Opportunisten wie wir

Im letz­ten Som­mer begann die Bildungsstreik-Offensive, ein Jahr spä­ter ist von Wider­stand kaum noch etwas zu spü­ren. Max Krause sucht nach Grün­den – bei der Pro­test­be­we­gung und sich selbst.

Es war ein­mal, im Novem­ber 2009: Die deutsch­spra­chige Uni­ver­si­täts­land­schaft erfasst eine Welle des Pro­tests. Für Tage, fast Wochen rich­tet sich die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit auf die Hoch­schu­len. Der große Erfolg der Stu­die­ren­den ist zum Grei­fen nahe. Schein­bar. Denn im Juli 2010 zeigt sich ein ganz ande­res Bild. Der groß ange­kün­digte Bologna-Gipfel blieb ohne Ergeb­nisse, die Bildungsstreik-Demonstration eine Rand­no­tiz in den Zei­tun­gen, die Pro­te­stat­mo­sphäre ist ver­flo­gen. Statt zu einer Sie­ges­feier rufen die ASten der FU, TU und HU die­sen Diens­tag zum Kri­sen­gip­fel: „Aus­ge­brannt? Per­spek­ti­ven und Uto­pien nach dem Uni-Streik“ ist der viel­sa­gende Titel der Ver­an­stal­tung. Selbst der Runde Tisch, der vie­len als größte Errun­gen­schaft des Bil­dungs­streiks gilt, muss man­gels Betei­li­gung über seine Auf­lö­sung nach­den­ken. Was ist passiert?

Als auf der Voll­ver­samm­lung im Herbst dar­über abge­stimmt wurde, ob der Hör­saal 1A besetzt wer­den soll, hob ich die Hand, zusam­men mit etwa fünf­hun­dert ande­ren Anwe­sen­den. Die Erwar­tun­gen waren groß, geschürt vom Erstar­ken der Bewe­gung im gan­zen Land. Ich ver­folgte die wöchent­li­chen Plena vol­ler Inter­esse, ich ging für bes­sere Bil­dung auf die Straße. Ich war dabei.

Begeis­te­rung ist eine starke Moti­va­tion, doch sie ist nicht lange halt­bar. Bald war klar, dass die Erfolge sich nicht so schnell ein­stel­len wür­den wie erhofft. Hier begann der Teu­fels­kreis: Immer weni­ger Leute kamen zu den Plena, die Dis­kus­sio­nen waren mehr und mehr geprägt von zähen orga­ni­sa­to­ri­schen Fra­gen und lan­gen Debat­ten über die rich­ti­gen For­mu­lie­run­gen. Sollte man wirk­lich schon wie­der eine Vor­le­sung sau­sen las­sen, um daran teil­zu­neh­men? Hatte man nicht schon gezeigt, dass man die Sache unter­stützte, hatte man nicht schon genug getan? Poli­tik machen heißt auch, einen lan­gen Atem zu haben. In der kri­ti­schen Phase, in der der Bil­dungs­streik Stand­haf­tig­keit bewei­sen musste, wandte ich mich von ihm ab, und viele andere mit mir. Als es ernst wurde, haben wir gekniffen.

Heute ste­hen wir da, schauen auf den Bil­dungs­streik und sind unzu­frie­den, wün­schen uns eine große Akti­ons­wo­che wie im letz­ten Jahr. Wir woll­ten ver­mei­den, dass wir wegen unse­res Enga­ge­ments weni­ger zum Stu­die­ren kom­men und sind jetzt ent­täuscht von denen, die nach zwei Semes­tern Arbeit im Akti­ons­bünd­nis wie­der ein biss­chen stu­die­ren wol­len. Letzt­lich haben wir selbst dafür gesorgt, dass dem Streik die Puste aus­geht – wir hat­ten selbst keine. Wir haben nicht begrif­fen, was es heißt, zu streiken.

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