»Ich schreibe keine Seiten ab«

Die Schrift­stel­le­rin Sibylle Lewitscharoff gewann in die­sem Jahr den Ber­li­ner Lite­ra­tur­preis. Damit hat sie die Heiner-Müller-Gastprofessur am Peter-Szondi-Institut inne, wo sie Jung­au­to­ren lite­ra­ri­sches Schrei­ben beibringt.

Das Gespräch führ­ten Caro­lin Benack und Frauke Fentloh.

Frau Lewitscharoff, Sie haben ein­mal gesagt, dass Sie sich nach dem Stu­dium nicht vor­stel­len konn­ten, an der Uni zu arbei­ten. Jetzt sind Sie doch wie­der hier.

Damals habe ich mich nicht in der Lage gese­hen, den aka­de­mi­schen Anfor­de­run­gen zu genü­gen. Als Pro­fes­sor muss man for­schen kön­nen und bereit sein, mit päd­ago­gi­schem Eros Men­schen etwas bei­zu­brin­gen – das konnte ich mir nicht vor­stel­len, obwohl ich sehr gern stu­diert habe. Jetzt arbeite ich ja nicht wirk­lich wis­sen­schaft­lich, denn das Semi­nar, das ich gebe, ist ja vor allem prak­ti­scher Natur.

Wie sieht denn so ein Semi­nar bei Ihnen aus?

Wir reden erst ein­mal über die Texte, die die Teil­neh­mer ein­ge­reicht haben. Und ent­lang der Schwie­rig­kei­ten, die sich da zei­gen, ver­su­che ich, das Semi­nar auf­zu­bauen und gelun­gene Texte von gro­ßen Auto­ren ein­zu­spei­sen. Wir stel­len keine wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung über Kafka an, son­dern ver­su­chen, anhand die­ses Bei­spiels zu sehen, was man dar­aus für die eige­nen Texte nutz­bar machen kann.

Die Schrift­stel­le­rin Sibylle Lewitscharoff wurde 1954 in Stutt­gart gebo­ren. Ihr ers­tes Buch »36 Gerechte« ver­öf­fent­lichte sie 1994. Für ihren aktu­el­len Roman »Apos­to­loff« erhielt sie im letz­ten Jahr den Preis der Leip­zi­ger Buch­messe. In die­sem Jahr gewann sie den Ber­li­ner Lite­ra­tur­preis für ihr »unge­mein dich­tes und ori­gi­nel­les Pro­sa­werk«, so die Jury. Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Sie haben ihre Stu­den­ten aus rund 50 Bewer­bern selbst aus­ge­sucht. Haben Sie schon den nächs­ten Grass, die nächste Bach­mann gefunden?

Nein, das wäre auch über­trie­ben. Ich bezweifle auch, dass jemand, der schon alles kann, in so einen Kurs gehen würde. Außer­dem ist das ganz große Talent, das sich schon jung zeigt, eine Illu­sion. Es gibt zwar die alle Jahr­hun­derte ein­mal erschei­nen­den jun­gen Genies, Franz Kafka etwa. Aber heute brau­chen die Leute einen lan­gen Anlauf, weil die Ablen­kun­gen groß sind und der Wort­schatz so klein gewor­den ist.

Gibt es etwas, das Sie Ihren Stu­den­ten mit­ge­ben möchten?

Ganz prag­ma­tisch: Heute ist es ein sehr ris­kan­tes Spiel, sich schon in jun­gen Jah­ren dar­auf zu ver­las­sen, sein Leben lang ein Aus­kom­men als Schrift­stel­ler zu fin­den. Man sollte schon gleich­zei­tig einem Brot­be­ruf nach­ge­hen. Zumal das auch Erfah­run­gen mit sich bringt. Sie haben sonst nur ihre Kind­heit, ein biss­chen Lie­bes­leid und ein biss­chen Uni­ver­si­tät, wor­über wol­len Sie denn da schrei­ben? Natür­lich kön­nen Sie sich wie Bukow­ski in eine Sub­kul­tur bege­ben und ver­su­chen, darin auf­zu­ge­hen und dann dar­über zu schrei­ben. Das saure Kitsch-Gewerbe im Alko­hol. Aber zu emp­feh­len ist das wohl nicht.

Sie haben an der FU Reli­gi­ons­wis­sen­schaf­ten stu­diert. Wie haben sie damals die FU erlebt?

Ich habe ja 1974 ange­fan­gen zu stu­die­ren, da war die Uni­ver­si­tät ein rie­si­ger Frei­raum. Die Angst, spä­ter kein Geld zu ver­die­nen, war schlicht und ergrei­fend nicht vor­han­den. Wir haben alle sehr lange und gemüt­lich stu­diert und stan­den kaum unter äuße­ren Zwän­gen, abge­se­hen von den inne­ren. Ich fand diese Frei­heit extrem inspi­rie­rend. Gewiß hat­ten diese Frei­räume auch ihre Nach­teile; ich habe ziem­lich dis­zi­plin­los stu­diert. Viele sind dabei auf dem Sofa ver­sackt und wur­den ein­fach nicht fertig.

Dann dürf­ten Sie die 68er haut­nah mit­er­lebt haben. Haben Sie sich auch in der Stu­den­ten­be­we­gung engagiert?

In der Schul­zeit war ich hef­tig links ein­ge­stellt, gera­dezu pro­gram­miert. Ich war in einem komi­schen Trotz­kis­ten­ver­ein; wir haben Umsturz­pläne geschmie­det, uns Deck­na­men gege­ben und geheime Brief­käs­ten benutzt. Alles wurde mit gro­ßer Lei­den­schaft betrie­ben. Das hörte mit dem Stu­dium aller­dings auf. Was noch an mar­xis­ti­schen Rest­be­stän­den an der Uni­ver­si­tät zu erle­ben war, emp­fand ich als ver­knö­chert. Die haben ja nur noch Kapi­tal­stu­dien betrie­ben. Da merkte man schon, dass zumin­dest diese Abtei­lung der lin­ken Bewe­gung zum Unter­gang ver­ur­teilt war.

Wie Gün­ter Grass oder Christa Wolf haben sie im März die Leip­zi­ger Erklä­rung zum Schutz geis­ti­gen Eigen­tums unter­schrie­ben. Füh­len Sie sich von »remi­xen­den« Schrift­stel­lern wie Helene Hege­mann bedroht?

Nein, da ver­traue ich dann doch auf die eigene Kraft und das eigene Kön­nen, das sehr viel mehr wert ist als das Her­um­ge­wursch­tel im schon Geschrie­be­nen. Bedroht kann man sich als Schrift­stel­ler aber sehr wohl füh­len, näm­lich durch den schwe­ren Stand des Buchs und die Schlei­fung des Urhe­ber­rechts im Inter­net. Das ist für jeden bedroh­lich, der schreibt.

Aber wo ver­lau­fen denn nun die Gren­zen zwi­schen Zitat und Plagiat?

Erst ein­mal: Die Hegemann-Debatte ist ziem­lich hoch gekocht und ein biss­chen an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen. Aber natür­lich, wenn Sie eine ganze Seite abschrei­ben und das ein­fach ein­pas­sen, ist das ein Pro­blem. Ich finde immer noch, die Leute soll­ten sel­ber schrei­ben. Das ist natür­lich anstrengender.

Abschlie­ßend noch eine Frage: Worum wird es in Ihrem nächs­ten Buch gehen?

Ich plane einen Roman über den Phi­lo­so­phen Hans Blu­men­berg. Da werde ich natür­lich auch gewisse Ideen und Gedan­ken von ihm in den Roman ein­tra­gen. Aber gewiß nicht, indem ich Sei­ten aus sei­nen Büchern abschreibe.

16. Juni 2010, FURIOS 04, Kultur

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