Keiner sieht mich

Eltern, BAföG, Arbeit: Es ist nicht viel, aber ein biss­chen Geld haben Stu­den­ten eigent­lich immer. Wie es ist, über­haupt kein Geld zu haben, wollte Julian Niklas Pohl her­aus­fin­den. Er ver­suchte, in Ber­lin zu bet­teln. Ein Erfahrungsbericht.

Foto von Jan Gierkes

Es ist neun Uhr mor­gens und die Bier­aus­wahl eines Super­markts am Nol­len­dorf­platz lacht mich an. Ich rede mir ein, der Erwerb von zwei war­men Fla­schen Oet­tin­ger zum jet­zi­gen Zeit­punkt würde mir in mei­ner Rolle zusätz­li­che Authen­ti­zi­tät ver­lei­hen – dass sie zu mei­nen mit Oli­venöl gefet­te­ten Haa­ren und den schwar­zen Rän­dern unter mei­nen Fin­ger­nä­geln pas­sen. Doch eigent­lich geht es um etwas ganz ande­res: Ich möchte mir in die­sem Moment gerne Mut antrinken.

Minu­ten spä­ter stehe ich mit vier Exem­pla­ren des Stra­ßen­ma­ga­zins Motz unter dem Arm am U-Bahnsteig und warte auf die U12 Rich­tung War­schauer Straße. Die war­men Biere sind im Regal geblie­ben, ich will meine Angst hin­un­ter­schlu­cken und es ohne Alko­hol ver­su­chen. Meine Zei­tun­gen habe ich aus einem klei­nen Cam­ping­an­hän­ger für 40 Cent das Stück erstan­den. Jeder kann dort vom gemein­nüt­zi­gen Ver­ein Motz & Co e.V. ver­güns­tigte Zei­tun­gen kau­fen, um sie dann wei­ter­zu­ver­kau­fen. Das Ver­triebs­kon­zept sieht pro Exem­plar einen Ver­dienst von 80 Cent für den Ver­käu­fer vor.

Die Bahn kommt. Ich steige ein. Der Schritt kommt mir rie­sig vor. Die Türen schlie­ßen sich, die Bahn fährt an: Bühne frei. Nie in mei­nem Leben habe ich mich stär­ker über­win­den müs­sen, etwas zu sagen. Ein aus­wen­dig gelern­ter Text, aus vor­he­ri­gen Begeg­nun­gen mit Motz-Verkäufern zusam­men­ge­klaut: „Guten Tag meine Damen und Her­ren, ent­schul­di­gen Sie die Stö­rung. Ich weiß, Sie haben es bestimmt heute schon einige Male gehört, aber ich ver­kaufe die Motz. Ich bin bedürf­tig und mit einer klei­nen Spende oder dem Kauf der Motz hel­fen Sie mir wei­ter.“ So spre­che ich in den gut gefüll­ten Wagen hin­ein, ohne jedoch wirk­lich einen Adres­sa­ten zu haben. Die Ver­käu­fer der Obdach­lo­sen­zei­tun­gen kom­mu­ni­zie­ren Pri­va­tes mit Frem­den in einem Raum, der für alle ande­ren eine Zone des Nicht-Kommunizierens zu sein scheint.

Obwohl ich nur schau­spie­lere, schäme ich mich. In jedem Abteil begeg­nen mir nur betre­tene Bli­cke. Man ver­sucht, mich weg­zu­schwei­gen. Ich habe mich in einen Men­schen ver­wan­delt, des­sen Anwe­sen­heit rei­nes Unwohl­sein her­vor­ruft. Meine Zei­tung kauft nie­mand und die rar gesä­ten Momente des Mit­leids in Form von Klein­geld wer­den zur Wohl­tat für mich. Ich freue mich über kleine Spen­den so, als sei  ich wirk­lich von ihnen abhän­gig. Bereits im ers­ten Zug ernte ich sogar ein Lächeln von einer Frau mit Kin­der­wa­gen, sie gibt 30 Cent.

Die U12 ist wenig ertrag­reich, ich steige am Kott­bus­ser Tor in  die U8 um. Ein Phä­no­men tritt in allen Linien auf, in denen ich ver­su­che, die Motz zu ver­kau­fen: Wenn einer im Wagen etwas gibt, geben viele; wenn ich in der ers­ten Hälfte des Wagens nichts bekomme, steige ich auch mit lee­ren Hän­den aus. Exis­tiert ein Wohl­tä­tig­keits­grup­pen­druck? Oder kann sich der Mensch erst zu einer Spende an einen Obdach­lo­sen über­win­den, wenn ihm vor­ge­macht wurde, dass es doch nicht so schwer ist? Viel­leicht brau­chen die Nach­züg­ler die Gewiss­heit, dass eine Spende nicht als Gesprächs­auf­for­de­rung miss­ver­stan­den wird, dass nicht doch in irgend­ei­ner Form auf meine im Raum schwe­ben­den Fra­gen ein­ge­gan­gen wer­den muss? Kau­fen wir uns frei mit 30 Cent?

Alex­an­der­platz. Seit einer Stunde starre ich auf den Cola-Becher, den ich heute mor­gen bei McDonald’s geklaut habe. Die paar Cent in dem Becher trü­gen, ich habe noch nichts ein­ge­nom­men. Sie sol­len einen Anreiz schaf­fen, etwas zule­gen. Eine weiße Wand wird nicht beschmiert, bis sich der erste Schrift­zug auf ihr fin­det. Ich sitze am Fuß einer Treppe, die von den S-Bahngleisen zu den U-Bahnlinien führt und zähle die Per­so­nen, die Minute für Minute an mir vor­über­zie­hen. Und kei­ner sieht mich.

Ich erhebe mich, ver­staue den Becher in den Tie­fen mei­ner Jacke und fahre zum Bran­den­bur­ger Tor. Die Momente, in denen ich nicht aktiv bettle, nehme ich als Befrei­ung war – zwar bin ich immer noch unge­wa­schen und schlecht ange­zo­gen, doch habe ich das Gefühl, eine durch­sich­tige Schranke zu pas­sie­ren, die es mir erlaubt, für eine kurze Zeit wie­der in der Masse unter­zu­ge­hen. Der Moment, in dem ich mich dann wie­der zum Bet­teln hin­setze, ist wie das erste Wort in jedem neuen Bahn­wa­gon: mit der Last mit­lei­di­ger, urtei­len­der und betre­te­ner Bli­cke bela­den. Ich sitze zwi­schen den Säu­len des Bran­den­bur­ger Tors und frage mich, ob ein ech­ter Bett­ler diese Last in dem Moment, in dem er sei­nen Becher vor sich hin­stellt, je ablegt; ob sie leich­ter wird oder ihn immer wei­ter in die Knie zwingt. Bin­nen zwei Minu­ten werde ich von einem Sicher­heits­mit­ar­bei­ter ver­jagt. Bet­teln sei hier nicht gestat­tet, sagt er mir freundlich.

U Hei­del­ber­ger Platz. Stu­den­ten­um­schla­gort. Ich bin hier, um der her­an­wach­sen­den Aka­de­mi­ker­schaft auf den Zahn zu füh­len: Wie soli­da­risch zei­gen sich die Stu­den­ten mit einem jugend­li­chen Bett­ler? Doch für Soli­da­ri­tät scheint auf dem Nach­hau­se­weg keine Zeit mehr zu sein und so lan­den in den drei Stun­den am Hei­del­ber­ger  Platz nur 40 Cent in mei­nem Becher. Das ein­zige Geld kommt von einem Mann, der mich fast lie­be­voll fragt: „Und? Warum musst du hier sein?“ Meine Ant­wort hört er dann doch nicht mehr, denn die U-Bahn kommt und der Mann eilt fort. Dann irgend­wann, ich habe auf­ge­hört die Bah­nen zu zäh­len, steigt aus der U3 ein Pär­chen mit Schä­fer­hund aus. Sie, tiefe Fur­chen im Gesicht und auf ihn gestützt, ruft mir schon von Wei­tem zu: „Hey du! Pen­ner! Wo ist hier’n Dea­ler!“ Der Pen­ner: „Keine Ahnung, ich bin hier sonst nie.“ Sie wankt. Ein rich­ti­ges Gespräch endet.

Mit jeder Minute, die ich län­ger bettle, schaue ich den Men­schen weni­ger ins Gesicht. Sie sehen mir nicht in die Augen, warum sollte ich ihnen in die Augen sehen? Men­schen wer­den zu Fuß– und Bein­paa­ren, die an mir vor­über­zie­hen – und ich beginne, sie hüft­ab­wärts in Kate­go­rien ein­zu­tei­len: Warum sollte ich mir bei die­ser Horde Kin­der­beine Hoff­nun­gen machen? Schü­ler geben nie etwas. Das nächste Paar Schuhe sieht teuer aus. Zu teuer. End­lich blei­ben ein paar Beine ste­hen und ein Kof­fer wird vor mir abge­stellt. Noch bevor ich den Kopf heben kann, wird mir ein Zet­tel vors Gesicht gehal­ten. Es ste­hen Ter­mine drauf. „Ich darf jetzt hier spie­len!“, stellt der Mann fest. Es ist der Akkor­de­on­spie­ler vom Hei­del­ber­ger Platz. Er will mir mei­nen Platz strei­tig machen und hat allem Anschein nach die Behör­den auf sei­ner Seite. Still ziehe ich von dannen.

Am Ende die­ses Tages habe ich meine Aus­ga­ben bei­nahe gedeckt, aber keine ein­zige Zei­tung ver­kauft. Auf mei­ner letz­ten Tour erlebe ich dann doch noch einen Moment nor­ma­len zwi­schen­mensch­li­chen Umgangs. Ich bin auf dem Nach­hau­se­weg in der Ring­bahn und auf meine Frage hin, ob jemand die Motz kau­fen will, blickt ein Mäd­chen auf, sie ist viel­leicht 16. Sie sieht mir direkt ins Gesicht und sagt ganz ein­fach: „Nein.“

7. Januar 2012, FURIOS 07, Heft, Titelthema: Geld

1 Kommentar

  1. ein tol­ler arti­kel, hat mir super­gut gefal­len! mehr davon!

    Comment von hanna — 11. Januar 2012, 18:39