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»Man bekommt auch mal eine reingewatscht«

Gesine Schwan im Gespräch über blinde Schafsherden, das Verhältnis zu ihrem Privatprofessor und den studentisch-präsidialen Schlagabtausch.

Das Interview führten Björn Stephan und Jonas Breng.

Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Gesine Marianne Schwan, als die Frau, die gleich zweimal an Horst Köhler scheiterte. Einen Namen hatte sich die Politikwissenschaftlerin aber schon lange vorher gemacht: als OSI-Dekanin und Präsidentin der Viadrina Universität in Frankfurt (Oder). Die gebürtige Reinickendorferin startete ihre Laufbahn an der FU, an der sie auch promovierte und gemeinsam mit ihrem ersten Mann Alexander Schwan unterrichtete. 1999 unterlag sie Peter Gaethgens bei den Präsidentschaftswahlen. Heute lehrt Schwan an der Humboldt-Viadrana School of Governance und ist in zweiter Ehe mit Peter Eigen, dem Gründer von Transparency International verheiratet. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Gesine Marianne Schwan, als die Frau, die gleich zweimal an Horst Köhler scheiterte. Einen Namen hatte sich die Politikwissenschaftlerin aber schon lange vorher gemacht: als OSI-Dekanin und Präsidentin der Viadrina Universität in Frankfurt (Oder). Die gebürtige Reinickendorferin startete ihre Laufbahn an der FU, an der sie auch promovierte und gemeinsam mit ihrem ersten Mann Alexander Schwan unterrichtete. 1999 unterlag sie Peter Gaethgens bei den Präsidentschaftswahlen. Heute lehrt Schwan an der Humboldt-Viadrana School of Governance und ist in zweiter Ehe mit Peter Eigen, dem Gründer von Transparency International verheiratet.

Frau Schwan, Sie sind Expertin für Präsidentschaftskandidaturen. 1999 wollten Sie Präsidentin der Freien Universität werden. Wieso haben Sie jetzt nicht wieder kandidiert?

Weil ich hier als Professorin an der Humboldt-Viadrina School of Governance ein Feld gefunden habe, das mich komplett ausfüllt. 1999 hätte ich das allerdings gerne gemacht. Nach den Erfahrungen als Dekanin an der FU hatte ich den Eindruck, man könnte sogar eine Massenuniversität so leiten, dass daraus eine Universität mit persönlichen Beziehungen entstehen kann. Die FU ist ein Ort, wo sich geistig-politisch etwas abspielt. Ich hätte sie gerne zu einem Akteur in der öffentlichen Debatte gemacht. Doch die Mehrheiten im Akademischen Senat waren anderer Meinung.

Dem ehemaligen Präsidenten der FU, Dieter Lenzen wurde der Vorwurf gemacht, er hätte den Bezug zu den Studenten verloren. Wie viel Nähe kann sich ein Präsident erlauben?

Genau die Nähe, die er auch zu anderen Menschen hat. Nach meiner Wahrnehmung habe ich mich gegenüber den Studierenden genauso verhalten wie gegenüber den Professoren oder dem Hausmeister. Es ist für mich grundsätzlich, dass keine Statusunterschiede gemacht werden. Für die Entwicklung der Viadrina waren die Studierenden meine besten Bündnispartner. Im Gegensatz zu vielen Professoren, die nur ihre eigenen Arbeitsgebiete, Karrieren oder Lehrstühlen im Blick haben, sind die Studierenden mehr am Gemeinwohl interessiert. Nicht, weil sie bessere Menschen sind, sondern weil sie von dem guten Ruf der Universität im Ganzen profitieren

Ist für den Ruf heute nicht vor allem das Exzellenzsiegel entscheidend?

Nein. Ein Ruf, der sich nur aus der Exellenzinitiative konstituiert, wird in ein paar Jahren Schall und Rauch sein. Universitäten, die Lehre und ihre Studierenden nicht ganzheitlich im Blick haben, können keine nachhaltige Reputation entwickeln. Wenn man im Übrigen Bildung in Konzentration auf 7,5 Prozent Elite propagiert und Wettbewerb als ausschließlichen Motor versteht, dann läuft das auf eine  ausgesprochen autoritäre Gesellschaft hinaus. Ein paar haben die Führung inne und der Rest trottet wie eine blinde Schafsherde hinterher.

Der Bildungsstreik hat offengelegt, dass das Verhältnis zwischen den Studenten und den Universitätsleitungen gestört ist. Wie könnte eine Therapie aussehen?

Mir würde es darum gehen, schnell zu einer offenen Kommunikation mit der Studierendenschaft zu kommen, um einen gewissen Grundkonsens herzustellen. In der Diskussion sollte die eigene Position nicht ständig im Vordergrund stehen. Man muss Freude am Argumentieren haben und nicht so empfindlich sein, wenn man mal eine reingewatscht bekommt. Wer heute als Universitätspräsident keinen Zugang zur studentischen Vertretung hat, der hat einen mangelnden Sinn für die Probleme der Gesellschaft.

Auf Ihrer Homepage ist zu lesen, dass viele Bildungschancen vertan werden: Aus Furcht, nicht zu den Besten zu gehören. Treibt das den heutigen Studenten an? Die Angst vor dem Scheitern?

Meine Beobachtung ist, dass die Angst vor dem Scheitern schon sehr früh das Lernen behindert. Mich erschreckt, wie viele für ihr Examen einfach von außen festgelegten Anforderungen entsprechen wollen. Kommilitonen, die sich als Konkurrenten und nicht als Kompagnons betrachten, nehmen sich selbst eine Chance. Den Wettbewerb »jeder gegen jeden« halte ich für fatal.

Ein Gedankenspiel: Wer studiert erfolgreicher? Der Netzwerker, für den das Semester die Zeit zwischen zwei Praktika ist, oder der Vollzeitstudent, der eigentlich noch gar nicht genau weiß, wo er hin will?

Das hängt von der individuellen Person ab. Ich könnte mir vorstellen, dass der begeisterte Vollzeitstudent, der noch nicht genau weiß, wo er hin will und sich verschiedene Sachen anschaut, ein erfolgreicher Student ist. Wenn er allerdings vor lauter Unsicherheit nur das tut, was man von ihm verlangt und nicht seine eigenständigen Ziele verfolgt, dann wird er wahrscheinlich wenig Erfolg haben.

Ist  »Vitamin B« zu einer Art Modedroge geworden nach dem Motto: je mehr desto besser?

Ja. Aber das ist eine gefährliche Droge, wenn man glaubt, dass man das Studium damit ersetzen könnte. Und sich durch möglichst viele Facebook-Freunde optimieren will. Das halte ich nicht für eine vernünftige Lebensstrategie.

Sie selbst haben eine rasante Laufbahn hingelegt. Mit 27 promoviert, mit 31 habilitiert. Sie wären die perfekte Bologna-Studentin gewesen.

Ich war schon eine der Schnellsten, aber nicht weil ich unbedingt so schnell fertig werden wollte. Immerhin habe ich das Studienfach gewechselt. Erst habe ich Romanistik und Geschichte studiert und wollte Gymnasiallehrerin werden. Aber das gefiel mir doch nicht und ich bin dann nach Freiburg gegangen und habe jenseits einer beruflichen Perspektive getan, was mir Spaß machte: Philosophie, Politikwissenschaft und Theologie. Ich musste nicht arbeiten, um Geld zu verdienen, hatte Unterstützung von zu Hause und mit meinem späteren Ehemann quasi einen Privatprofessor. Ich hatte also sehr günstige Bedingungen.

Als junge Studentin haben Sie sich in Ihren Professor und späteren Ehemann verliebt. Gibt es überhaupt eine normale Beziehung zwischen Studenten und Lehrenden?

Es gibt fast nichts Normales in dieser Welt. Wir haben uns in Freiburg in einem Marx-Seminar kennengelernt. Da war er allerdings noch Assistent. In unserer späteren Zeit in Berlin erinnere ich mich an ein paar 68er, die sich sehr darüber geärgert haben, dass Alexander Schwan und Gesine Schneider händchenhaltend in der Cafeteria des OSI saßen und als vermeintlich konservative Klassenfeinde etwas taten, was sie selbst nie gewagt hätten. Aber grundsätzlich hatte ich auch nach unserer Heirat nicht das Gefühl, dass sich daran jemand gestoßen hätte. Es war dann am OSI einfach das Ehepaar Schwan tätig.

Man kann schon sagen, dass Ihr privates Netzwerk eine Rolle für Ihre Karriere gespielt hat?

Wenn Sie die Beziehung von zwei Menschen als Netzwerk bezeichnen wollen. Also, ich würde es eher Kommunikation nennen. »Netzwerk« ist so ein Modebegriff. Es hilft nichts, wenn Ihre Kompetenz nur darin besteht, dass Sie Namen nennen können. Sie müssen auch eigene Fertigkeiten entwickeln. Das hängt von Ihrer Persönlichkeit und Ihren Begabungen ab.

Aber mussten Sie sich nicht gerade nach dem Tod Ihres Mannes mit sehr kruden Anfeindungen auseinandersetzen?

Konkret ist mir ja ein Verhältnis vorgeworfen worden. Das ging von der Universitätsspitze aus. Präsident Gerlach hatte Angst, dass ich gegen ihn kandidieren würde. Obwohl ich stets gesagt hatte, das ich dies aus sehr privaten Gründen nicht täte. Da muss ich zugeben: Wenn mein Mann noch gelebt hätte, hätte man das nicht gewagt. Überhaupt hätte man diese Vorwürfe nicht gegen einen Mann erhoben. Dass diese Unterstellungen letztlich keinen Erfolg hatten, lag sicherlich daran, dass ich kein unbekannter Mensch war und mich gewehrt habe bis hin zu juristischen Mitteln.

Zum Abschluss: Die nächsten Bundespräsidentenwahlen stehen in vier Jahren an. Aller guten Dinge sind drei, oder?

Manchmal kann drei auch zu viel sein.

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