Nächste Station: Gruppenkuscheln

Der Warn­streik bei der BVG am Sams­tag dau­erte 15 Stun­den – betrof­fen waren auch die rund 30 000 Stu­den­ten an der FU. Nicht zuletzt dank Beginn der Semes­ter­fe­rien blieb das erwar­tete Chaos jedoch aus. Die Fahr­gäste ver­hiel­ten sich erstaun­lich ruhig. Von Eliese Ber­res­heim

15 Stun­den Streik — das klang wie eine Dro­hung. „Mit Bedau­ern“ teilte die BVG auf ihrer Web­seite am Sams­tag, den 18. Februar, mit, dass die Gewerk­schaft Verdi den gesam­ten Ber­li­ner Bus-, U– und Stra­ßen­bahn­ver­kehr zwi­schen 4 Uhr und 19 Uhr bestrei­ken würde. Der Grund: 2,3 Pro­zent Lohn­er­hö­hung wur­den von Arbeit­neh­mer­seite für 2012 und 2013 gefor­dert. Doch der kom­mu­nale Arbeit­ge­ber­ver­band will die­ser For­de­rung nur für 2012 nach­ge­hen. Und so pro­phe­zei­ten die Tages­zei­tun­gen bereits Tage zuvor das Armageddon.

Doch das erwar­tete Chaos hielt sich – erstaun­li­cher­weise – in Gren­zen. Wer klug war (oder FU-Student oder sogar bei­des) blieb an die­sem Sams­tag zu Hause. Durch den Aus­fall der U3 und sämt­li­cher Bus­li­nien war die Uni­ver­si­tät quasi von der Außen­welt abge­schnit­ten. Aus einer sonst halb­stün­dige Anfahrt konnte leicht eine fast zwei­stün­dige Pil­ger­reise zu Fuß und mit S-Bahnen werde.

Doch selbst wer nicht ein­fach blau fei­ern oder den Schreib­tisch wech­seln konnte, son­dern sich als Berlinale-Besucher oder treuer Hertha-Fan den Umstän­den beu­gen musste, hatte Glück: Vor­aus­schau­end rich­tete der Ver­an­stal­ter einen Shut­tle­ser­vice mit Bus­sen zum Sta­dion ein und auch die S-Bahn fuhr (fast) aus­nahms­los im Fünf-Minuten-Takt. Auch das schein­bar ver­stärkte Bahnservice-Team stand jedem Fahr­gast in Not Rede und Ant­wort. Die Tou­ris­ten jeden­falls sahen nicht ver­wirr­ter aus als sonst.

Die abso­lute Hor­ror­stre­cke war an die­sem Sams­tag die S-Bahnverbindung zwi­schen Ost­kreuz und Span­dau. Um 14 Uhr war das Gleis 4 am Ost­kreuz bre­chend voll. Die S-Bahn Rich­tung Stadt­mitte ächzte förm­lich unter den Men­schen­mas­sen. Im Schne­cken­tempo erreichte die zum Bers­ten volle Bahn den Ost­bahn­hof. End­sta­tion – Pen­del­ver­kehr Rich­tung Stadt­mitte. Aber auch hier bewahr­ten die Fahr­gäste gedul­dig Ruhe. Viel­leicht lag es daran, dass am Wochen­ende die wenigs­ten im Arbeits­stress waren oder inzwi­schen Semes­ter­fe­rien hat­ten. Viel­leicht tat auch das milde Wet­ter sein Übri­ges – aggres­sive oder hys­te­ri­sche Aus­brü­che blie­ben jeden­falls aus.

Dabei wäre der BVG-Streik am Sams­tag eine güns­tige Gele­gen­heit gewe­sen, mal Dampf abzu­las­sen. Denn Ber­li­ner Fahr­gäste sind bekannt­lich eini­ges gewöhnt in Sachen öffent­li­cher Nah­ver­kehr: Jahr für Jahr müs­sen sie Ver­spä­tun­gen, Zug­aus­fälle und Streiks über sich erge­hen las­sen. Das stra­pa­ziert die Ner­ven. Doch die Soli­da­ri­tät mit den Strei­ken­den schien bei den Ber­li­nern stär­ker zu sein als der Frust – und das trotz erhöh­tem Aggres­si­ons­po­ten­zial nach Her­thas 1:0-Niederlage gegen den BVB an die­sem Tag. Statt Pöbe­leien lau­tete das magi­sche Wort an die­sem Tag, wann immer es mal wie­der eng wurde: Gruppenkuscheln.

Und wie bestellt begann gegen Ende des Streiks ein Stra­ßen­mu­si­ker in der S1 Rich­tung Wann­see an zu sin­gen: „Please for­give me…“. Da schie­nen alle den Streik bereits ver­ge­ben und ver­ges­sen zu haben. Ob sich die Geduld gelohnt hat und Verdi mit dem Warn­streik seine For­de­run­gen durch­set­zen konnte, wird heute zeigen.

20. Februar 2012, Allgemeines, Online

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