Sargnagel für die Akademie?

Bil­dungs­se­na­tor Zöll­ner will Novel­lie­rung des Ber­li­ner Hoch­schul­ge­set­zes end­lich abschlie­ßen. Die Ände­rungs­vor­schläge sto­ßen bei Hoch­schul­lei­tun­gen und ASten auf Wider­stand. Eine Über­sicht über die wich­tigs­ten Streit­punkte von Max Krause.

Wer wird denn gleich den Kopf ver­lie­ren? Der Wider­stand gegen Jür­gen Zöll­ners BerlHG-Novelle scheint noch nicht am Ende. Illus­tra­tion: Cora-Mae Gregorschewski.

Lang­sam wird es Zeit. Die Zukunft der Uni­ver­si­tä­ten heißt Bolo­gna, und sie ist schon ein paar Jahre alt. Das Ber­li­ner Hoch­schul­ge­setz stammt noch aus einer ande­ren Ära. Seit 1999 wurde es nicht mehr geän­dert. Es hat mehr Aus­dauer als man­cher Lang­zeit­stu­dent. Eine Neu­auf­lage des Geset­zes wurde mehr­mals ver­scho­ben. Recht­zei­tig vor den Abgeordnetenhaus-Wahlen im Sep­tem­ber will Bil­dungs­se­na­tor Jür­gen Zöll­ner noch einen Erfolg ver­bu­chen und das Gesetz end­lich auf das Bache­lor– /Master-System trim­men. Lie­ber zügig den Sack zu machen, als bei neuer poli­ti­scher Wet­ter­lage womög­lich alles noch­mal neu ver­han­deln zu müssen.

Seit lan­gem for­miert sich brei­ter Wider­stand gegen Zöll­ners Novel­lie­rung: Die Hoch­schul­lei­tun­gen sehen sich in ihrer Auto­no­mie beschränkt, etwa durch zusätz­li­che Bestim­mun­gen zu Aus­lands­se­mes­tern, und fürch­ten, dass es das Gesetz künf­tig leich­ter macht, den Rot­stift an die Uni­ver­si­tät zu set­zen. Stu­die­ren­den­ver­tre­ter kri­ti­sie­ren die zuneh­mend stren­gere Regu­lie­rung des Stu­di­ums, die mit der Ände­rung ein­her­ge­hen würde. Woran sto­ßen sich die Kri­ti­ker genau?

„Gro­tes­ker Vorschlag“

Im Gesetz­ent­wurf wird die Regel­stu­di­en­zeit für einen Bache­lor mit kon­se­ku­ti­vem Mas­ter auf zusam­men fünf Jahre fest­ge­legt; der FU-AStA hält diese Regu­lie­rung für „zu starr“. Außer­dem soll fest­ge­schrie­ben wer­den, dass Prü­fun­gen in Zukunft nur noch zwei­mal wie­der­holt wer­den dür­fen; alle erlang­ten Noten müs­sen zur Berech­nung der End­note mit ein­be­zo­gen wer­den. Die bis­her im Geset­zes­text ent­hal­tene Rege­lung, dass ein Drit­tel der Stu­di­en­leis­tung frei wähl­bar sein sol­len, wird ersatz­los gestri­chen, für viele ein Zei­chen der zuneh­men­den Ver­schu­lung der Studiengänge.

Als größte Zumu­tung wird die Aus­wei­tung der soge­nann­ten „Zwangs­be­ra­tung“ gese­hen: In Zukunft kann jedem Stu­die­ren­den im zwei­ten Stu­di­en­jahr eine ver­pflich­tende Stu­di­en­ver­laufs­be­ra­tung auf­er­legt wer­den. Hat ein Stu­dent die vor­ge­schrie­be­nen Module bis dahin nicht abge­schlos­sen, kön­nen Auf­la­gen erteilt wer­den; wenn diese nicht erfüllt wer­den, droht die Zwangsexmatrikulation.

Damit wird nun eine Mög­lich­keit geschaf­fen, Stu­die­rende zu zwangs­ex­ma­tri­ku­lie­ren, noch bevor sie die Regel­stu­di­en­zeit über­schrit­ten haben. Das Bildungsstreik-Bündnis bezeich­net die­sen Vor­schlag als „gro­tesk“, FU-Präsident Peter-André Alt dage­gen hält den Ärger der Stu­die­ren­den für „übertrieben“.

Spa­ren durch die Hintertür

Der hat ganz andere Pro­bleme mit der Novelle: Sie sieht die Ein­füh­rung einer neuen Kate­go­rie wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter mit Schwer­punkt Lehre vor. Diese sol­len eine Lehr­ver­pflich­tung von bis zu 18 Stun­den pro Woche schul­tern. Laut Alt stellt das „die Idee der Uni­ver­si­tät infrage, in der For­schung und Lehre zusam­men­ge­hö­ren“. Außer­dem fürch­ten die Uni­ver­si­täts­prä­si­den­ten ein „Spar­mo­dell“ (TU-Präsident Stein­bach). Ein wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter die­ser Kate­go­rie könnte die Arbeit von vier ande­ren über­neh­men. Das könnte die Stadt auf die Idee brin­gen, auch nur noch ein Vier­tel des Gel­des zu zah­len. Vom Aka­de­mi­sche Senat kommt Kri­tik an der brei­ten Ein­füh­rung von Teil­zeit­stu­di­en­gän­gen für Berufs­tä­tige: Es fehle das Geld, um das dafür not­wen­dige Lehr­an­ge­bot bereitzustellen.

Allzu viel Kopf­zer­bre­chen dürfte dies Jür­gen Zöll­ner nicht berei­ten: Denn sei­nen Geg­nern läuft auch die Zeit davon:Noch in die­sem Monat geht Geset­zes­ent­wurf zur ers­ten Lesung ins Abge­ord­ne­ten­haus, bis Ende April soll ein Beschluss gefällt sein. Die Hoch­schul­lei­tun­gen haben ange­kün­digt, öffent­lich Druck machen. In stu­den­ti­schen AGs wird bereits an Pro­tes­t­ideen für das Som­mer­se­mes­ter gebas­telt. Auf eine Parole hat man sich schon geei­nigt: „Zwangs­ex­ma­tri­ku­la­tion für Zöllner!“

7. März 2011, Allgemeines, Politik

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