Auto­fah­rer durch die Schranke winkt, sagt er mit einem Lächeln und Blick auf die nahende Pen­sio­nie­rung: »Ich würde aber auch noch län­ger blei­ben!« Wir sind dann mal weg.

» Die Ruhe in Bil­dern: Bil­der­stre­cke zum Lankwitz-Artikel

16. Juni 2010, Campus, FURIOS 04

1 Kommentar

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