Die Rabenmutter

Alma Mater war ges­tern. 70 000 Stu­den­ten zusätz­lich strö­men im nächs­ten Jahr an die Uni­ver­si­tä­ten. Für die Mas­sen­uni stellt sich die Iden­ti­täts­frage: Wer darf rein und wer muss drau­ßen blei­ben? Frauke Fent­loh kommentiert.

Illus­tra­tion von Michi Schneider

Alma Mater, „näh­rende Mut­ter“. So wur­den Uni­ver­si­tä­ten jahr­hun­der­te­lang von ihren dank­ba­ren Stu­den­ten genannt. Hin­ter dem Kose­na­men ver­birgt sich die Vor­stel­lung, die Stu­die­ren­den wür­den an ihrer Hoch­schule mit Wis­sen genährt, auf dem Cam­pus lie­be­voll umsorgt und von der müt­ter­li­chen Lehr­an­stalt mit einem all­seits geschul­ten Ver­stand aus­ge­stat­tet. Gefüt­tert mit Bil­dungs­häpp­chen, gepäp­pelt mit Fach­kennt­nis­sen und ein biss­chen Lebens­er­fah­rung oben drauf. Irgend­wann ver­las­sen die Stu­den­ten schließ­lich den Schoß der Uni­ver­si­tät, gehen in die Welt, wer­den Gelehrte, Staats­män­ner, Weltverbesserer.

So har­mo­nisch, so gut. Doch die­ses Kon­zept klingt nicht wirk­lich nach dem Stu­dium, wie wir es ken­nen. Schon gar nicht klingt es nach FU. Die Alma Mater, die gute Uni­ver­si­tät, ist ein Relikt aus ver­gan­ge­nen Hoch­schul­zei­ten. An der Mas­sen­uni­ver­si­tät ist ihr Schick­sal besie­gelt: Unrett­bar! Denn hier ist vom Bil­dungs­ideal nicht mehr viel übrig. Statt sich an einer aus­ge­wo­ge­nen Wis­sens­nah­rung satt zu essen, sieht sich der Mas­sen­stu­dent mit einem über­quel­len­den und umso tücki­sche­ren Fast-Food-Buffet kon­fron­tiert. Die Riesen-Auswahl ist da, aber im Lauf­schritt wird er am bun­ten Gar­ben­tisch vor­bei­ge­schleust und muss sehen, was er sich in die Taschen stop­fen kann. Haupt­sa­che man hat was im Bauch. Von Nest­wärme ist an der Mas­sen­uni nichts mehr zu spüren.

Und zu allem Unglück wird das in Zukunft nicht bes­ser, son­dern schlim­mer wer­den. Die Hoch­schu­len plat­zen aus allen Näh­ten. Noch nie gab es so viele Erst­se­mes­ter, noch nie so viele Stu­die­rende. In die­sem Win­ter­se­mes­ter sind rund 2,2 Mil­lio­nen Stu­die­rende an deut­schen Unis ein­ge­schrie­ben, fünf Pro­zent mehr als im vor­he­ri­gen Jahr. Und damit nicht genug: Im nächs­ten Jahr kom­men die dop­pel­ten Abitur­jahr­gänge aus Bay­ern und Nie­der­sach­sen hinzu, außer­dem wird die Wehr­pflicht aus­ge­setzt – die Zahl der Stu­di­en­an­fän­ger wird im Jahr 2011 um etwa 70.000 steigen.

Ohne­hin ist Ber­lin ein Stu­den­ten­ma­gnet. Alle Pro­bleme der Mas­sen­uni wer­den hier auf die Spitze getrie­ben. Schon in die­sem Semes­ter hat die Stadt 6.000 zusätz­li­che Stu­den­ten­plätze geschaf­fen, 6.000 wei­tere sol­len fol­gen. Auf den Gän­gen der FU ist es merk­lich enger gewor­den. Lang­sam wächst die Mas­sen­uni aus ihren Klei­dern her­aus. Hör­säle und Semi­nare sind hoff­nungs­los über­füllt. Wahr­schein­lich hat so man­cher Germanistik-Student in sei­nen Kur­sen mehr über seine Bein­mus­ku­la­tur als über die Grund­la­gen der Lin­gu­is­tik gelernt, neun­zig­mi­nü­ti­gem Halb­sit­zen auf dem Heiz­kör­per sei Dank. Ein Sitz­platz ist an der Mas­sen­uni nicht für jeden da, ebenso wenig wie ein Platz im Erasmus-Programm oder im Unis­port. Und Dis­kurs und Dis­kus­sion sind bei fünf­zig Semin­ar­teil­neh­mern fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Den Heer­scha­ren, die in den nächs­ten Jah­ren an ihre Pfor­ten klop­fen, wird sie erst recht nicht gewach­sen sein. Man­cher­orts befürch­tet man gar „Kol­laps“ und „orga­ni­sa­to­ri­sches Desas­ter“. Knappe Kapa­zi­tä­ten wer­den vor allem die Zulas­sungs­be­schrän­kun­gen erschwe­ren. Stu­diert wer­den soll, ja bitte, da sind sich alle einig. Das schrei­ben sich Poli­ti­ker quer durch die Par­tei­en­land­schaft beson­ders gern und gut sicht­bar auf die Fahne. Wenn jetzt die Stu­den­ten­zah­len stei­gen, sollte doch end­lich alles stim­mig sein — genug gut aus­ge­bil­dete Aka­de­mi­ker, die den Markt satt machen.
Lei­der nur fast. Denn den ange­hen­den Stu­den­ten kommt die Schul­den­bremse der Län­der in die Quere. Im Klar­text: Natür­lich fehlt schon wie­der an allen Ecken und Enden das Geld, obwohl mit dem Hoch­schul­pakt bereits zusätz­li­che Mit­tel für die Uni­ver­si­tä­ten bereit­ge­stellt wurden.

An der Mas­sen­uni­ver­si­tät gibt es des­halb kein Vor­bei, die Mas­sen­ab­fer­ti­gung – alter­na­tiv­los. Den­noch stellt sich mit dem radi­ka­len Andrang mehr denn je die Iden­ti­täts­frage. Wer darf rein und wer muss drau­ßen blei­ben? Und wer ist eigent­lich qua­li­fi­ziert für ein Ellenbogen-Studium in der Wissensfabrik?

In einer Zeit, in der Fähig­kei­ten auf der Matt­scheibe ver­han­delt wer­den, ist die Ant­wort ein­fach: Mas­sen­cas­ting. Es könnte einem neuen Aus­wahl­ver­fah­ren die Rich­tung wei­sen. Wenn man die Casting-Situation vom flüch­ti­gen Moment aus Beach­tungs­ex­zess und insze­nier­ter Inkom­pe­tenz befreit und statt­des­sen auf ech­tes Inter­esse setzt. Peter-André Alt, der im bun­ten Anzug über die Bühne stol­ziert, die Bewer­ber mit flap­si­gen Sprü­chen abkan­zelt, dazu joh­lende Viert­se­mes­ter im Publi­kum – das brau­chen wir sicher­lich nicht. Die Uni aber braucht eine Alter­na­tive zu den bis­her doch sehr sche­ma­ti­schen Zulas­sungs­ver­fah­ren. Die Logik des Show-Castings müsste dafür in sein Gegen­teil ver­kehrt wer­den. Wäh­rend das Ziel einer Casting-Show das Ver­fah­ren an sich ist und nicht die Begüns­ti­gung von Talen­tier­ten, muss die Uni die indi­vi­du­elle Begeg­nung nut­zen, um die Stu­den­ten zu fin­den, die zu ihr pas­sen. Es drängt sich eine ein­fa­che For­de­rung auf: Aus­wahl­ge­sprä­che und andere indi­vi­du­elle Bewer­bungs­kri­te­rien müs­sen end­lich zum Maß­stab werden.

Dann wird sich zei­gen, wie sich die Hoch­schule den Otto Mas­sen­stu­dent wünscht. Soll er sich ruhig ver­hal­ten im Mühl­rad der Menge, ein Durch­schnitts­mensch, der mög­lichst wenig Res­sour­cen ver­braucht und auch sonst kei­nen Ärger macht? Oder kom­men im Gegen­teil nur noch die Hoch­mo­ti­vier­ten zum Zug, die schon vor dem Stu­dium genau wis­sen, wo es im Lebens­lauf ein­mal lang­ge­hen soll?

Auch wenn der­ar­tige Aus­wahl­ver­fah­ren bei den ange­hen­den Stu­den­ten erst mal keine Begeis­te­rungs­stürme aus­lö­sen, sollte man sich auf die Idee ein­las­sen. Zuge­ge­ben, das kos­tet Mehr­auf­wand. Schließ­lich müsste man extra anrei­sen, sich auf die Dis­kus­sion vor­be­rei­ten. Ein paar Online-Bewerbungen aus­zu­fül­len und ein Zeug­nis in den Brief­kas­ten zu wer­fen ist da deut­lich stress­freier. Doch die nerv­tö­tende Mühe könnte sich aus­zah­len.
So bekä­men näm­lich auch die­je­ni­gen die Chance auf einen Stu­di­en­platz, bei denen in der Abi­note keine Eins vor dem Komma steht, die aber für ihr Fach bren­nen. Wem Mathe oder Fran­zö­sisch zu Schul­zei­ten den Durch­schnitt ver­saut hat, muss schließ­lich nicht der schlech­tere Psy­cho­lo­gie– oder Lite­ra­tur­stu­dent sein. Die Uni Greifs­wald prak­ti­ziert das bereits in eini­gen Stu­di­en­gän­gen. Das Resul­tat: Hier hat auch ein Bewer­ber mit einem Abitur­schnitt von 2,5 noch eine Chance aufs Medizinstudium.

Für die Uni sind sol­che Ver­fah­ren mit einer Lawine an büro­kra­ti­schem Auf­wand ver­bun­den. Klar. Aber gleich­zei­tig hel­fen sie ihr, die Stu­den­ten zu errei­chen, die sie braucht. Wel­che, die wis­sen, wo sie stu­die­ren wol­len. Wel­che, die sich die Zeit genom­men haben, den Uni­ko­loss jen­seits des polier­ten Inter­net­auf­tritts ken­nen­zu­ler­nen. Immer­hin nicht uner­heb­lich für die Entscheidung.

Denn eines steht fest: Die Mas­sen­uni kann nur funk­tio­nie­ren, solange sie ihre Stu­den­ten nicht über­for­dert. Ande­rer­seits ist es aber auch Sache der Stu­die­ren­den, das Beste aus der Mas­sen­kost zu machen. Wer will, kann in den Kur­sen gemüt­lich in der letz­ten Reihe abtau­chen und am Ende des Semes­ters eine Haus­ar­beit ablie­fern. Hin und wie­der mal ganz ange­nehm. Doch wer nach jah­re­lan­gem Stu­die­ren mehr gewon­nen haben will als einen aka­de­mi­schen Titel, dem wer­den Eigen­in­itia­tive und Enga­ge­ment abge­for­dert. Denn schlecht aus­ge­bil­dete Aka­de­mi­ker­mas­sen­tiere, die mit ein­ge­zo­ge­nem Kopf durch volle Unif­lure gehas­tet sind, braucht nie­mand. Völ­lig über­sät­tigte Lern­fa­bri­ken aber eben­so­we­nig. Wer Bil­dung für die Mas­sen will, muss die Mas­sen­uni auch stu­dier­bar machen. Alles andere wäre schi­zo­phren. Dass aus der FU in die­sem Leben keine Alma Mater mehr wird, ist wohl klar. Dafür, dass sie nicht voll­ends zur Raben­mut­ter mutiert, muss schnells­tens gesorgt werden.

1 Kommentar

  1. […] Titel­thema: Mas­sen­uni »Die Wurst reicht für alle«: Ein Inter­view mit Jür­gen Zöll­ner Welt­be­rühmt in Hil­des­heim: Zu Besuch auf einem Mini-Campus Eine Klasse für mich: Zur Ver­ein­sa­mung in der Masse Die Raben­mut­ter: Wer kommt noch rein in die Massenuni? […]

    Pingback von FURIOS Online – FURIOS 05: MASSENUNI — 25. Januar 2011, 23:27