Stille Erleichterung

Eine Kunst­fi­gur auf Streif­zug. Die­ses Mal wan­delt der Fla­neur um die Don­ner­bal­ken der FU, ent­deckt die lyri­sche Ver­su­chung des stil­len Ört­chens und nimmt es mit der Wahr­heit mal wie­der nicht so genau. Von Kon­stanze Renken.

Fotos von Cora-Mae Gre­gor­schew­ski
Illus­tra­tion von Chris­tian Güse

Es ist der Ort der Uni, dem sich nie­mand ent­zie­hen kann — für viele ein not­wen­di­ges Übel, für einige ein „Hort der Ruhe und Glück­se­lig­keit“, von jedem auf­ge­sucht und genutzt. Es ist der Ort, der uns alle gleich macht, der unser Mensch­sein in sei­ner trieb­haf­tes­ten Urform her­vor­lockt und an dem jeder ein Abbild sei­nes wah­ren Cha­rak­ters auf der Klo­brille hin­ter­lässt. Durch­schnitt­lich 2,75 Mal pro Tag wird der Stu­dent vom hek­ti­schen Uni­be­trieb an die­sen Ort gespült, die Stu­den­tin sogar 3,5 Mal. Auch ich ver­spüre ein gewis­ses Bedürf­nis und begebe mich auf die Suche nach einem geeig­ne­ten Platz…

Der nächste, bitte!
Ein gro­ßer Gang gegen­über der Mensa führt hinab in die tie­fen Kata­kom­ben, deren ein­zi­ger Zweck darin besteht, ihrer Lauf­kund­schaft Erleich­te­rung zu ver­schaf­fen. Das ist ver­nünf­tig, schließ­lich bau­ten schon die alten Ägyp­ter ihre Aborte fernab der Stadt­mau­ern, um der Über­tra­gung von Krank­hei­ten und der all­ge­gen­wär­ti­gen Prä­senz eines weni­ger lieb­li­chen Odeurs ent­ge­gen­zu­wir­ken. Ich schreite durch die Ein­gangs­tür. Vor mir erstreckt sich ein Meer aus Wasch­be­cken und Sei­fen­spen­dern, elek­tri­sches Licht erhellt den fens­ter­lo­sen Raum. Ich durch­quere ihn und betrete das Herz­stück, ein schumm­ri­ger Ort, an dem 16 oran­ge­far­bene Türen zwei Minu­ten visu­elle Pri­vat­sphäre ver­spre­chen. Ein gro­ßer Sta­pel Toi­let­ten­pa­pier­rol­len an der Wand garan­tiert außer­dem einen ste­ten Nut­zungs­fluss aller Kabi­nen. Mas­sen­ab­fer­ti­gung at its best.
Eine Stu­die hat erge­ben, dass der Anteil von Kei­men und Bak­te­rien in den mitt­le­ren Kabi­nen am höchs­ten ist, drei­mal so hoch wie in der letz­ten und sogar vier­mal höher als in der zwei­ten und ers­ten. Mir scheint der Grad der Ver­dre­ckung jedoch in jeder Latrine gleich hoch, kei­ner ent­spricht auch nur im Gerings­ten mei­nen Bedürf­nis­sen. Ich setze meine Suche fort.

Bilin­gua­les Spü­len
Werde ich hier fün­dig, inmit­ten der gro­ßen Namen der Welt­li­te­ra­tur? In der phi­lo­lo­gi­schen Biblio­thek fin­det sich eben­falls ein Ort der Erleich­te­rung für die stress­ge­plag­ten Ler­nen­den. Ich wan­dere durch die sta­ti­schen Win­dun­gen des Gehirns, das in sei­ner Form tat­säch­lich dem Cere­brum Ein­steins im Maß­stab 1:1250 nach­emp­fun­den sein soll. Dann öffne ich eine obskure Falt­tür und befinde mich – mit­ten im Bun­ker. Geschätzte zehn Qua­drat­me­ter geka­chel­ter, fens­ter­lo­ser Raum, eine Lokus­schüs­sel, ein Wasch­be­cken, eine Hand­tuch­rolle, das war’s – stumm schmerzt mein Ästhe­ten­herz. Dies ist kein Ort, der Wohl­be­fin­den und Ent­span­nung ver­schafft. Dies ist ein Ort, der Bil­der von psych­ia­tri­schen Heil­an­stal­ten und Atom­bun­kern vor mei­nem inne­ren Auge erschei­nen lässt.
Ein rotes Warn­schild erregt meine Auf­merk­sam­keit – „Ach­tung Auto­ma­tik­spü­lung!“. Zwei­spra­chig wird die Benut­zung die­ser abnor­ma­len Spü­lung erklärt. Plötz­lich ein gur­geln­der Lärm, die Toi­lette spült geräusch­voll wie von Geis­ter­hand, erschro­cken tau­mele ich rück­wärts gegen die Falt­tür, die sofort ein­knickt und mich wie­der aus­spuckt in den oran­ge­far­be­nen Gang. Ich stemme mich gegen eine Eisen­pforte und flüchte zurück ins Tageslicht.

Wir gegen Viren!
Nach eini­gem Irren über den Cam­pus betrete ich das JFK-Institut. Ein anti­ker Mosa­ik­brun­nen gelei­tet mich zum Ver­rich­tungs­ort der Not­durft. Die­ser Brun­nen ist ein Geschenk der Part­ner­uni­ver­si­tät Athen, errich­tet nach dem hera­kli­ti­schen Modell „Alles fließt“. So fließe ich auch hin­ein in den hel­len Raum, der luxu­riös aus­ge­stat­tet ist mit Fens­tern und Was­ser­häh­nen, die war­mes Was­ser speien sol­len. Ich öffne eine Kabine, doch – o Schreck! – ihre Wand wurde nicht ver­schont vom Geist revo­lu­tio­nä­rer Rüpel, die zum Kampf gegen eine zu miss­ach­tende poli­ti­sche Über­zeu­gung auf­ru­fen: „Chase those crazy boldheads out of town! Toge­ther against facism!“. Auch die Wand der ande­ren Kabine kon­fron­tiert mich mit per­sön­li­cher Über­zeu­gung: „Ich liebe dich Alex, und das fort­wäh­rend“ – „Schön, jetzt weiß es wenigs­tens die Klo­frau“, kom­men­tierte ein mir sym­pa­thi­scher Zyni­ker. Ich beschließe, zu blei­ben.
Als ich mir nach ver­rich­te­ten Din­gen die Hände wasche, fällt mein Blick auf ein klei­nes Pla­kat der Aktion „Wir gegen Viren“, ein Selbst­ver­tei­di­gungs­kurs gegen üble Krank­heits­er­re­ger. Die meis­ten Viren und Bak­te­rien fin­den sich jedoch nicht hier, son­dern in der Zedat. Das Pla­kat sollte dort ange­bracht wer­den, gleich neben dem Zer­ti­fi­kat über die viren­freien Betriebs­sys­teme. Wäh­rend ich dar­über sin­niere, fällt mir auf, dass doch nur kal­tes Was­ser über meine Fin­ger läuft. Ich drehe den Hebel in Rich­tung Wärme, doch plötz­lich fließt gar nichts mehr. Grund dafür sind die Rat­ten im Rohr­sys­tem der Uni, Nach­kom­men des aus dem Ruder gelau­fe­nen For­schungs­pro­jekts „Nage­tiere im künst­li­chen Habi­tat“. Die Quelle ist ver­siegt, das hera­kli­ti­sche Modell an seine ther­ma­len Gren­zen gesto­ßen. Was für ein Affront.

24. Januar 2011, FURIOS 05, Flaneur, Kultur

2 Kommentare

  1. ich weis ja nicht, auf wel­ches »not­wen­dige Übel« frau ren­ken sich sonst so setzt, wenn ihr der bol­zen drückt.
    dass ihr »ästhe­ten­herz« aber aus einen stink­nor­ma­len insti­tuts­lo­kus einen »atom­bun­ker« macht, spricht schon ziem­lich für eine amt­li­che hirn­obsti­pa­tion.
    kaum aus­zu­den­ken, was bei fla­tu­lenz dar­aus gewor­den wäre… eine gas­kam­mer?
    aber so ist das halt bei ver­stop­fun­gen:
    egal wie kunst­voll man drückt, am ende kommt doch nur scheiße raus.

    Comment von näppisch — 15. Februar 2011, 22:32

  2. ach du meine güte…
    der arti­kel wurde bestimmt nicht geschrie­ben, um die toi­let­ten rea­li­täts­nah zu schil­der, es ist ja kein rei­se­füh­rer. wenn man lite­ra­risch schreibt, darf man über­trei­ben (stil­mit­tel, ne?!)

    Comment von Lumakaria — 27. Juni 2011, 8:01