Der Empörte Student

Am Rande des Wahn­sinns: Die Stu­den­ti­sche Sitz­platz­su­che in FU-Hörsälen weckt tie­ri­sche Instinkte. Chris­tina Peters´ empör­ter Brief zu Lege­bat­te­rien, Flucht­ver­hal­ten und ängst­li­chen Randgruppen.

Illus­tra­tion: Pia Bruer

Liebe Am-Rand-Sitzer!

Muss das wirk­lich sein? Ich gebe zu, volle Hör­säle  kön­nen eine klaus­tro­pho­bi­sche Ange­le­gen­heit sein. Pro Sitz­platz ein hal­ber Qua­drat­me­ter! Das erin­nert an die Bewe­gungs­frei­heit einer Lege­bat­te­rie. Aber im Gegen­satz zum Huhn kommt ihr frei­wil­lig und dürft nach andert­halb Stun­den wie­der gehen. Also warum zur Hölle drängt ihr immer an den Rand? Ihr wollt doch kluge Tiere sein, erin­nert euch! Statt­des­sen glaubt ihr wohl, dass wir euch bei­ßen wol­len und plant stän­dig eure Flucht.

Wenn ihr pünkt­lich zur vol­len Stunde gäh­nend den lee­ren Hör­saal betre­tet, setzt ihr euch nicht in die Mitte einer Reihe. Nein, ängst­lich nehmt ihr den äußers­ten Platz am Gang. Kommt der Nächste, steht ihr auf, ver­dreht die Augen und zieht den Bauch ein — ein kur­zer Moment inni­gen Vor­bei­quet­schens. Natür­lich bleibt auch der Zweite so nah wie mög­lich am Aus­gang, aber vom Kom­mi­li­to­nen trennt ihn min­des­tens ein wei­te­rer Sitz. Als Sicher­heits­ab­stand, ver­steht sich.

Danach wogen in regel­mä­ßi­gen Abstän­den ganze Rei­hen auf, wenn ein Neu­an­kömm­ling in den Hör­saal tritt. Ein zwei­fel­haf­tes  „La Ola“-Ritual. Der­je­nige muss sich nur ent­schei­den, ob er sich an acht, zehn oder elf von euch vor­bei­rei­ben möchte. Die Flucht­wege sind ihm ohne­hin bereits ver­sperrt. Frus­tra­tion, blaue Fle­cke, ver­schüt­te­ter Kaf­fee: Nach spä­tes­tens zehn Minu­ten wer­den die ers­ten Fens­ter­bänke zu Sit­zen umfunk­tio­niert, dabei weist die Raum­be­le­gung mehr Löcher auf als alle gän­gi­gen Schwei­zer Käse­sor­ten. Zurück blei­ben Fra­gen: Woher stammt diese Unfä­hig­keit, sich von Anfang an sinn­voll hin­zu­set­zen? Warum seid ihr so kurz­sich­tig, warum so kon­takt­scheu? Braucht ihr kurze Flucht­wege? Ist es Zeit­druck? Blasendruck?

Was auch immer die Gründe sind: Es nervt! Als logi­sche Fort­set­zung die­ser Ent­wick­lung sind in spä­tes­tens zwan­zig Jah­ren alle Hör­säle mit Fall­schir­men und Schleu­der­sit­zen aus­ge­stat­tet. Wenn ihr es mit der Angst zu tun bekommt, könnt ihr euch auf Knopf­druck in luf­tige Höhen kata­pul­tie­ren las­sen. Ihr habt dann nicht nur einen Vogel, ihr wer­det selbst zu einem und seid end­lich genau die Flucht­tiere, die ihr immer sein woll­tet. Bis dahin werde ich wei­ter­hin der aka­de­mi­schen Vier­tel­stunde hul­di­gen, mich demons­tra­tiv auf den letz­ten freien Platz in der Rei­hen­mitte quet­schen und dabei ver­se­hent­lich Kaf­fee über euch ver­schüt­ten. Selbst schuld, ihr Angst­ha­sen. Setzt euch selbst dorthin!

Auch empört? Schreib an empoert@furios-campus.de

24. Januar 2011, Empörter Student, FURIOS 05

2 Kommentare

  1. […] Die empörte Stu­den­tin: Am Rande des Wahnsinns […]

    Pingback von FURIOS Online – FURIOS 05: MASSENUNI — 25. Januar 2011, 0:13

  2. Oh ja, du sprichst mir aus der Seele!

    Comment von Christopher K. — 31. Januar 2011, 19:34