Der unsichtbare Kanzler

An der FU herrscht ein Unsicht­ba­rer. Kanz­ler Peter Lange ist eine der ein­fluss­reichs­ten Per­so­nen, doch am Cam­pus kennt ihn kaum jemand. Ancha­lee Rüland auf der Suche nach einem Phantom.

Illus­tra­tion: Chris­tine Spady

Die Mau­ern des FU-Präsidiums sind dick. Zu dick. Denn wer dahin­ter unge­se­hen blei­ben will, dem gelingt das auch. FU-Kanzler Peter Lange weiß das: Sicher ver­schanzt sitzt er in sei­ner Fes­tung, in Watte gehüllt von einer Armee von Ange­stell­ten. Klop­fen, Tele­fon, Email — es nützt alles nichts. Der Kanz­ler hat lei­der keine Zeit. Dabei möchte man doch eigent­lich so gerne behilf­lich sein im „Kanz­ler­amt“, wenn da nicht diese „viel­fäl­ti­gen ter­min­li­chen Ver­pflich­tun­gen“ wären. Wie ärger­lich, aber viel­leicht ein andermal!

Doch wie bekommt man einen Unsicht­ba­ren zu fas­sen, ohne zu sehr dem Gemun­kel und Getu­schel der Leute zu ver­trauen? Gar nicht. Er lebt davon.

Es heißt, er solle eigent­lich ein ganz „locke­rer Typ“ sein, der Kanz­ler. Humor­voll sei er, man­cmal auch ein wenig flap­sig, sagen die­je­ni­gen, die das Pri­vi­leg haben ihm gele­gent­lich zu begeg­nen. Viel­leicht ein Über­bleib­sel sei­ner Zeit als AStA-Vorsitzender – von offi­zi­el­ler Seite gerne tot­ge­schwie­gen, hält sich die­ses Gerücht hart­nä­ckig.
Einen gehetz­ten Ein­druck macht Lange trotz Zeit­not eigent­lich nicht, wie er so dasitzt auf einer die­ser Senats­sit­zung, die ja doch immer gleich ablau­fen. Gemüt­lich wirkt er, mit sei­nen sil­ber­wei­ßen Haa­ren, dem mar­kan­ten Schnau­zer und der tief sit­zen­den Halb­mond­brille. Als würde ihn so schnell nichts aus der Ruhe brin­gen, nicht mal sein stän­dig vibrie­ren­des Handy. Über­haupt scheint das span­nen­der zu sein als das Gerede sei­ner Kol­le­gen – pure Zeit­ver­schwen­dung. Kein Wun­der also, dass der Kanz­ler frü­her geht.

Die Stu­den­ten, die ihn ken­nen, beschrei­ben Lange gerne als einen jovia­len Mann. Einen, mit dem man auch mal ein Bier trin­ken kann und der dann „einen dicken Schluck aus der Pulle nimmt.“ Aber wehe, man will etwas von ihm wie bei­spiels­weise den aktu­el­len Haus­halts­plan, dann heißt es Geduld, min­des­tens bis zur nächs­ten Abfuhr.

Was aber soll die­ses Ver­steck­spiel? Als Ver­wal­tungs­chef hat Lange viel Macht. 440 Mil­lio­nen umfasst der Haus­halt. Wie viel er davon ver­tei­len darf? Nicht mal das ist klar. Aber fest steht: Wenn es ums Geld geht, muss sogar der Prä­si­dent lieb bit­ten. Den wird Lange jedoch nicht vor ver­schlos­se­ner Türe ste­hen las­sen, oder viel­leicht doch? Wahr­schein­lich könnte er sich’s leis­ten. Denn für gewöhn­lich kann dem Kanz­ler so schnell kei­ner etwas anha­ben. Als alter Hase an der FU hat er immer noch viele Freunde – sein Glück, als er im letz­ten Jahr dann doch ein­mal ins Strau­cheln geriet. So ein Spen­den­skan­dal lässt sich eben nicht ein­fach unter den Tisch kehren.

Über eine Mil­lion Euro ver­schleu­derte die Freie Uni­ver­si­tät mit ihrer Fund­rai­sing Orga­ni­sa­tion „Fri­ends of Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin“. Obwohl Lange als Ver­wal­tungs­chef in letz­ter Instanz ver­ant­wort­lich gewe­sen wäre, blieb er im Amt. Dem dama­li­gen FU-Präsidenten Die­ter Len­zen gefiel das nur bedingt, wie es aus prä­si­di­ums­na­hen Krei­sen heißt. Über­haupt war ihm Lan­ges Behör­den­men­ta­li­tät ein Dorn im Auge, die ein Relikt aus West-Berlins pri­vi­le­gier­ten Insel­zei­ten ist. Als der Prä­si­dent den Kol­le­gen nicht zu sei­ner Abschieds­feier ein­lud, war das für Lange „ein Schlag ins Gesicht“, berich­tet der stu­den­ti­sche Ver­tre­ter im Aka­de­mi­schen Senat Uwe Kirmse. Die Demü­ti­gung war groß für den Mann, des­sen Lauf­bahn so eng mit der Uni­ver­si­tät ver­wo­ben ist.

Er kennt die Hoch­schule wie seine Wes­ten­ta­sche, stu­dierte hier Betriebs­wirt­schaft und Wirt­schafts­päd­ago­gik und wurde nach sei­nem Refe­ren­da­riat wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter. Seit über 20 Jah­ren arbei­tet er im Prä­si­dium. Zunächst als Refe­rent im Prä­si­di­al­amt, nach­her als Ver­tre­ter des Kanz­lers und seit 2000 als des­sen Nachfolger.

Die Anony­mi­tät ist Lan­ges Schutz­schild im Minen­feld Freie Uni­ver­si­tät. Er weiß, wer sich nach außen unsicht­bar macht, läuft sel­te­ner Gefahr zum Sün­den­bock gemacht zu wer­den. Wie unan­ge­nehm eine auf­ge­brachte Stu­die­ren­den­schaft sein kann, lehrte ihn das Bei­spiel Len­zen. Macht und Öffent­lich­keit kön­nen zwei unlieb­same Beglei­ter sein, beson­ders im Dop­pel­pack. So aber kann Lange das Scheck­buch wei­ter­hin gezückt hal­ten und unbe­küm­mert über die Finan­zen der FU wachen. Einem Unsich­ba­ren kann man eben nicht auf die Fin­ger schauen.

24. Januar 2011, FURIOS 05, Politik

1 Kommentar

  1. […] als Zukunfts­mo­dell Die drei ???: Pro­fes­so­rale Grup­pen im aka­de­mi­schen Senat Der unsicht­baer Kanz­ler: Ein Phan­tom an der FU Elite in der Falle: Sieg in der Exzellenzinitiative […]

    Pingback von FURIOS Online – FURIOS 05: MASSENUNI — 24. Januar 2011, 23:50