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Der Seiltänzer

Im FU-Zirkus wagt ein Literaturwissenschaftler den Balanceakt. Jonas Breng über Professor Peter-André Alt, den neuen Präsidenten der Freien Universität.

Abstürzen verboten. Peter-André Alt in schwindelerregender Höhe. Illustration: Christine Spady

Auf den ersten Blick hat der neue FU-Präsident mit einem Seiltänzer nichts gemeinsam. Peter-André Alts Bewegungen wirken steif und hölzern, ein bisschen wie eine Fremdsprache, die er nicht fließend beherrscht.

Erst, wenn er zu sprechen beginnt, zeigt sich, wie gut das Bild des umsichtigen Artisten passt. Alt formuliert in langen, wohldosierten Sätzen, schmeckt jedes Wort vorher ab. Immer bedacht, immer kontrolliert. Bloß nicht das Gleichgewicht verlieren. Das war man im Zirkuszelt FU vom ruppigen Dompteur Lenzen anders gewohnt. Das Peitschenknallen hat ein Ende, es lebe der gute Ton.

Ohne Allüren

Der Präsident der FU sitzt in seinem alten Büro im Philologischen Institut. Über eines ist auch er sich im Klaren: Präsident sein ist ein undankbarer Job. Man könne es niemandem recht machen, sagt er und lächelt freundlich. Einige Studenten sehen in der Verkörperung der Macht ihren natürlichen Feind und die Politik erwartet die Quadratur des Kreises: Leistungssteigerung bei gekürzten Geldern. »Im Prinzip ist es nicht möglich, als Lichtgestalt aus diesem Amt zu gehen«, glaubt Alt und blickt über die Ränder seiner rahmenlosen Brille hinweg. Im Kopf hat er dabei seinen Vorgänger Lenzen, der sich mit Schimpf und Schande nach Hamburg verabschiedete.

Eines wird deutlich: Alt will kein Politiker sein. Jetzt nicht und nach der Amtszeit schon gar nicht. Er spricht von der »Macht der Fiktion«, die in der Realpolitik zu finden sei und meint das Aufgeblasene, das Heuchlerische und die schmutzigen Tricks. Solchen »Drohkulissen« will der Theaterliebhaber Alt nicht auf den Leim gehen. So richtig würde er auch nicht ins affektierte Spiel der politischen Selbstdarstellung passen, das sein Vorgänger wie kein zweiter Uni-Präsident in Deutschland beherrschte. Zu wenig charismatisch, zu wenig eitel ist Alt. Präsidiale Allüren sind nicht die Sache des leidenschaftlichen Wissenschaftlers. Zur Arbeit kommt er mit dem Fahrrad. Ein Bekenntnis möchte er aber auch daraus nicht machen. Er findet es schlicht »praktisch«. Und so ist es dann auch die einzige persönliche Geschichte, die er erzählt: Dass er sein 30 Jahre altes Fahrrad so lange fuhr, bis sich seine Frau und die beiden Söhne ein Herz fassten und den alten Drahtesel heimlich entsorgten. Alt schmunzelt, als hätte er schon zu viel Privates gesagt.

Akademisches Großkaliber

Geboren wird der Sohn eines Steuerberaters im Berliner Westend. Nach einem Kurzintermezzo Medizin studiert er Germanistik, Philosophie und Politik an der FU. Die Geisteswissenschaften werden sein Zuhause. Nach der Habilitation geht seine wissenschaftliche Tournee von Berlin über Rostock nach Bochum. Mit 35 Jahren geht es auf die erste Professur. Alt scheint nicht stillsitzen zu können. Er forscht weiter in Princeton und Cambridge. Hier liebt er die Ruhe, die »klösterliche Atmosphäre der großen Bibliotheken«. Man könne dort wunderbar arbeiten, sagt er etwas wehmütig.

In Bochum und in Würzburg übernimmt er erste Leitungsfunktionen. Doch Berlin lässt ihn nie ganz los. 2005 kehrt er zu seiner Alma Mater, der FU, zurück. Er wird Dekan der Geisteswissenschaften und Leiter der Dahlem Research School, hilft Lenzen das Elitesiegel an Land zu ziehen und schreibt vielbeachtete Bücher über Schiller und Kafka. Alt ist ein akademisches Großkaliber, zweifellos.

»Lenzen hatte phobische Seiten«

Mit der Freien Universität ist Alt eng verwachsen: als Student, Professor und zuletzt als Dekan. So viel Nähe führt auch zu Verstrickungen. Mit der Streitfigur Lenzen verstand er sich gut, bezeichnet die gemeinsame Arbeit als »anregend«. Das allein macht ihn für manche verdächtig. Der FU-Stallgeruch hängt ihm wie ein schweres Parfum in den Kleidern. Der AStA wittert bereits eine Fortsetzung des autokratischen Systems Lenzen und poltert ordentlich gegen den frisch Gewählten.

Doch wer Alt zum Juniorpartner von Lenzen stempelt, benutzt das falsche Etikett. Alt kennt die Schrauben und Apparaturen in der FU-Maschinerie so exakt wie ein alter Klempner die eigene Heizung und weiß sich in seinem System zu arrangieren. So steht er vielleicht nicht für einen Neuanfang, aber für einen neuen Umgang. Das sieht auch ein scharfer Kritiker des ehemaligen Präsidiums so: »Alt ist eine herausragende Wahl«, findet Hajo Funke. »Man merkt, dass er über die einzelnen Statusgruppen hinausdenkt.« Für ihn ist Alts nüchterne Art ein Vorteil. »Er verliert nie die Fassung, bleibt argumentativ immer stark. Ganz anders als Lenzen, der hatte phobische Seiten.« Der Politikprofessor hält den neuen Präsidenten für kompetenter und mutiger. Ein Mut, der sich auch in der Zusammenstellung des neuen Präsidiums zeigt. Mit dem Theologen Michael Bongardt holte Alt eine starke Persönlichkeit in seine Mannschaft. Einen, der auch mal den Konflikt sucht und dessen Name eng mit dem Streikforum des Runden Tisches verbunden ist. Wird Alt also zum großen Versöhner?

Ausgerechnet Kafka bringt das Dilemma seines Biographen auf den Punkt: »Alles Reden ist sinnlos, wenn das Vertrauen fehlt.« Und eben dieses ist nach dem rumpligen Wahlkampf bei einigen Studenten angeknackst. Alt ging als haushoher Favorit ins Rennen. Die Mitbewerber Rojas und Lemke schwenkten früh die weiße Fahne. Zu viele Professoren standen hinter dem Literaturwissenschaftler, die Chancenlosigkeit der Niemals-Präsidenten war offensichtlich. Der Klüngel-Vorwurf machte die Runde und die Intransparenz des Verfahrens wurde an den Pranger gestellt. Laut einem Mitglied des Akademischen Senats gab es sogar eine interne Absprache zwischen den professoralen Gruppen kurz vor der Wahl. Man wollte Alt und die neue Vize Monika Schäfer-Korting im Paket durchwinken. Die, die sich querstellten, wurden aufgefordert, nicht zur Wahl zu erscheinen. Alt dementiert dies. Für undemokratisch halte er den Wahlkampf nicht. Trotzdem sagt er: »Ich hätte mir den Streit mit anderen Persönlichkeiten und Vorstellungen gewünscht.« Der Vorwurf nagt.

Lehre muss sich wieder lohnen

Alt will viel, was Lenzen auch wollte. Daraus macht er keinen Hehl. Sein Programm steht für die Fortführung von Lenzens Konzept der »Netzwerkuniversität«. Auch die Idee von Internationalisierung und strategischer Nachwuchsförderung will er weiterspinnen, um die nächste Exzellenzrunde zu gewinnen. Alts ehrgeizigstes Vorhaben ist allerdings, dass endlich auch die Lehre zum Elitestempel passt. Lehrproben für Professoren sollen eingeführt und reine Lehrprofessuren geschaffen werden. »Ich möchte nicht sagen: ›Hier haben wir die Lehrsklaven und dort die Forschungsfürsten.‹ Aber wir brauchen eine Aufwertung dessen, was in der Lehre geleistet wird«, sagt Alt und setzt sich ein bisschen aufrechter hin. Dazu gehört auch eine bessere Betreuung der Studenten. Im Moment kommen auf einen Professor 77 Studenten. So schlecht ist in Deutschland derzeit keine andere Universität.

Alt redet jetzt schneller. Das Thema ist ihm wichtig. Er spricht von Mentor-Programmen für Nachwuchswissenschaftler, über eine stärkere Kooperation mit den Dahlemer Max-Planck-Instituten, die das Herzstück der neuen Exzellenzbewerbung ausmachen sollen.  Am Ende landet er aber wieder bei der Lehre. Sie mit den finanziellen Möglichkeiten der FU und dem Forschungsauftrag in Einklang zu bringen, ist für die Studenten der Prüfstein, an dem sie den neuen Präsidenten messen werden. Ein echter Balanceakt für den Seiltänzer. Also dann Herr Alt: Manege frei!

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