Eklat im Akademischen Senat

Gegen den Wil­len von Prä­si­dent Alt sollte der Aka­de­mi­sche Senat Farbe zum Ber­li­ner Hoch­schul­ge­setz beken­nen. Die Ver­an­stal­tung endete in einem Wort­ge­fecht zwi­schen Stu­die­ren­den und Prä­si­dium. Von Max Krause.

Foto: Cora-Mae Gregrorschewski

Am gest­ri­gen Diens­tag kam der Aka­de­mi­sche Senat (AS) zu einer außer­or­dent­li­chen Sit­zung zusam­men. Anlass war die Novelle des Ber­li­ner Hoch­schul­ge­set­zes (BerlHG). Sie soll am mor­gi­gen Don­ners­tag im Abge­ord­ne­ten­haus ver­ab­schie­det wer­den. Die Sit­zung wurde auf Antrag von Mathias Bar­telt von der stu­den­ti­schen UFSPA-Liste ein­be­ru­fen. Unter­stützt wurde er von zwölf wei­te­ren AS-Mitgliedern, davon kei­nes aus den Pro­fes­so­ren­grup­pen Ver­einte Mitte und Libe­rale Aktion. Der Aka­de­mi­sche Senat muss außer der Reihe zusam­men­tre­ten, wenn min­des­tens ein Vier­tel sei­ner Mit­glie­der dies beantragt.

Zu Beginn stellte Rechts­amts­lei­ter Hellmut-Johannes Lange für das Prä­si­dium klar, dass für den Antrag keine beson­dere Dring­lich­keit gege­ben sei. Das Tref­fen sei somit ledig­lich eine Ver­samm­lung ohne Beschluss­kraft. Diese Ein­schät­zung wurde von den Antrag­stel­lern zurück­ge­wie­sen. Die Mehr­heit des AS habe eine Sit­zung ver­langt, also solle das Tref­fen als sol­che behan­delt wer­den, so Raúl Rojas von der Liste Exzel­lenz und Transparenz.

Trotz der unter­schied­li­chen Bewer­tung wurde schließ­lich eine Reso­lu­tion zur BerlHG-Novelle ver­ab­schie­det. Sie appel­liert an das Par­la­ment das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zu unter­bre­chen und strit­tige Punkte zu über­ar­bei­ten. Abge­lehnt wer­den unter ande­rem die Ein­füh­rung  des »wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ters mit Schwer­punkt Lehre«. Die­ses Stel­len­pro­fil sei eine Sack­gasse, da es wis­sen­schaft­li­che Wei­ter­qua­li­fi­ka­tion aus­schließe. Die Gruppe der Stu­die­ren­den­ver­tre­ter ent­hielt sich bei der Abstim­mung geschlos­sen. Sie hat­ten zwar die Reso­lu­tion initi­iert, woll­ten jedoch die in der End­fas­sung ent­hal­tene Kri­tik an der Über­re­gu­lie­rung der Hoch­schu­len nicht mittragen.

Eine halbe Stunde vor dem regu­lä­ren Ende brach Prä­si­dent Peter-André Alt die Sit­zung unver­mit­telt ab. Ein Mit­ar­bei­ter hatte ihm eine, wie er sagte, „drin­gen­den Sache“ zuge­lei­tet. Ein wei­te­rer Antrag von Mathias Bar­telt wurde nicht mehr behan­delt. Die­ser sollte den AS auf­for­dern, zur Teil­nahme an der BerlHG-Demo am Don­ners­tag­nach­mit­tag auf­zu­ru­fen. Die Stu­die­ren­den­ver­tre­ter waren empört und fühl­ten sich über­ge­gan­gen. Bar­telt warf dem Prä­si­den­ten vor, die Arbeit des Aka­de­mi­schen Senats bewusst zu behindern.

10. Mai 2011, Allgemeines, Politik

3 Kommentare

  1. Irgend­wie bleibt im Bericht selbst von »Eklat« und »Wort­ge­fecht« am Ende nicht vie übrig. Und ich will auch nicht ganz ver­ste­hen, warum Stu­die­rende, die sonst so aktiv für die abso­lute Frei­heit des Stu­di­ums kämp­fen, Kritk an Über­re­gu­lie­rung nicht mit­tra­gen wollen.

    Comment von Thomas E. — 11. Mai 2011, 7:37

  2. Daß Rechtsamt-Lange den Sit­zungs­cha­rak­ter nicht aner­ken­nen wollte, ist die eine Sache. Er sprach von einer »teleo­lo­gi­schen Aus­le­gung« der Geschäfts­ord­nung — einer Aus­le­gung, die u.a. Ulrike Mül­ler (WiMis) strikt wider­sprach, denn die GO des AS ist in dem Punkt »Dring­lich­keits­sit­zung« mehr als ein­deu­tig und bedarf kei­ner »teleo­lo­gi­schen Aus­le­gung«. Sie for­mu­lierte schon im Vor­hin­ein an den Lei­ter der Stabs­stelle Gre­mien, Ema­nuel Kouloris:

    »Die GO des AS ist, was die Anbe­rau­mung von
    Dring­lich­keits­sit­zun­gen angeht, ein­deu­tig und sieht bei der Bean­tra­gung
    durch die erfor­der­li­che Anzahl der Senats­mit­glie­der kei­ner­lei
    Prü­fungs­recht des Prä­si­di­ums vor, § 1 Abs. 2., 2. Halb­satz. Eine
    poten­ti­ell feh­lende Dring­lich­keit des ange­kün­dig­ten The­mas oder
    Unzu­stän­dig­keit des AS ist inso­fern für die Anbe­rau­mung der Sit­zung völ­lig
    unerheblich.«

    Wir erin­nern uns an die Rechts­auf­fas­sung des Prä­si­di­ums (und damit auch des Rechts­amts und vice versa): Die Sit­zung könne allein des­halb schon keine Dring­lich­keits­sit­zung sein, weil die gestell­ten dring­li­chen Anträge keine seien und der AS nicht für sie zustän­dig wäre. Als Ulrike Mül­ler ihren Jura-Fachkollegen Univ.-Prof. Dr. Klaus Hoffmann-Holland (Ver­einte Mitte) bat, die Rechts­auf­fas­sung zu bestä­ti­gen, daß die anbe­raumte »Ver­samm­lung« Sit­zungs­cha­rak­ter hätte, mußte selbst die­ser ver­le­gen nicken.

    Soviel zu den GO-Spielchen des Prä­si­di­ums und sei­nes wei­sungs­ge­bun­de­nen Rechts­amts. Dar­auf baute sich dann die Kon­struk­tion auf, keine Beschlüsse fas­sen zu kön­nen — und am Ende diese ver­wurs­tete Reso­lu­tion (http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2011/fup_11_132/index.html) zu verabschieden.

    Tho­mas, wenn Du Dir die Reso­lu­tion anschaust, heißt der Satz in Gänze: »Sie [die BerlHG-Novelle] ent­hält Ele­mente sowohl der Über­re­gu­lie­rung als auch der Unter­re­gu­lie­rung, die auch durch die Modi­fi­ka­tio­nen der Regie­rungs­ko­ali­tion nicht beho­ben sind.« Schon bei Ver­ab­schie­dung der letz­ten BerlHG-Resolution, der die­ser Satz fast wort­wört­lich ent­lie­hen ist, äußer­ten die Stu­die­ren­den Kri­tik an die­ser For­mu­lie­rung. Es wird näm­lich deut­lich, daß — selbst wenn es so scheint, als wür­den Profs, WiMis, SoMis und Stu­dis mal einig sein und eine nicht trag­bare Geset­zes­no­velle ableh­nen — die Kri­tik aus den ver­schie­de­nen Sta­tus­grup­pen in unter­schied­li­che Rich­tun­gen geht. Was meint die pro­fes­so­rale Mehr­heit damit, wenn sie »Ele­mente sowohl der Über­re­gu­lie­rung als auch der Unter­re­gu­lie­rung« kri­ti­siert? Da geht es um gänz­lich andere Kate­go­rien als uns Stu­die­ren­den wich­tig sind. Da geht es nicht um die böse böse Über­re­gu­lie­rung in Form von ver­pflich­ten­den »Stu­di­en­be­ra­tun­gen«, Zwangs­ex­ma­tri­ku­la­tio­nen, Beschrän­kun­gen der Wahl­frei­heit, Regel­stu­di­en­zeit etc.; da geht es unter ande­rem um Hoch­schul­au­to­no­mie, die je nach poli­ti­scher Ein­stel­lung der Profs blass­rot bis gelb bis dun­kel­schwarz gefärbt ist und an der kon­kre­ten Situa­tion der Stu­die­ren­den wenig bis nichts ver­bes­sern will. Da geht es darum, den Hoch­schu­len mehr »Frei­hei­ten« zu geben — und nicht zu sehen, daß in dem Kor­sett, in dem das Hoch­schul­sys­tem steckt, diese Frei­heit eher eine Hasen­frei­heit in Zei­ten der Jagd ist. (Um’s mal mit Han­nah Arendt zu sagen.)

    Des­we­gen haben sich die Stu­die­ren­den geschlos­sen ent­hal­ten und nicht für diese halb­her­zige — tja, noch nicht mal halb-, son­dern eher vier­tel­her­zige — Resoul­tion gestimmt. Der Reso­lu­ti­ons­ent­wurf von Mathias Bar­telt sah vor, kon­krete Kri­tik an der Novelle zu üben, und nicht nur das eine her­aus­ge­grif­fene Bei­spiel »Hoch­schul­do­zen­ten« anzu­grei­fen. Mit der faden­schei­ni­gen Begrün­dung, man hätte den Reso­lu­ti­ons­text Mathias Bar­telts vor­her nicht zur Kennt­nis neh­men kön­nen (obwohl er von ihm an alle AS-Mitglieder per­sön­lich ver­schickt wurde) und könne nun dar­über nicht abstim­men, wurde die weit­aus schlag­kräf­ti­gere Reso­lu­tion igno­riert und ledig­lich der Anfangs­satz mit Modi­fi­ka­tio­nen über­nom­men. (Was ein wei­te­res Skan­däl­chen ist, wurde doch die For­mu­lie­rung »Der AS appel­liert« sinn­ge­mäß in »Die Mit­glie­der des AS appel­lie­ren« geän­dert. Damit soll unter­stri­chen wer­den, daß es gerade nicht eine AS-Sitzung war, son­dern ledig­lich eine Ver­samm­lung sei­ner Mit­glie­der. Humo­ris­ti­sche Rand­no­tiz: Diese Ände­rung wurde von Alt ver­langt, von den Antragsteller_innen und –Unterstützer_innen jedoch zurück­ge­wie­sen. Als diese dann von Kanz­ler Lange dafür ange­grif­fen wur­den, hier »Form­al­de­bat­ten« füh­ren zu wol­len [»Der Zei­tungs­le­ser erkennt den Unter­schied zwi­schen ›Der AS‹ und ›Die Mit­glie­der des AS‹ doch gar nicht!«], wirkte das unfrei­wil­lig komisch, war es doch der Prä­si­dent selbst, der diese Form­al­de­batte mit sei­nem Vor­pre­schen eröff­net hat.)

    Und so soll das nach Wil­len Alts & Co. jetzt über Monate wei­ter­ge­hen. Die ehe­ma­lige Libe­rale Aktion/Vereinte Mitte-Koalition sieht ihre Felle davon­schwim­men und ver­sucht den Laden nicht ganz zusam­men­kra­chen zu las­sen. Das schafft sie gerade eini­ger­ma­ßen durch die — um dem Vor­wurf der Unter­stel­lung der Rechts­beu­gung durch die Sit­zungs­lei­tung zu ent­ge­hen, sage ich jetzt mal: — akro­ba­ti­sche Aus­le­gung der Geschäfts­ord­nung und eine Ver­schlep­pungs­tak­tik, die ihres­glei­chen sucht. Etwas ande­res war auch nicht zu erwarten.

    Comment von Ronny — 11. Mai 2011, 9:30

  3. Danke, Ronny, für diese sehr infor­ma­tive Ergän­zung des Arti­kels selbst.

    Comment von Thomas E. — 11. Mai 2011, 12:03