In der Parallelwelt | FURIOS Online
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In der Parallelwelt

Escort-Service gilt als exklusivste Dienstleistung des Horizontalgewerbes. Schnelles Geld und Glamourfaktor machen ihn auch für Berliner Studierende zum lukrativen Nebenjob. Hendrik Pauli hat eine von ihnen getroffen.

Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Ihr Urteil fällt nicht gerade schmeichelhaft aus: „Realitätsferne Weltverbesserer“, so nennt sie ihre ehemaligen Kommilitonen. Die junge Frau trinkt einen Schluck Apfelschorle und schiebt das Glas zur Seite. Sie ist gerade dabei, ihr altes Leben abzuräumen und Platz zu schaffen für ein neues. Seit kurzem hat sie ihren Master in der Tasche. Die letzten fünf Jahre lang ist Carmen – so nennt sie sich – zwischen Uniwelt und einer glamourösen Schattenwelt gependelt. Ihre Kommilitonen kennen die Schattenwelt nicht; sie kennen die Realität nicht – nicht die ganze.

Carmen ist Absolventin des Otto-Suhr-Instituts, angehende Journalistin und seit kurzem Escortdame im  Ruhestand. Gegen Geld bot sie Männern, die es sich leisten wollten, ihre Gesellschaft an – und dem, der es mochte, auch Sex. „Die Herren“ nennt sie diese Männer. Der Branchenjargon kommt ihr noch leicht über die Lippen. Ihren letzten Kunden hatte sie vor einer Woche.

Nun sitzt die zierliche 25-jährige mit den leicht verwuschelten, dunkelbraunen Haaren in einem Charlottenburger Lokal und erzählt einem Unimagazin ihre Geschichte. Halb aus Neugier, halb aus Langeweile. Noch vier Tage, dann geht ihr Flieger nach Katar. Das Golfemirat ist ihre neue Heimat. Dort wird sie in einer Redaktion arbeiten. Berlin ist abgehakt. Gerade ist sie dabei, ihre Wohnung zu renovieren. Ein paar getrocknete Farbkleckse kleben an ihren Fingernägeln. Nichts stört sie in diesem Moment weniger.

Jahrelang war ihr Leben eine perfekte Inszenierung. Nie ging es dabei nur um eine sexuelle Dienstleistung. „Eine Vertraute auf Zeit, die ihre kleinen Geheimnisse teilt, das wollten die Männer. Dafür haben sie gezahlt.“ Es  gefällt ihr, mit ein paar Mythen über das Gewerbe aufzuräumen. „80 Prozent des Jobs besteht aus Party machen.“ In München, wo sie anfangs studierte, stürzte sie sich ins Nachtleben. Sie feierte im P1, dem Treffpunkt der Münchner Nachwuchs-Schickeria, arbeitete dort auch eine Zeitlang an der Bar. Irgendwann reichte das nicht mehr für das Leben, das ihr vorschwebte. „Zu viel Arbeit, zu wenig Geld, zu wenig Zeit für mich.“ Eine Freundin, die schon als Escortdame arbeitete, erzählte ihr von dem etwas anderen Studentenjob.

Ein halbes Jahr rang sie mit sich und ihren moralischen Bedenken. „Beim ersten Kunden war ich unglaublich nervös. Aber ich hatte eine gute Mentorin. Die ließ mich erst mal nur zuschauen.“ Anfangs arbeitete Carmen ausschließlich als Party-Begleitung. Das ließen sich die Kunden schon mal zehntausend Euro pro Woche kosten. Dafür musste ihr Auftritt perfekt sein. „Die Agentur hat ständig auf Aussehen und Gewicht geachtet, die Haarfarbe bestimmt, wir mussten immer verfügbar sein.“ In den Sommermonaten war die Nachfrage am größten. Während dieser Zeit war sie bis auf wenige Wochen immer unterwegs: „Am Mittelmeer, in irgendwelchen Villen, auf Yachten.“ Die meiste Zeit davon im Party-Modus. „Die Leistung bestand darin, nicht betrunken zu werden und die Kontrolle über sich zu bewahren.“ Sie begleitete ihre Kunden zu Formel-1-Rennen nach Dubai und in die Glitzertempel von Las Vegas. Nach einer wilden Nacht ließ sie sich dort ein bleibendes Andenken auf den Arm tätowieren. Von drei Monaten bezahltem Jetsetten konnte sie sich dann den Rest des Jahres ein Leben leisten, von dem ein Großteil ihrer Kommilitonen selbst nach dem Studienabschluss nur träumen kann.

Tatsächlich sind viele angehende Akademikerinnen – auch Akademiker – offen dafür, ihren Lebensunterhalt durch erotische Dienstleistungen zu finanzieren. Das fand das Studienkolleg zu Berlin jüngst ineiner Umfrage unter Berliner Studierenden heraus. Jeder Dritte kann sich demnach vorstellen, Sexarbeit wie Strippen, Escortservice oder Prostitution nachzugehen. Viele würden es aus wirtschaftlicher Not tun. Mehr als 30 Prozent sind verschuldet, etwa die Hälfte bekommt keine Unterstützung von Zuhause. Und es gibt die, die mit ihrem vorhandenen Einkommen bescheiden, aber auskömmlich leben könnten, die jedoch angezogen werden von der Mischung aus schnellem Geld und sexuellem Abenteuer.

Der Preis dafür ist ein Leben in einer Parallelwelt. Escortdamen sind Einzelgängerinnen. Auch Carmen beschränkte ihre sozialen Kontakte auf das Nötigste: „An der Uni hat man vielleicht eine gute Freundin, die eingeweiht ist. Meine Schwester wusste es, ansonsten nur eine Handvoll enge Freunde.“ Hochschulpolitik, Bildungsstreik, Umbau der OSI-Lehre: Dass sie, die examinierte Politologin, davon kaum Notiz genommen hat, empfindet sie nicht als Makel. „Man ist nur auf sich fixiert, ständig damit beschäftigt, seine Termine zu koordinieren.“ Das Risiko, sich zu verplappern oder erkannt zu werden, war allgegenwärtig. Schließlich fanden auch die scheinbar spröden Akademiker den Weg zu ihr. Sie lächelt süffisant: „Mehr als man vermutet.“ Einmal musste sie ein Treffen absagen, als sich herausstellte, dass einer ihrer Dozenten sie gebucht hatte.

All das liegt nun hinter ihr. Nun kann sie ihre Geschichte erzählen. Man merkt, wie viel Freude ihr das bereitet. Sie erzählt von dem bekannten Berliner Sänger und Schauspieler, der sich mit einem absurden Pseudonym vorstellte. Oder von dem Spitzenpolitiker, der sich erst an seinem letzten Fernsehauftritt ergötzen musste, bevor er sich ihr zuwenden konnte. Überhaupt die Politiker: Viele von ihnen sind treue Escort-Kunden. „Vor allem die, die man als Moralapostel kennt.“ Ab und zu muss sie sich beim Erzählen auf die Zunge beißen. Namen sind tabu. Berufsethos, auch im Ruhestand. Nur einmal hat sie das Gebot der Verschwiegenheit gebrochen, als ein Kunde, ein Adeliger aus Süddeutschland, während eines Treffens einen Kinderporno laufen ließ. In Absprache mit ihrer Agentur hat sie den Mann angezeigt. Dieses Erlebnis hätte sie zwischenzeitlich an dem Job zweifeln lassen, sagt sie.

Ansonsten wurde es ihr höchstens mal unangenehm, wenn Kunden gleich ein Dutzend Frauen bestellten und Spalier stehen ließen. „Wir kamen uns vor wie die Hühner auf der Stange.“ Ein paar wurden ausgewählt, der Rest konnte wieder gehen. Sie durfte immer bleiben. Den Grund für ihren Erfolg beschreibt sie so: „Viele Mädels gehen während dem Sex gedanklich ihre Erledigungen durch. Ich habe mich immer ganz auf die Situation eingelassen.“ Das Geschäft war in diesen Momenten Nebensache. „Ich wollte ja auch meinen Spaß.“ Das wirklich Intime waren die Gespräche. „Anstrengend. Vor allem wenn die Herren einen über den Durst getrunken hatten.“ Dann musste sie Ehefrau, Therapeutin und bester Kumpel gleichzeitig sein. „Viele Menschen stecken in kuriosen Situationen. Manchmal fühlte ich mich schon überfordert.“

Was ihr der Job unterm Strich finanziell gebracht hat, kann sie nur schätzen: „Umgerechnet bestimmt ein kleines Eigenheim.“ Einiges davon hat sie investiert, um ihren Horizont zu erweitern, in Reisen, in Sprachkurse. Natürlich sei sie menschlich unglaublich gereift, sagt sie. Mit Männern sei sie nachsichtiger geworden. „In jedem Mann steckt ein Freier.“ Und: „Männer ändern sich nicht Frauen zuliebe.“ Die Erkenntnis ist eine Sache, die Praxis eine andere. Mit einer eigenen Beziehung hat es während der ganzen Zeit nur einmal klappt: „Aus einem Kundentermin hat sich mal was Ernstes entwickelt.“ Nach einem Jahr war Schluss. Zwischen Schattenwelt und Uni war kein Platz für Liebe.

In Katar erwartet Carmen nun ein neues Leben. „Erst mal für fünf Jahre, danach mal schauen. Ich bin nicht gerne sesshaft.“ Sie will sich möglichst viel offenhalten, beruflich und privat: „Ich bleibe wild.“ Nur die Illusion von Intimität will sie nicht mehr verkaufen.

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