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Die Lehre-Drohung

77 Studenten kommen an der FU auf einen einzigen Dozenten. Lehrprofessuren sollen das Betreuungsdilemma lösen. Doch statt Erleichterung geht auf dem Campus die Angst um. Von Jonas Breng.

Illustration: Michi Schneider

Im Kellergewölbe des OSI ist es heute gerammelt voll. Mit Gipsbein humpelt der Dozent Götz Aly in einen winzigen Raum, in den sich bereits ein Haufen Studenten gezwängt hat. Die Luft ist verbraucht und Sitzplätze gibt es schon seit einer halben Stunde nicht mehr. Eigentlich wollte Aly ein Seminar geben – wenn er doch nur durchkommen würde. „Das kann ja heiter werden“, sagt der Historiker. Nicht alle haben ihn gehört – denn ein Teil der Anwesenden muss vor der Tür warten.
An diesem Dienstag im Oktober bekommt eine Zahl ein Gesicht: 77:1. So viele Studenten kommen an der FU nämlich auf einen einzigen Lehrenden. Negativrekord in der deutschen Hochschulandschaft. Deshalb sind Szenen wie die im Keller des Otto-Suhr Institut keine Seltenheit.

Der Präsident beichtet

„Fast jeden Tag habe ich hier jemanden sitzen, der berichtet, dass sein Fach personell unterausgestattet ist“. Peter-André Alt deutet auf einen grauen Stuhl in der Ecke seines geräumigen Büros. Platzprobleme gibt es hier keine. Trotzdem ist dem Präsidenten nicht ganz wohl. Wie ein Beichtender hat er die Hände im Schoß gefaltet,denn wenn die Bittsteller Platz nehmen, kann Alt nur schwer etwas versprechen. Echte Spielräume hat er nicht. Zum einen mangelt es für eine Erhöhung der Dozenten nämlich schlicht an Geld. Zum anderen wäre die FU verpflichtet bei mehr Lehrenden auch mehr Studierende an die Uni zu schleusen, „Ein Paradoxon“ ärgert sich der Unilenker über die Kapazitätsverordnung*, die eigentlich eine Betreuungssackgasse ist. Doch Alt hat einen Plan.
Ein „Unwort“ soll zum Befreiungsschlag werden: Lehrprofessuren. Darunter versteht man am Campus die Erhöhung des Lehrdeputats für einzelne Professoren – auf Kosten der Forschungsaufgaben, versteht sich. Diese würden zurückgeschraubt oder vorübergehend ganz entfallen. Die Kapazitätsverordnung ließe sich so umgehen. Es werden zwar keine neuen Stellen geschaffen, aber bereits vorhandene mit mehr Lehraufgaben und einem neuen Etikett versehen. Damit will man die Betreuungsarmut überwinden und die blasse FU-Lehre endlich gesund päppeln – ganz ohne Studiengebühren. Aber was zunächst harmlos klingt, ist ein kleines Erdbeben auf dem Campus.

„Abneigung, Ängste und Phobien“

Die Fachbereiche erzittern. Während sich die Naturwissenschaften einigermaßen offen zeigen, wird anderorts nämlich gepoltert gegen die kleine Kulturrevolution. „Lehrprofessuren sind absoluter Unfug“, findet FU-Professor Gerd Hoff. „Universität muss über Berufsausbildung hinausgehen“. Der Erziehungswissenschaftler ist auf das Präsidentenprojekt nicht gut zu sprechen. Ohnehin seien die Belastungen schon hoch genug. Von einer Professur, die den Fokus auf die Lehre legt und damit für Forschung keinen Platz mehr lässt, will er nichts wissen. Damit ist er nicht allein. In vielen Fachbereichen stößt die Lehre-Drohung auf bange Blicke.
Da begegnen einem „Abneigung, Ängste und Phobien, gerade bei den älteren Generationen“, sagt der Präsident zur Abwehrhaltung seiner Kollegen und rückt seine Brille zurecht. Ignorieren will er ihren Ärger nicht. Deshalb entschied er, erst einmal nichts zu entscheiden. „Wir brauchen flexible Lösungen, einen Systembruch wollen wir nicht“, beschwichtigt er die Empörten und  spielt den Ball stattdessen den Fachbereichen zu. Sie sollen beraten und ihm bis Anfang 2011 eine Rückmeldung geben. Diskutiert werden 5-Jahres-Lösungen. Über ein Rotationsprinzip könnten die Professoren dann abwechselnd die Lehrfront verstärken.  „Der Staffelstab zur Lehre soll in den Fachbereichen weitergegeben werden“, meint Vizepräsident Prof. Michael Bongard.  Der Ethikprofessor ist Teil des Präsidiums und einer von Alts engsten Vertrauten. Bongard und der Präsident sind sich einig. Strukturentscheidungen begeht man besten in Trippelschritten. Tastend und vorsichtig.

Zöllners Unverständnis

Einige Kilometer nordöstlich von Dahlem in einem großzügigen Vorzimmer kann man diese Aufregung nicht verstehen.  „Wenn Professoren den Anspruch haben schwergewichtig zu forschen, muss es auch welche geben, die schwergewichtig in der Lehre tätig sind.“ Berlins Bildungssenator Zöllner blinzelt herausfordern hinter den runden Brillengläsern. Der Mann mit der bunten Fliege und dem weißen Bart war früher selbst Professor und will von Berührungsängsten nichts wissen. „Wenn wir ehrlich die Gleichstellung von Lehre und Forschung wollen, muss das erlaubt sein.“ Von draußen ist  Baulärm zu hören. In Berlin tut sich was. Im neuen Hochschulrahmengesetz hat Zöllner auf flexiblere Stellen mit höherem Lehrreputat gedrängt.  Er war die treibende Kraft hinter den Lehrprofessuren. Geht es nach ihm, dürfen es dann auch mal 15 Stunden Lehre in der Woche sein.
Bei solchen Zahlen winkt man im FU Präsidium ab. „Unsinn“ nennt das der Präsident. Die Schmerzgrenze der FU liegt bei 12 Stunden in der Woche, mehr seien auch bei Lehrprofessuren nicht zumutbar. Dabei ist das bereits erstaunlich dicht an der aktuellen Situation. Momentan stöhnen die meisten Professoren nämlich unter einer Lehrlast von 9 Stunden pro Woche, international ist das überdurchschnittlich.
Wie die Lehrprofessuren im Einzelnen aussehen werden? Man ist sich uneinig. Zöllner hat den Rahmen bereitgestellt, aber die konkrete Umsetzung liegt bei den Universitäten. Vorschreiben lassen möchte man sich an der FU nichts. Schließlich steht einer ihrer Liebsten auf dem Spiel.

Das Humboldtargument

Denn auch weil Hochschulikone Humboldt und seine Idee der Einheit von Forschung und Lehre als unantastbar gelten, ist man im Präsidium so vorsichtig. Die Angst um den Altgedienten schweißt Uniführung und Kritiker zusammen. Man wolle keinen Graben schaffen zwischen den beiden Bereichen, heißt es von dort. So sind dauerhafte Lösungen und reine Lehrprofessuren ohne Forschungsbezug zunächst kein Thema.
Doch fraglich bleibt, wie zeitgemäß das Humboldtargument noch ist. Mit den geburtenstarken Jahrgängen, dem Abitur in acht Jahren und der Aussetzung der Wehrpflicht schwappt eine stattliche Studentenwelle auf die FU zu. Bis zur demografischen Atempause 2017 müssen deshalb so schnell wie möglich neue Lösungen gefunden werden, um die schlechte Betreuungssituation in den Griff zu kriegen. Andere Länder sind hier besser aufgestellt. In Bayern beispielsweise sind Lehrprofessuren bereits Realität. Dort zeigt sich: Lehrprofessuren sind mit Sicherheit kein Garant für einen Qualitätsschub in der Lehre. Aber die Wahrscheinlichkeit auf eine bessere Lehre steigt bei enger Betreuung erheblich.

Ungeliebt und schlecht bezahlt

Bei der Diskussion an der FU drängt sich dagegen vor allem ein Eindruck auf: Viel Zuneigung habe die Professoren nicht für die Lehre. Das hat viele Gründe. So ist die Rechnung nämlich bisher einfach: Je mehr man forscht, umso mehr verdient man auch.  „Das ist ein Problem, das wir angehen müssen“, gibt man sich im Präsidium kämpferisch. Lehrprofessuren dürften nicht ausschließlich in die schlechter bezahlten Professorenkategorien abgeschoben werden, heißt es. Der Stellenwert der Lehre solle so verbessert und ihr graues Image endlich aufpoliert werden.
Bereits bei Alts Amtsantritt hieß es griffig:  „Lehre muss sich wieder lohnen“. Schaut man aber auf die Gehaltszettel, hat sich bislang wenig getan. Denn auch im Präsidium weiß man, dass im Wettstreit um die besten Köpfe feste Regeln herrschen. Das Gütekriterium eines Professors orientiert sich nun mal an seiner Forschungsleistung – ein Naturgesetz im Unikosmos. Mit einer guten Vorlesung allein verschafft man sich einfach keinen Namen bei den werten Kollegen.
„Ein Professor, der nicht forscht, ist kein richtiger Professor“, fasst Uwe Kirmse, Studentenvertreter im Akademischen Senat, die Haltung vieler Professoren zusammen. Er befürchtet, dass Lehrprofessoren von den Kollegen belächelt werden könnten und zu „Professoren zweiter Klasse“ werden. Ob seine Angst begründet ist, wird sich zeigen.

Vielleicht wünscht man sich im Präsidium auch deshalb eine Exzelleninitiative für die Lehre. Denn gerade der Präsident liefert das beste Beispiel, dass sich die „Forschungsfürsten“ irren könnten. Auch nach seinem Amtsantritt gibt Alt Seminare. “Ich möchte Kontakt zu den Studierenden meines Faches halten, das ist mir wichtig”, sagt der Unilenker. Auch Götz Aly hatte Kontakt zu seinen Studenten an diesem Dienstag im Oktober. Vielleicht aber ein wenig zu viel.

*Die Kapazitätsverordnung legt die „Erschöpfende Nutzung der Ausbildungskapazität“ (§1) fest. In dem Schriftwerk ist seit den Siebziger Jahren festgeschrieben, wie die Zulassungsquote genau zu ermitteln ist (§13) und wie das Verhältnis zwischen Professoren und Studierenden nach einem komplizierten mathematischen Verfahren ausgerechnet werden kann. Für jede Universität ist die Betreuungsrelation somit bindend festgelegt und kann nicht durch mehr Professoren verbessert werden.

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