Flauschige U-Bahnfahrt

Bewegte Kunst in U-Bahnschächten: Die Extrem-Strickerinnen der FU klei­den die Hal­tes­tan­gen eines U1-Waggons neu ein. Was das für Pro­bleme mit sich bringt, zei­gen Chris­tian Güse und Ange­lina Scheck.

Ber­lin, Mitte Februar. Die Tem­pe­ra­tu­ren lie­gen um die null Grad, der Win­ter­him­mel trägt die Trend­farbe grau und der Durch­schnitts­stu­dent wan­delt schlaf­los auf beto­nier­ten Wegen von Klau­sur zu Semes­ter­ar­beit. In die­ser Atmo­sphäre macht sich eine Gruppe von drei Frauen und 15 Hel­fern, bewaff­net mit Taschen vol­ler Wolle und Nadeln, auf den Weg. Ihr Ziel ist der Ber­li­ner Unter­grund, genauer die Hal­tes­tan­gen eines U1-Wagons. Gemüt­li­cher sol­len sie wer­den, ein biss­chen Wärme in die mor­gend­li­che U-Bahnfahrt brin­gen. Die Grup­pen­mit­glie­der sind Guerilla-Stricker: Rück­er­obe­rer des öffent­li­chen Raums durch Ein­stri­cken des selbigen.

Nach nur drei Stun­den Schlaf tref­fen sich die „Extrem-Stricker“, ange­führt von den FU-Studentinnen Tikki* und Mira­ché*, mor­gens um sechs am Bahn­steig der Uhland­straße. Sogleich machen sie sich in klei­nen Teams, alle­samt mit Woll­bär­ten ver­mummt, ans Werk. Den Anga­ben von Mira­ché und Tikki fol­gend brin­gen sie die vor­ge­fer­tig­ten Woll­schläu­che an den Hal­tes­tan­gen an. Dank der früh­mor­gend­li­chen Zurück­hal­tung der Ber­li­ner, die sicher­heits­hal­ber lie­ber den „nor­ma­len“ Wag­gon neh­men, sind sie dabei unge­stört. Doch alle halbe Stunde kommt die Zit­ter­par­tie: Der Zug fährt ins Depot und ist damit außer­halb ihrer Reich­weite. Kurz dar­auf kommt er glück­li­cher­weise voll bestrickt wie­der zum Vor­schein. Die Arbeit kann unter dem kri­ti­schen Blick der Putz­kraft und einem Lächeln des Schaff­ners wei­ter­ge­hen. Noch zwei Mal Ban­gen, bevor sich alle Betei­lig­ten nach geta­ner Arbeit im nun deut­lich gemüt­li­che­ren Wag­gon zum Früh­stück zusam­men setzen.

Immer wie­der stei­gen Leute ein und ver­su­chen, sich ihre Ver­wun­de­rung nicht anmer­ken zu las­sen. Nur wenige, meist Grup­pen, betrach­ten das Kunst­werk ganz offen, dis­ku­tie­ren und schie­ßen Fotos mit ihren Han­dys. „Das Pro­jekt soll die Men­schen dazu brin­gen, die Welt in einem ganz ande­ren Licht zu sehen“, sagt Tikki.

„Knit the city“

Die Geschichte des Yarn-Bombing, wie sich diese Strick­kunst nennt, beginnt bei einer Texa­ne­rin, die ihre unfer­ti­gen Strick­vor­ha­ben mög­lichst krea­tiv los­wer­den wollte. Bald schwappte die Bewe­gung über den Atlan­tik. Nun wun­dern sich ihrer­seits gestresste Lon­do­ner, wenn sie beim Über­que­ren der Themse von einer Herde klei­ner Häkel-Tierchen beglei­tet wer­den. Dank einer 2009 gegrün­de­ten Gruppe namens „Knit the city“ ist es dort auch keine Sel­ten­heit mehr, wenn sich die majes­tä­ti­schen Löwen des Tra­fal­gar Square in 168m-lange Rin­gel­schale kleiden.

Im dis­zi­pli­nier­ten Deutsch­land ist die Kunst von Tikki und Co hin­ge­gen in so manch Anlauf­schwie­rig­kei­ten ver­strickt. So hält ihr Pro­jekt in der U1 etwa acht Stun­den, bevor es an der End­hal­te­stelle von brum­mi­gen BVG-Mitarbeitern ent­fernt wird. Als sich die FURIOS bei ihrer Suche nach der flau­schi­gen U-Bahn hil­fe­su­chend an das Secu­rity Per­so­nal wen­det, schal­tet die­ses sofort von genervt auf hell­wach: „War das einer von Ihnen? Sollte das so’n Flashmob sein?“ Auf die Erklä­rung, wir woll­ten ledig­lich das Kunst­pro­jekt näher anse­hen, rea­gie­ren die bei­den skep­tisch ob der Aus­sage, dass das Kunst sei. Und über­haupt, erlaubt ist das nicht. Ob es bei der BVG eine Ver­ord­nung dage­gen gäbe? Die Ant­wort lau­tet nur: „Wir haben es gegen 15 Uhr abge­nom­men“. Wahr­schein­lich hat besag­ter BVG-Mann gerade §303 Abs.2 des StGB im Sinn. Die­ser spe­zi­ell für Sprayer ver­fasste Absatz dekla­riert das unbe­fugte Ver­än­dern des Aus­se­hens öffent­li­chen Eigen­tums als Sach­be­schä­di­gung. Inwie­fern die Tat­sa­che, dass man die Woll­röh­ren pro­blem­los wie­der ent­fer­nen kann, dem Tat­be­stand wider­spricht und Kunst als Befug­nis gilt, ist dis­ku­ta­bel. Tikki fin­det das Pro­blem jeden­falls eher lus­tig. „15 Uhr? Also hat‘s so 8 Stun­den gehan­gen“, freut sie sich.

Aber die BVG ist nicht die ein­zige, die sich nicht umgar­nen lässt. Wäh­rend Mira­ché die Reak­tio­nen der Leute im nun­mehr ver­schö­ner­ten Bahn­wa­gon filmt, kommt eine ältere Dame auf sie zu, um sie wis­sen zu las­sen, was sie von der „Saue­rei“ halte. Das ein­zige Mal an dem Tag, dass das Feed­back nega­tiv aus­fällt. „Bis auf die alte Dame waren alle Reak­tio­nen posi­tiv, ich glaube, es hat den meis­ten rich­tig gefal­len“, erzählt Miraché.

Der Sinn im Sinnlosen

Aber auch andere tun es sich schwer mit der Strick­kunst: „In der Zeit, die man für das Stri­cken gebraucht hat, hätte man eine ganze Revo­lu­tion star­ten kön­nen“, ent­rüs­tet sich ein Blog­ger ange­sichts ein­ge­strick­ter Steine. Doch den „Extrem-Strickern“ geht es pri­mär gar nicht um Poli­tik. Zuge­ge­ben, wenn man einem Pan­zer eine rosa­far­bene Fli­cken­de­cke ver­passt oder die Waffe einer Sol­da­ten­sta­tue in Bali plü­schig gestal­tet, liegt die Ver­mu­tung nahe, dass poli­ti­sche Aus­sa­gen dahin­ter stecken.

Doch die Motive der Strick­künst­ler sind so viel­sei­tig wie die Cha­rak­tere selbst. Die einen wol­len Omas Hobby revo­lu­tio­nie­ren, andere Leb­lo­ses durch Hand­ar­beit etwas mensch­li­cher machen. Wie­der andere in einem Schlag Mütze wie Mast ent­funk­tio­na­li­sie­ren. Der Sinn liegt eben doch im Sinn­lo­sen. Tik­kis Gruppe plant die Män­ner­do­mäne Streetart mit dem Frauen-Klischee „Stri­cken“ zu erobern. „Ein­mal wollte ein Mann bei uns mit­ma­chen und wir dach­ten uns alle ‚Scheiße, er ist ein Mann!’, aber am Ende ist Kunst doch für alle da.“ Der Spaß am Stri­cken steht immer im Vordergrund.

Der ist auch abso­lut essen­ti­ell, denn ein Meter Kunst dau­ert in die­ser Dis­zi­plin je nach Wolle, Mus­ter und gewünsch­ter Dicke etwa vier Tage. Kein Wun­der also, dass man Tikki immer nur stri­ckend beim Kaf­fee trin­ken oder sogar im Semi­nar antrifft. Gleich­zei­tig besteht genau hierin der ent­schei­dende Unter­schied zum seman­tisch ver­wand­ten Graf­fiti: Es ist nicht schnell, es ist nicht dre­ckig und noch nicht ein­mal dau­er­haft, siehe U1.

Nach ihrer ers­ten Aktion wol­len auch Tikki und Mira­ché bald ein neues Pro­jekt anfan­gen. Sie haben sich zwar noch nicht geei­nigt, aber auf jeden Fall in der U-Bahn soll es statt­fin­den: „Wir mögen die Idee, dass sich die Kunst bewegt und zu dir kommt. Wir ver­brin­gen so viel Zeit in der U-Bahn, da soll­ten wir sie auf jeden Fall wohn­li­cher machen. Nächs­tes Mal viel­leicht mit Gardinen.“

*Name von der Redak­tion geändert

17. Februar 2011, Bonusmaterial 05, Kultur

2 Kommentare

  1. Cool!

    Dazu fällt mir Marion Eich­mann ein: http://www.marioneichmann.com/pingpong/24.html

    Comment von Cora — 18. Februar 2011, 1:14

  2. Genial!

    Comment von McMurphy — 18. Februar 2011, 15:54