Die drei ???

Wie arbei­tet der Aka­de­mi­sche Senat? Wer ver­birgt sich hin­ter den pro­fes­so­ra­len Grup­pen? Demo­kra­ti­sche Arena oder Polit­büro? Was bis­her geschah. Von Hen­drik Pauli.

Poli­tik in der Nuss­schale: Das Professoren-Boot auf Kurs in die Zukunft. Illus­tra­tion: Ste­phan Garin.

Drei gegen den Rest der Welt, zumin­dest im Kos­mos der FU-Demokratie. Im Prin­zip rudern sie ein­träch­tig in die glei­che Rich­tung, die drei pro­fes­so­ra­len Grup­pen im Aka­de­mi­schen Senat, auch wenn sie das selbst nicht hören wol­len. Lie­ber behar­ren sie auf ihrer Eigen­stän­dig­keit. Doch hin­ter den Kulis­sen spie­len sie sich die Bälle gegen­sei­tig zu.
Der Aka­de­mi­sche Senat ist das oberste Ent­schei­dungs­or­gan der Uni­ver­si­tät. Zehn– bis zwölf­mal im Jahr tritt das 25-köpfige Gre­mium zusam­men. Hier wird debat­tiert und um die Zukunft der Uni gerun­gen. Es geht um alle Anlie­gen von For­schung, Lehre und Verwaltung.

Boll­werk gegen den Kommunismus

Frie­de­rike Fless ist eine von denen, die über die Geschi­cke der Uni mit­be­stim­men. 2007 kan­di­dierte die Ärchäo­lo­gie­pro­fes­so­rin mit den kur­zen grauen Haa­ren zum ers­ten Mal für den Aka­de­mi­schen Senat. „Dass ich bei der Libe­ra­len Aktion gelan­det bin, ist eher Zufall. Ein Kol­lege hatte mich mal zu einem Tref­fen ein­ge­la­den”, erin­nert sich die 46-jährige.
In den Sieb­zi­gern als Zusam­men­schluss kon­ser­va­ti­ver Pro­fes­so­ren ent­stan­den, ver­stand sich die Libe­rale Aktion als Boll­werk gegen die Umwäl­zung der Hoch­schule von links, gegen DDR-hörige Kom­mu­nis­ten, Neo­s­ta­li­nis­ten und links­ra­di­kale Grup­pen aller Art. „Die ursprüng­li­che poli­ti­sche Aus­rich­tung hat aber mitt­ler­weile sehr an Bedeu­tung ver­lo­ren“, kon­sta­tiert Fless. Damals stan­den sämt­li­che hoch­schul­po­li­ti­schen Dis­kurse im Zei­chen der Rechts-Links-Polarisierung. Die starke Stel­lung der Links­au­ßen wurde vor allem durch die pari­tä­ti­sche Betei­li­gung der Stu­den­ten, der aka­de­mi­schen Mit­ar­bei­ter und der sons­ti­gen Ange­stell­ten gesichert.

Doch 1973 war Schluss damit. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kas­sierte die Vier­tel­pa­ri­tät, um „der her­aus­ge­ho­be­nen Stel­lung der Hoch­schul­leh­rer“ Rech­nung zu tra­gen. Seit­her bean­spru­chen die Pro­fes­so­ren eine knappe Mehr­heit der Sitze. Den Stu­den­ten gilt der Aka­de­mi­sche Senat als Hort einer über­kom­men geglaub­ten Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät, ein Ort, an dem ihre Stimme nichts mehr zählt. Diese Wunde ist bis heute nicht ver­heilt. Kein Bil­dungs­pro­test, der ohne den Ruf nach Wie­der­ein­füh­rung der Vier­tel­pa­ri­tät aus­ge­kom­men wäre.

Miet­maul als Geheimwaffe

In den letz­ten Jah­ren ent­zün­de­ten sich die Kon­tro­ver­sen zudem am ehe­ma­li­gen Ober-FUler Die­ter Len­zen. Seine Kri­ti­ker schmäh­ten ihn als Miet­maul, auto­kra­ti­schen Wirt­schafts­freund, und neo­li­be­ra­len Anti­de­mo­kra­ten.
Dabei galt Len­zen mal als Hoff­nungs­trä­ger. Jah­re­lang war er der Kopf der Ver­ein­ten Mitte. „Sie war Ende der Sieb­zi­ger als Samm­lungs­be­we­gung einer neuen Macht ange­tre­ten”, erin­nert sich Hajo Funke, eme­ri­tier­ter FU-Politologe. Nach und nach löste die Ver­einte Mitte die Libe­rale Aktion als stärkste pro­fes­so­rale Gruppe ab. Ihre Grün­dung war auch Kon­se­quenz der wie­der­er­stark­ten Pro­fes­so­ren­schaft. Ideo­lo­gi­sche Groß­kon­flikte spiel­ten keine Rolle mehr. Dafür gab es neue Span­nun­gen: „Es ging um Geld”, sagt Funke, der selbst viele Jahre für die dritte pro­fes­so­rale Gruppe, den links­ori­en­tier­ten Diens­tags­kreis, im Aka­de­mi­schen Senat saß. Trotz­dem eta­blierte sich in die­ser Zeit eine neue Kompromissbereitschaft.

In den Nach­wen­de­jah­ren geriet die FU zuneh­mend in schwie­ri­ges Fahr­was­ser. Die Humboldt-Uni stand mit ihrem Nach­hol­be­darf im Fokus der Ber­li­ner Hoch­schul­po­li­tik. An der FU wur­den hin­ge­gen ganze Stu­di­en­gänge, wie die Musik­wis­sen­schaf­ten, abge­schafft. Wei­tere Kür­zun­gen folg­ten zu Beginn des neuen Jahr­tau­sends als Folge des Ber­li­ner Ban­ken­skan­dals, der das Land in Mil­li­ar­den­höhe belas­tete. Auf die Uni­ver­si­täts­po­li­tik an der FU wirkte das zunächst dis­zi­pli­nie­rend. In die­ser Phase der Kon­so­li­die­rung trat Die­ter Len­zen auf den Plan, glaubt man Hajo Funke „als Geheim­waffe der neuen Mitte.” Die neue Macht­sta­tik stellte die Arbeit im Aka­de­mi­schen Senat vor neue Her­aus­for­de­run­gen. Inter­es­sen­aus­gleich war gefragt, aller­dings mit Fol­gen. „Durch­marsch­ver­su­che Ein­zel­ner konn­ten wir ver­hin­dern, aber lei­der auf Kos­ten von Demo­kra­tie und Trans­pa­renz”, blickt Hajo Funke selbst­kri­tisch zurück. „Auch der Diens­tags­kreis hat sich da eine Zeit lang nicht ener­gisch genug behauptet.“

Klün­ge­leien und Schaugefechte

Ob sich das inzwi­schen geän­dert hat, wie Funke behaup­tet, wird von man­chen bezwei­felt. Es fin­den nach wie vor gemein­same infor­melle Tref­fen der Grup­pen im Vor­feld der Sit­zun­gen statt. Die tra­gen nicht gerade dazu bei, den Vor­wurf der Klün­ge­lei zu ent­kräf­ten. „Der Diens­tags­kreis hört uns zwar gele­gent­lich zu. Bei wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen hal­ten sie sich dann doch an die inter­nen Abspra­chen“, stellt Jacob Beu­chel nüch­tern fest. Offene Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen den Pro­fes­so­ren sind für den Juso, der als einer von vier stu­den­ti­schen Ver­tre­tern im Aka­de­mi­schen Senat sitzt, reine Schau­ge­fechte. Viel­leicht bedarf es hin und wie­der der insze­nier­ten Dis­senz, um nicht aus der Übung zu kom­men. Denn in den ent­schei­den­den Zukunfts­fra­gen ist man sich einig.

„Als Die­ter Len­zen 2003 ins Amt kam, gab es ein gemein­sa­mes Wol­len, grup­pen­über­grei­fend“, betont Andreas Fijal von der Ver­ein­ten Mitte. Der 53-jährige Jurist mit Vor­liebe für ele­gante Anzüge ist Stu­di­en­de­kan der Rechts­wis­sen­schaft und sitzt als sons­ti­ger Mit­ar­bei­ter im Aka­de­mi­schen Senat. Mit dem neuen Prä­si­den­ten wurde ein neues Kapi­tel auf­ge­schla­gen. „Wir waren in ers­ter Linie an der Wei­ter­ent­wick­lung der Uni inter­es­siert, ohne dabei unpo­li­tisch zu sein.“ Mit sei­nen Kon­zep­ten traf Len­zen den rich­ti­gen Nerv: Die Exzel­lenz­in­itia­tive als Exis­tenz­si­che­rung, eine Iro­nie, der viele etwas abge­win­nen konn­ten. „Die anfäng­lich gute Kom­mu­ni­ka­tion hat aller­dings im Laufe der Zeit immer mehr abge­nom­men.“ Fijal for­mu­liert abge­wo­gene Juris­ten­sätze, wenn er über den Ex-Präsidenten spricht. „Sein aus­ge­präg­ter Füh­rungs­stil wurde nicht mehr von allen mit­ge­tra­gen. Und das hat man Len­zen auch deut­lich zu ver­ste­hen gegeben.”

Einer gegen alle

Der selbst­be­wusste Len­zen spielte gern mit hohem Ein­satz, immer kurz davor, sein Blatt zu über­rei­zen. Wie­der­holt legte er sich der CDU-Mann mit dem SPD-Bildungssenator Zöll­ner an, wollte mehr Geld für die For­schung auf Kos­ten der Lehre und mehr Auto­no­mie bei der Berufungspraxis.

Len­zen wusste sein Machiavelli’sches Geschick zu nut­zen und setzte auf seine geballte Prä­si­den­ten­macht, so wie 2007 bei der Aus­boo­tung des stu­den­ten­na­hen Vize­prä­si­den­ten Väth oder bei dem Streit um die Beru­fung des lin­ken Nordamerika-Wissenschaftlers Scha­ren­berg. Die Pro­fes­so­ren­kol­le­gen mach­ten häu­fig gute Miene zum bösen Spiel. „Unter Len­zen war die Arbeit im Aka­de­mi­schen Senats eher auf not­wen­dige Rou­ti­nebe­schlüsse redu­ziert. Da konnte man nur akkla­mie­ren“, gesteht Frie­de­rike Fless ein. Wider­spruch wurde meist nur hin­ter ver­schlos­se­nen Türen geäußert.

Als im Mai das neue Prä­si­dium ins Amt kam, gab es ein regel­rech­tes Auf­at­men. „Ein ech­ter Bruch zur vor­an­ge­gan­ge­nen Prä­si­dent­schaft.“ So emp­fin­det Frie­de­rike Fless den kom­mu­ni­ka­ti­ven Stil von Peter-André Alt. Der kommt zwar aus der Ver­einte Mitte, für Hajo Funke ist er trotz­dem ein abso­lu­ter Glücks­fall: „Ein unab­hän­gi­ger intel­lek­tu­el­ler Kopf, weiß Gott kein Lenzen-Zögling.”
Die Pro­fes­so­ren sehen sich für die kom­men­den Auf­ga­ben, die schwie­rige Anpas­sung der Bologna-Reform und die im Herbst ange­lau­fene neue Runde der Exzel­lenz­in­itia­tive, gut auf­ge­stellt. Bei den Neu­wah­len zum Aka­de­mi­schen Senat im Januar könnte es zu einem Nach­be­ben des Lenzen-Weggangs kom­men. Übli­cher­weise wer­ben die pro­fes­so­ra­len Grup­pen vor den Wah­len neu um ihre Lis­ten­kan­di­da­ten. Es gibt Gerüchte, dass die Ver­einte Mitte ohne ihren Zucht­meis­ter Len­zen in der jet­zi­gen Form nicht fort­be­ste­hen wird. Ob mit einer wei­te­ren Gruppe aller­dings Mehr­hei­ten jen­seits des Pro­fes­so­ren­blocks erge­ben, steht auf einem ande­ren Blatt.

24. Januar 2011, FURIOS 05, Politik

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