Der stumme Regent

Geld ist mehr als nur Mün­zen und Scheine. Es beherrscht unsere Gesell­schaft und hat sich zwi­schen die Men­schen gedrängt. Ein Essay von Mat­thias Bolsinger.

Illus­tra­tion: Hya­c­in­the Rigaud

Die U-Bahn zur Uni rauscht in den Bahn­hof, ich nehme gleich drei Stu­fen auf ein­mal. Meine Eile ist den jun­gen Men­schen in grü­nen Jacken von der Tier­schutz­or­ga­ni­sa­tion völ­lig egal, sie wür­den mich am liebs­ten mit der Har­pune ein­fan­gen, wenn das nicht irgend­wie ihrer fried­li­chen Außen­wir­kung wider­spre­chen würde. Pech, dass ein Mäd­chen in Grün mir irgend­wie den Weg abschnei­den konnte. Ich halte ein Flug­blatt in der Hand, die Bahn fährt ohne mich. Wäh­rend ich ihr mit hal­ber Auf­merk­sam­keit zuhöre, über­kommt mich eine nur allzu bekannte Ahnung: Hier geht es nicht um vom Aus­ster­ben bedrohte Tiere, schon gar nicht um mich. Es geht ums Geld. Es geht immer ums Geld. Warum?

„C.R.E.A.M. – Cash rules ever­y­thing around me“, rapp­ten die Jungs vom Wu-Tang Clan. Ja, „Geld regiert die Welt“, doch auf sub­tile Weise: als Mit­tel zum Zweck für den Men­schen. Denn Geld allein straft nicht, Geld befiehlt nicht, Geld redet nicht ein­mal. Geld ist ein stum­mer Regent. Zeit, genauer zu betrach­ten, wer da das Zep­ter schwingt.

Sind Men­schen unter sich, tau­schen sie. Das war schon in der Stein­zeit so. Wurde einst noch Gegen­stand gegen Gegen­stand getauscht, ver­mit­telt heute eine Geld­ware das Geschäft. In der frü­hen Bron­ze­zeit wur­den ring­för­mige Kup­fer­bar­ren gehan­delt, noch vor Christi Geburt ver­wen­de­ten die Kel­ten schwere, vier­kan­tige Eisen­bar­ren. Bis zum Mit­tel­al­ter hat­ten sich dann nahezu auf dem gan­zen euro­päi­schen Kon­ti­nent Münz­sys­teme ent­wi­ckelt. Den jewei­li­gen Mate­ria­lien, wie Gold, Sil­ber oder Bronze, kam in ihrer Eigen­schaft als Geld zudem ein stoff­li­cher Wert zu. Heute besitzt das Geld einen vom Staat garan­tier­ten, aber fik­ti­ven Wert als eine Ware, auf die sich alle ande­ren Waren bezie­hen kön­nen und die sich mit allen tau­schen lässt.

Dass eine sol­che Geld­ware struk­tu­rell not­wen­dig ist, zeigt sich auch in Zei­ten, in denen das Geld sei­nen Wert ver­liert: bei­spiels­weise im Deutsch­land der Nach­kriegs­zeit, als ein reger Han­del mit Ziga­ret­ten, Schnaps und sogar Nylon­strümp­fen auf­kam. Der Nach­teil: sol­che Waren sind endlich.

So wie Äpfel, Bier oder Milch kön­nen sie ver­der­ben und wert­los wer­den. Geld kon­ser­viert. Diese Fähig­keit, Wert in einer ewi­gen Form zu bewah­ren, erkannte schon John Locke. Dass sich letzt­end­lich die edlen Metalle als Geld­wa­ren durch­setz­ten, hatte prag­ma­ti­sche Gründe: Nur wenige Waren erwie­sen sich als so exakt teil­bar, homo­gen und widerstandsfähig.

Mit der auf­kom­men­den indus­tri­el­len Revo­lu­tion und dem Sie­ges­zug der kapi­ta­lis­ti­schen Markt­wirt­schaft wurde das Geld end­gül­tig sys­tem­re­le­vant: Es ver­mit­telt den Aus­tausch von Gütern in einer umfas­send zur Ware gewor­de­nen Welt und hält, gleich dem Blut, den öko­no­mi­schen Kreis­lauf am Leben. Die Volks­wirt­schafts­lehre sieht die Funk­tion des Gel­des in der eines Tausch­mit­tels, einer Rechen­ein­heit und eines Wert­auf­be­wah­rungs­mit­tels. „Money is, what money does“, sagte Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ger John R. Hicks; eine rein funk­tio­nale Defi­ni­tion. Dem­nach ist Geld eben das, was als Geld funk­tio­niert, ein Ding, ebenso nütz­lich wie banal, wie das Schmieröl für die Fahrradkette.

Doch diese Defi­ni­tion wird dem Geld bei Wei­tem nicht gerecht. Ein Ber­li­ner U-Bahnhof am Mit­tag: Ein Mäd­chen bie­tet einem bet­teln­den Obdach­lo­sen freund­lich die Hälfte ihres Böreks an. Das war ein Feh­ler. Gekränkt brüllt der Mann: „Bin ich etwa dein Hund!?“. Was ist die obskure Qua­li­tät des Gel­des, die ein paar Cent in der Hand wert­vol­ler machen als Nah­rung, die uns im Gegen­satz zu Kup­fer­mün­zen wirk­lich am Leben erhält?

Fjo­dor Dos­t­o­jew­ski bringt es in »Auf­zeich­nun­gen aus einem Toten­haus« auf den Punkt. Geld, so Dos­t­o­jew­ski, sei „geprägte Frei­heit“. Es ist kein blo­ßes Mit­tel zur Befrie­di­gung von Bedürf­nis­sen. Mit ihren hart erar­bei­te­ten Mün­zen und Schei­nen zieht die Mensch­heit los, um alle Steine aus dem Weg zu kau­fen: Geld als Schran­ken­öff­ner zur Selbst­ver­wirk­li­chung. Was Frei­heit bringt, kann doch nicht scha­den! Doch diese Frei­heit ist nur weni­gen ver­gönnt und ver­blen­det dar­über hin­aus alle, die ihre Ver­wirk­li­chung darin sehen, mög­lichst viel davon anzu­häu­fen. „Gold ist ein wun­der­ba­res Ding! Wer das­selbe besitzt, ist Herr von allem, was er wünscht“ schrieb Kolum­bus aus Jamaika und war sich sicher, es könne sogar See­len ins Para­dies brin­gen. Gold, eine damals popu­läre Geld­ware, ließ durch sei­nen Glanz und seine uni­ver­selle Gül­tig­keit im Men­schen der west­li­chen Welt die Illu­sion auf­kei­men, Geld­wa­ren käme ihr Wert­sein per se zu – ein fol­gen­schwe­rer Irr­tum. Geld wurde zum Göt­zen und zum stum­men Regen­ten der Welt.

Obwohl der Regent still auf sei­nem Thron sitzt, ist seine Bot­schaft deut­lich: „Ver­gleicht euch!“ Und so gibt es in unse­rem unüber­schau­ba­ren Waren-Universum nichts mehr, das sich nicht mit­tels Geld ver­glei­chen ließe: eine Arbeits­stunde mit einer Auto­wä­sche, aber auch ein Menü beim Fast-Food-Restaurant mit einer Pfle­ge­stunde für eine demente, alte Dame. Ab Januar ist das Exis­tenz­mi­ni­mum in Deutsch­land mit 374 Euro bemes­sen – etwas mehr als die Hälfte des Neu­werts eines Smartphones.

Der Besitz an Geld ist nicht nur das Maß an Frei­heit, das ich mir erkau­fen kann; mein Besitz an Geld bin schlecht­hin ich. Ich muss kein hung­ri­ger Mensch sein, kein häss­li­cher Mensch, kein smart­pho­ne­lo­ser Ewig­gest­ri­ger. Geld ver­mit­telt mir mein Leben. „Was mir aber mein Leben ver­mit­telt, das ver­mit­telt mir auch das Dasein der and­ren Men­schen für mich. Das ist für mich der andre Mensch“, schrieb Marx in sei­nen „Ökonomisch-philosophischen Manu­skrip­ten“. Marx zeigt auf, dass Geld vor allem zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen fun­da­men­tal beein­flusst. Der Andere ist, was er besitzt. Die zwi­schen­mensch­li­che Welt wird eine kalte Sphäre des ding­li­chen Verfügens.

Der deut­sche Phi­lo­soph und Sozio­loge Georg Sim­mel ver­an­schau­licht die­sen Wan­del in sei­ner „Phi­lo­so­phie des Gel­des“: Für ihn spie­gelt die Pro­sti­tu­tion wie kein ande­res Gewerbe das Wesen der Geld­wirt­schaft. Der intimste Moment werde zum unper­sön­li­chen Mit­tel der Aneig­nung. Nicht Liebe, son­dern Geld ver­mittle in einer „jede Her­zens­be­zie­hung aus­schlie­ßen­den Sach­lich­keit“ die mensch­li­che Inter­ak­tion. Die Frau als Per­son inter­es­siert nicht.

Weil das Geld sich in der Moderne zwi­schen Mensch und Mensch gedrängt hat, ver­lie­ren alle ein Stück Per­sön­lich­keit: Frü­her begrüßte Tante Emma noch alle ihre Kun­den mit Namen, heute regiert die Unper­sön­lich­keit piep­sen­der Scan­ner. Das Mäd­chen von der Tier­schutz­or­ga­ni­sa­tion inter­es­siert sich für mich nicht als Per­son, son­dern als abs­trak­ten Trä­ger von Geld.

Auch die Uni­ver­si­tät kann der moder­nen Gel­d­ra­tio­na­li­tät nicht ent­flie­hen. Es ist der Man­gel an finan­zi­el­len Mit­teln, der zur Begrün­dung von immer mehr Strei­chun­gen im Lehr­be­reich her­an­ge­zo­gen wird. Und nicht nur das „Wie“ der Lehre, son­dern auch ihr „Was“ ist längst eine Funk­tion des Gel­des. Eine For­schung, die nicht geld­wert ist, schei­tert. Die Deut­sche Bank hatte bis Juni die­sen Jah­res zwei Finanz­pro­fes­su­ren an Tech­ni­scher und Humboldt-Universität gespon­sert, 600 bis 1000 ähn­li­che wei­tere fir­men­fi­nan­zier­ter “Stif­tungs­pro­fes­su­ren” soll es bun­des­weit geben: Erkennt­nis geschieht längst im Inter­esse des Gel­des. Wah­res Fort­schritts­in­ter­esse im Sinne der Mensch­heit muss hin­ten anstehen.

Geld ist vom Tausch­mit­tel zum Fetisch unse­rer Gesell­schaft gewor­den. Ding­li­che Ver­fü­gung ersetzt Kom­mu­ni­ka­tion, Empa­thie weicht der Unper­sön­lich­keit. Die Situa­tion ist aber kei­nes­wegs aus­sichts­los. Eine Gesell­schaft ohne Geld wird es in abseh­ba­rer Zeit nicht geben, dafür ist es schlicht­weg zu nütz­lich. Doch es muss nicht auch noch unsere Lebens­welt domi­nie­ren. Ein­mal die Dame an der Mens­a­kasse anlä­cheln, dem gestresst her­bei­ge­eil­ten Hand­wer­ker einen Kaf­fee machen, dem „Motz“-Verkäufer mehr geben als nur Mün­zen: Es gibt Wege, den Moment des Kon­takts zu einem Mit­men­schen, den das Geld so unper­sön­lich gemacht hat, wie­der herz­lich zu machen. Geld ist das geeig­nete Mit­tel für eine Tausch­wirt­schaft. Für ein Zusam­men­le­ben, das blei­bende Spu­ren von Mensch­lich­keit hin­ter­las­sen soll, ist es das nicht. Der stumme Regent sitzt nur so lange auf dem Thron, wie man ihm den Hof macht.

16. Dezember 2011, FURIOS 07, Heft, Titelthema: Geld

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