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Eine Klasse für mich

Die Klasse ist an der Uni verpönt. Das sei etwas für Schulen, wird gemeckert. Dabei wird vergessen: Klassenverbände sind ein Mittel gegen Vereinsamung im Massenbetrieb. Von Linn Voß

Julia hat genug. Die 21-Jährige schaut über den Rand ihrer Milchkaffeetasse. Sie wirkt selbstbewusst und aufgeschlossen. Ihr Umgang ist freundlich, ihre Stimme ruhig, aber bestimmt. Eigentlich kann man sich nicht vorstellen, dass jemand wie sie in der Masse untergeht. Trotzdem sagt sie: „Ich fühle mich extrem unwohl hier, weil ich das Gefühl habe, keinen Anschluss zu finden.“ Vor einem Jahr hat sie begonnen, an der FU BWL zu studieren. Am Ende des ersten Semesters hat sie noch immer kaum jemanden auf der Straße erkannt.

30 000 Studenten sind an der Freien Universität Berlin immatrikuliert. Die Zahl entspricht der Bevölkerung von Usedom. Trotzdem fühlt sich hier manch einer wie auf einer verlassenen Insel. Wir kennen das Gefühl wahrscheinlich alle. Man hetzt in die überfüllte U-Bahn, ohne einen einzigen der Miteingestiegenen zu kennen. Professoren kennen niemanden persönlich. Und mittags bleibt die Suche nach einem bekannten Haarschopf an einem der Mensatische vergebens.

So ging es auch Julia in ihrem ersten Semester an der Massenuniversität. Sie gab sich nochmals ein halbes Jahr, um in Berlin anzukommen. Ohne großen Erfolg. „Natürlich kenne ich verschiedene Leute, aber das ist alles eher oberflächlich”, sagt sie. „Man sieht sich im Seminar, geht gemeinsam in die Mensa, vielleicht auch mal am Wochenende tanzen. Aber intensive Gespräche gibt es selten.“ Einen Grund dafür sieht sie in der Angebotsvielfalt der FU: „Im zweiten Semester hatte ich fast keine Veranstaltung mit jemandem, den ich bereits kannte.” Die meisten Gesichter waren ihr immer noch fremd. Ihr Studium setzt sie jetzt in Münster fort.

Klasse statt Masse
Julia ist kein Einzelfall. Wer an der FU einen Studienplatz ergattert, darf sich als Gewinner fühlen. Trotzdem werden viele damit nicht glücklich, weil sie in der neuen Umgebung nicht ankommen. Der Betreuungsschlüssel an Massenuniversitäten ist in der Regel katastrophal. Viele Studenten haben in den ersten Semestern mit den Professoren ihres Faches überhaupt keinen Kontakt, Tutorien werden von wechselnden Dozenten geleitet. Oft sind die Studierenden mit Problemen überfordert, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können.

Die FU gibt keine offiziellen Zahlen über die Abbrecherquoten und die Gründe bekannt, warum die Leute ihr Studium schmeißen. Im Jahr 2007 gelangte jedoch eine FU-Erhebung zum Studienerfolg in den neuen Bachelor-Studiengängen an die Öffentlichkeit. Sie belegt, dass das Ziel der BAs, das Studium effizienter und erfolgreicher zu gestalten, nicht erreicht wurde. Im Vergleich zu den alten Studiengängen brechen mehr Studenten ihr Studium ab, in den ersten beiden Jahren bis zu 37 %. Ein nicht unwesentlicher Grund für die hohe Abbrecherquote dürfte dabei der Mangel an sozialer Interaktion sein. Gemäß einer Studie der gemeinnützigen Hochschul-Informations-System GmbH fühlen sich nur 12 Prozent der Studienabbrecher an deutschen Universitäten rundum gut von ihren Professoren und Dozenten betreut. Und vor allem Studenten, die wenig Kontakt zu ihren Kommillitonen haben, sind laut der Studie von einem Abbruch gefährdet: Die Motivation zu lernen und am Ball zu bleiben sinkt, wenn man im Studienfach keine persönlichen Bindungen hat. Von 100 Studienabbrechern geben 34 an, nur sehr schwer Kontakt zu ihren Kommillitonen gefunden zu haben.

Auch eine Massenuniversität kann den Kontakt zwischen ihren Studenten fördern. Das Problem ist nicht die Masse, sondern die Organisation. An angelsächsischen Universitäten und an Fachhochschulen sind die Studenten nicht nur in Fächer, sondern in Jahrgänge und Klassen eingeteilt. Ein System, das Schule macht. An der FU gibt es inzwischen Institute, die den Ansatz erfolgreich übernommen haben. Die Idee dahinter ist einfach. „Unsere gelebten sozialen Kontakte, also Freundschaften oder Partnerschaften, finden meist in Gruppen statt, die eine Größe von 15 Personen nicht überschreiten“, sagt Bettina Hannover, Sozialpsychologin an der FU. „So behalten wir den Überblick und erhalten trotzdem emotionalen Rückhalt.“ Die Schwierigkeit bestehe momentan darin, einen sozialen Raum zu finden, der von seiner Größe her persönliche Beziehungen zulässt. Das können selbstorganisierte Arbeitsgruppen im Seminar, eine Studentenvertretung oder die Mannschaft im Unisport sein. Oder eine Klassengemeinschaft. “Da sind auch wir als Universität gefragt”, räumt Dr. Hannover ein. Sie fordert: “Wir müssen mehr klassenartige Strukturen aufbauen, um den Studenten das Gefühl zu geben, nicht von der Masse an Kommillitonen verschluckt zu werden.”

Amerikanische Verhätnisse
Wie das konkret aussehen kann, zeigt das John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien – kurz JFK – an der FU. 30 Studenten werden pro Jahr für den Master und 60 für den Bachelor zugelassen. Sie können aus den sechs Bereichen Literatur, Kultur, Geschichte, Wirtschaft, Soziologie und Politik zwei Schwerpunkte wählen. Dass trotz dieser Vielfalt der Disziplinen ein Klassengeist entsteht, beginnt beim speziell angelegten Lehrplan. Interdisziplinäre Veranstaltungen decken auch die vier anderen, nicht gewählten Fächer ab. „So kommen unsere Studenten immer wieder zusammen und können Kontakte knüpfen“, meint Andreas Etges, Koordinator des Masterstudiengangs am JFK.

Darüber hinaus versucht das Institut aktiv, den Klassengeist zu pflegen. Etges kümmert sich persönlich um die Bewerbungen für den Master, begrüßt jedes Jahr alle Studienanfänger in einer gemeinsamen Veranstaltung und ist Ansprechpartner für alle Fragen zum Studium. Jede Klasse wird nach ihrem Einstiegsjahr benannt und erhält eine gemeinsame Abschlussfeier, die vom Ehemaligenverein organisiert wird. Wer durch das Institut geht, sieht auf den Fluren die Fotos von allen Feiern hängen, auf denen jeder Student einen Absolventenhut trägt.

Alles nur akademischer Klimbim? Das Institut ist mit seiner Strategie erfolgreich. Die Studentin Nadia Nejjar ist zwar erst seit Oktober am JFK, fühlt sich aber bereits sehr gut aufgehoben: „Ich habe viel Kontakt mit meinen Kommilitonen und kenne inzwischen alle zumindest vom Sehen.” Auch die Professoren wirken sehr aufgeschlossen auf sie. “Sie ermuntern uns häufig, bei Problemen jeglicher Art zu ihnen zu kommen.“ Das bestätigt auch Erika Ramberg. Sie hat ihren Bachelor in Englischer Literatur und Kunstgeschichte in Boston gemacht und ist für den Master nach Berlin gezogen. “Hier hat jeder Professor seine Sprechstunde. Und wenn ich eine Frage habe, schreibe ich eine Mail, die spätestens nach zwei Tagen beantwortet wird.”

Weiter gefördert wird der Gemeinschaftssinn nicht zuletzt dadurch, dass das Institut ein eigenes Gebäude hat. „Wir sitzen nicht einfach nur in einem Teil der Silberlaube, sondern alles ist hier in der Lansstraße untergebracht, auch die Bibliothek. Und die Fachschaftsinitiative hat sogar ein kleines Café für die Studierenden eingerichtet“, sagt Etges. Für ihn bedeutet die Pflege der Klasse zwar einen Mehraufwand. Doch dieser lohnt sich. Das JFK habe – trotz hohem Arbeitspensum im Studium – eine der geringsten Abbrecherquoten an der FU.

Geschlossene Gesellschaft
Die Organisation in Klassen birgt aber auch Risiken. Die Klasse verringert zwar die Anonymität innerhalb eines Jahrgangs, kann jedoch zum Verhängnis werden, wenn man sein Studium unterbrechen muss. „Kommt man nach ein, zwei Jahren wieder, ist es für viele schwer, wieder Anschluss zu finden. Die Karawane ist ohne einen weitergezogen und man ist der oder die „Neue““, sagt Reinhard Franke, Diplom-Psychologe und Mitarbeiter in der Psychologischen Beratung der FU. In einer solchen Situation tritt besonders in einem überfüllten Seminar zuweilen das auf, was Psychologen als das „Spotlight-Phänomen“ bezeichnen: Der Betroffene hat das Gefühl, alle Aufmerksamkeit würde sich wie ein Scheinwerfer unangenehm auf ihn richten. Oft wagt er dann nicht mehr, sich in Seminaren zu Wort zu melden und kapselt sich von seinen Kommilitonen ab. Um dem entgegen zu wirken hilft meist ein Gespräch mit Menschen, die ähnliche Probleme hatten. Das wiederum wird, ironischerweise, durch das Einrichten von Klassengemeinschaften erleichtert.

Das neue Semester an der FU wird ohne Julia beginnen. Sie behält zwar ihr Studienfach bei, wechselt jedoch den Studienort. „BWL ist schon die richtige Wahl für mich. Und in Münster wird dann hoffentlich auch das Drumherum stimmen.“ Nadja dagegen bleibt in Berlin, genauer gesagt am JFK. „Ich fühle mich hier sehr wohl und habe absolut nicht das Gefühl, in der Masse unterzugehen.“

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