Heftbonus: Denn wir wissen nicht, was sie tun

Die Euro­krise beherrscht den Kon­ti­nent. Alle reden mit, doch das Thema ist zu kom­plex, um ein­fa­che Lösun­gen zu pro­du­zie­ren. Wel­che Ant­wor­ten fin­den Ber­li­ner Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler? Von Vero­nika Völlinger

Gra­fik: Cora-Mae Gregorschewski

Frosch­per­spek­tive“ – so nennt der bri­ti­sche Schrift­stel­ler John Lan­ches­ter den Blick­win­kel, aus dem die meis­ten Men­schen die Euro­krise betrach­ten. Der nor­male Bür­ger macht große Augen, quakt laut mit, aber wenn es brenz­lig wird, hüpft er mit schnel­len Sprün­gen davon und taucht unter.

Von einer Berufs­gruppe aber erwar­ten Bür­ger und Poli­ti­ker, dass sie nicht unter­tau­chen, son­dern Erklä­run­gen lie­fern: die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler. Wo lie­gen die Ursa­chen der Krise? Wer hat wel­che Feh­ler began­gen? Und wie geht es womög­lich wei­ter? Wer diese Fra­gen am Fach­be­reich Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten auf­wirft, erhält sehr unter­schied­li­che Ant­wor­ten – oder bis­wei­len gar keine.

Der Erste, der sich den Fra­gen stellt, ist Ste­fan Dorst. Der 24-Jährige hat eine Aus­bil­dung zum Bank­kauf­mann abge­schlos­sen und stu­diert jetzt im ers­ten Semes­ter Volks­wirt­schafts­lehre (VWL) an der Hum­boldt Uni­ver­si­tät. Für ihn ist klar: „Es wurde nie ein Fall bedacht wie heute: Wenn ein Mit­glieds­staat der­art wankt, dass er von den ande­ren so stark unter­stützt wer­den muss, wie es augen­blick­lich bei Grie­chen­land der Fall ist. Aus dem Grund wis­sen jetzt auch die Poli­ti­ker gar nicht: Was sol­len wir jetzt eigent­lich machen?“

Euro­ret­tung als poli­ti­sche Mission

Kri­tik am Gebär­den der Poli­ti­ker äußert auch Prof. Dr. Vik­tor Stei­ner, Pro­fes­sor für Volks­wirt­schafts­lehre an der FU. Er glaubt, dass eine Pleite Grie­chen­lands zu Beginn der Euro­krise wesent­lich bes­ser zu ver­kraf­ten gewe­sen wäre. Aber dann habe man die Mis­sion Euro­ret­tung aus­ge­ru­fen – wohl auch aus poli­ti­schem Kal­kül, man wollte nicht sagen, dass man schon wie­der die Ban­ken ret­ten müsse. „Sei­tens der Poli­tik wurde immer ver­zwei­fel­ter das Schlimmste an die Wand gemalt“, resü­miert Stei­ner. Mit der Folge, dass die Bevöl­ke­rung nun stark ver­un­si­chert sei.

Auch andere Ber­li­ner Stu­den­ten beob­ach­ten diese Ver­un­si­che­rung: Hen­rike Brandt stu­diert BWL an der FU im fünf­ten Semes­ter. Die 30-Jährige fin­det die Bericht­er­stat­tung schlicht „undurch­sich­tig“ und ver­misst die Dar­stel­lung von Zusam­men­hän­gen: „Man weiß schon wie­der gar nicht mehr: Was war denn eigent­lich vor sechs Mona­ten und was hat den gan­zen Stein ins Rol­len gebracht?“

Den Start der Schul­den­mi­sere betrach­tet Pro­fes­sor Stei­ner sehr dif­fe­ren­ziert. „All diese Län­der haben andere Pro­bleme“, betont er. Grie­chen­land stehe tat­säch­lich vor der Staats­pleite, Ita­lien schnür­ten die stei­gen­den Zin­sen den Hals zu und in Spa­nien habe sich der pri­vate Sek­tor durch Plat­zen der Immo­bi­li­en­blase hoch ver­schul­det. „Diese Län­der haben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, im Prin­zip seit dem Bei­tritt zur Wäh­rungs­union, dras­tisch an Wett­be­werbs­fä­hig­keit ver­lo­ren“, erklärt Stei­ner. Mit dem Bei­tritt zur Euro­zone san­ken die Zin­sen erst ein­mal und die Län­der konn­ten sich im Aus­land bil­lig ver­schul­den. Die stei­gende Ver­schul­dung rief dann die Rating-Agenturen auf den Plan – der Rest ist bekannt.

Auf den glei­chen Zug springt Stu­dent Ste­fan Dorst: „Die ganze Geschichte mit der Wäh­rungs­union ist ein­fach zu früh ein­ge­führt und nicht zu Ende gedacht wor­den“ Das habe den Domi­no­ef­fekt der kri­seln­den Staa­ten inner­halb Euro­pas erst mög­lich gemacht.

Das Ver­mächt­nis der Krise

Für Stu­den­tin Hen­rike Brandt hat die­ser Domi­no­ef­fekt Deutsch­land noch nicht erreicht: „Wenn man sich das Leben in Deutsch­land anguckt, hat man in vie­len Punk­ten nicht das Gefühl, dass da eine Krise ist: Es sind Arbeits­plätze vor­han­den, die Leute gehen ein­kau­fen – Das sieht man ja sel­ber am Wochen­ende, wenn man da auf die Straße geht“.

Deutsch­land hat es also ver­gleichs­weise solide durch die Schul­den­krise geschafft. Pro­fes­sor Stei­ner erklärt, wie sich die Zukunft lang­fris­tig ent­wi­ckeln könnte: Die Bun­des­re­pu­blik leide unter einer „ohne­hin sehr hohen soge­nann­ten impli­zi­ten Staats­ver­schul­dung“. Das sind Belas­tun­gen für die zukünf­ti­gen Gene­ra­tio­nen, die der deut­sche Sozi­al­staat pro­du­ziert. Die zusätz­li­chen Belas­tun­gen im Zusam­men­hang mit der Euro­krise müs­sen noch dazu gerech­net werden.

Trotz­dem blickt der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler „nicht ganz so dus­ter“ in die Zukunft. Deutsch­land habe eine höhere Wett­be­werbs­fä­hig­keit als Grie­chen­land, Spa­nien oder Ita­lien. „Wenn wir über eine län­gere Frist nor­ma­les Wirt­schafts­wachs­tum haben, dann hat sich das Ein­kom­men auch real ver­dop­pelt und man kann mög­li­cher­weise eine höhere Belas­tung aushalten“.

Wie aber kom­men wir dahin? Haben die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler ein Lösungs­re­zept? Ste­fan plä­diert für stär­kere Regu­lie­run­gen des Finanz­sys­tems. Für Pro­fes­sor Stei­ner war Schul­den­schnitt in Grie­chen­land unaus­weich­lich. Und Hen­rike gibt ehr­lich zu: „Einen kom­pe­ten­ten Lösungs­vor­schlag habe ich wirk­lich nicht“. Ste­fan sagt: „Wenn es die rich­tige Mei­nung gäbe, dann könnte jemand vor­tre­ten, ein schlüs­si­ges Kon­zept vor­le­gen und dann könnte man das so been­den. Aber das hat bis jetzt noch nie­mand getan“.

8. Januar 2012, FURIOS 07, Titelthema: Geld

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