Vom Irrglauben der Wissenschaft

Mensch­li­che Erb­lehre am leben­den Objekt und Mit­tel­punkt der Stu­den­ten­pro­teste – die bewegte Ver­gan­gen­heit eines Dah­le­mer Gebäu­des. Von Frauke Fent­loh

Bild­quelle: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem

Die Tafel am Ein­gang der Ihne­straße 22 ist unschein­bar, Stu­den­ten lau­fen acht­los vor­bei. Wis­sen­schaft­ler, so steht da, haben Inhalt und Fol­gen ihrer Arbeit zu ver­ant­wor­ten. Sie sol­len dem Fort­schritt die­nen oder der Erkennt­nis, der Gesund­heit oder der Kunst – in jedem Fall aber dem Leben. Die Gedenk­ta­fel ist eine Erin­ne­rung an die bewegte Geschichte des alten Gebäu­des, das heute zum Otto-Suhr-Institut gehört. Bis 1945 wehte dort die Haken­kreuz­flagge, unter dem rie­si­gen Ban­ner resi­dierte eines der Insti­tute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Sein For­schungs­ge­biet: Anthro­po­lo­gie, mensch­li­che Erb­lehre und Eugenik.

Gegrün­det wurde das Insti­tut 1926 – mit dem Anspruch auf Über­par­tei­lich­keit. Doch mit die­sem Leit­bild wurde ziem­lich rasch gebro­chen. Spä­tes­tens seit der Macht­über­nahme 1933 wurde das ver­meint­lich »rein theo­re­ti­sche« Insti­tut zu einem Zen­trum der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ras­sen­for­schung, des­sen Wis­sen­schaft­ler mehr­heit­lich ihr Fähn­chen nach dem Wind häng­ten. Sie gehör­ten NS-Expertenstäben an, stell­ten Gut­ach­ten aus, die zu Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen führ­ten, und recht­fer­tig­ten die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ras­sen­po­li­tik auf dem inter­na­tio­na­len Wis­sen­schafts­par­kett. Im Gegen­zug erhiel­ten sie nicht nur staat­li­che Finanz­sprit­zen, son­dern auch spe­zi­elle For­schungs­ob­jekte: Insti­tuts­lei­ter Otmar Frei­herr von Ver­schuer arbei­tete mit mensch­li­chem »Mate­rial«, das ihm von einem sei­ner Schü­ler zur Ver­fü­gung gestellt wurde. Das »Mate­rial« kam aus Ausch­witz, Ver­schu­ers Schü­ler hieß Joseph Mengele.

Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges war das Aus des Insti­tuts besie­gelt, nur eine ein­zige Abtei­lung wurde von der Max-Planck-Gesellschaft über­nom­men. Doch Auf­ar­bei­tung und Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung lie­ßen auf sich war­ten. Mit dem ehe­ma­li­gen Kaiser-Wilhelm-Institut wurde zunächst genauso ver­fah­ren wie mit dem Groß­teil des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Erbes: Bes­ser erst mal nicht drü­ber reden. Als die Dah­le­mer Ver­stri­ckun­gen in den sieb­zi­ger Jah­ren zum Thema wur­den, war bereits das Otto-Suhr-Institut ein­ge­zo­gen – das Herz­stück der 68er-Bewegung. Gerade in die­ser lin­ken Ide­en­schmiede sollte der »Muff unter den Tala­ren« besei­tigt wer­den. Die Mit­tel dafür: eine rigo­rose Auf­ar­bei­tung der NS-Vergangenheit und ein kla­rer Kurs­wech­sel. In den Räu­men, in denen einst die Ras­sen­theo­re­ti­ker forsch­ten, sollte von jetzt an eine kri­ti­sche Poli­tik­wis­sen­schaft gelehrt wer­den. Zudem nis­tete sich das links­au­to­nome Café »Geschwulst« ein. Die Stu­den­ten erober­ten den his­to­risch bela­de­nen Ort also auf ihre Weise zurück.

Heute lie­gen die Akten der dama­li­gen Zeit in Dah­lem, sechs Jahre lang haben sich die His­to­ri­ker inten­siv mit der Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Natio­nal­so­zia­lis­mus befasst. Die Ver­bre­chen in der Ihne­straße 22 wur­den indes nicht gesühnt – viele der betei­lig­ten Wis­sen­schaft­ler lehr­ten noch Jahr­zehnte spä­ter unbe­hel­ligt an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten. Insti­tuts­lei­ter Ver­schuer etwa wurde von den Alli­ier­ten ledig­lich als »Mit­läu­fer« ein­ge­stuft und zu einer Strafe von 600 Reichs­mark ver­ur­teilt. Spä­ter war er Dekan in Müns­ter. An der medi­zi­ni­schen Fakultät.

16. Juni 2010, Bildlegende, FURIOS 04

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