Demonstrieren lohnt sich doch

Nied­rige Wahl­be­tei­li­gun­gen, Demos nur von Radi­ka­len – Mit­ma­chen bringt an der FU eben nichts. Flo­rian Schmidt fin­det, dass das nicht stimmt. Die Debatte um die RSPO hat gezeigt, dass die Pro­teste sehr wohl etwas bewirkt haben.

Demons­trie­ren gehen bringt in Deutsch­land nichts. Man sieht es in Stutt­gart, wo der Bahn­hof trotz­dem kommt, man sieht es in Frank­furt, wo es den „Occu­p­y­ern“ nicht gelun­gen ist, den Kapi­ta­lis­mus in sei­nen Grund­fes­ten zu erschüt­tern, man sieht es im Süd­os­ten Ber­lins, wo sich die Flug­rou­ten des Haupt­stadt­flug­ha­fens trotz Men­schen­ket­ten um den Müg­gel­see kaum geän­dert haben.

Und man sieht es an der FU – zumin­dest hätte man das bis vor kur­zem glau­ben kön­nen. Die Dis­kus­sion um die geplante Rah­men­stu­dien– und Prü­fungs­ord­nung (RSPO) wirkte in den ver­gan­ge­nen Wochen fest­ge­fah­ren. Bei dem kin­di­schen Ver­such, das Prä­si­dium zu stür­men, ging es eini­gen Demons­tran­ten wohl eher darum, die 68er wie­der­zu­be­le­ben als einen ernst­haf­ten Dia­log mit dem Prä­si­dium zu füh­ren. Und auch das, was von den „Teach-Ins“, den Run­den Tischen und den Voll­ver­samm­lun­gen aus­ging, erweckte lange Zeit nicht den Ein­druck, als könn­ten die pro­test­freu­di­gen Stu­den­ten Ände­run­gen bewirken.

Was aber jetzt auf der Sit­zung der Kom­mis­sion für Lehr­an­ge­le­gen­hei­ten (KfL) und der jüngs­ten Voll­ver­samm­lung geschah, zeigt das Gegen­teil. Die geplan­ten Pflicht­be­ra­tun­gen, die der ursprüng­li­che RSPO-Entwurf nach dem drit­ten Semes­ter vor­sah, kom­men nicht. Die­ses Ent­ge­gen­kom­men des Prä­si­di­ums mag zwar nur ein klei­ner Schritt sein, der vie­len pro­tes­tie­ren­den Stu­den­ten nicht weit genug geht. Er mag auch dadurch zustande gekom­men sein, dass sich auch auf Sei­ten der Dozen­ten Wider­stand regte. Und die Bera­tung mag nicht zuletzt auch des­halb gestri­chen wor­den sein, weil die Finan­zie­rung stets umstrit­ten war. Viel­leicht hätte das Prä­si­dium den Punkt spä­ter ohne­hin fal­len­ge­las­sen. Vielleicht.

Fakt aber ist: Prä­si­dent Peter-André Alt stellte den neuen Ent­wurf jetzt vor. Unmit­tel­bar nach den Pro­tes­ten – und nicht erst spä­ter. Nach­dem das Prä­si­dium den neuen Ent­wurf zunächst der KfL vor­ge­legt hatte, zeigte sich Alt außer­dem gemein­sam mit Vize­prä­si­dent Michael Bon­gardt bei der Voll­ver­samm­lung dis­kus­si­ons­be­reit. Vor meh­re­ren hun­dert Stu­den­ten stell­ten sich die bei­den den Fra­gen der RSPO-Kritiker. Auch das kann als Reak­tion auf die Pro­teste der Stu­den­ten gewer­tet werden.

Bei aller Abnei­gung gegen die Hys­te­rie, mit der die Bil­dungs­pro­test­ler ver­such­ten, die FU-Studenten zu mobi­li­sie­ren, gegen das Geze­ter über Anwe­sen­heits­pflich­ten und Zwangs­ex­ma­tri­ku­la­tio­nen, zu denen es so kaum kom­men wird, gegen das Geschrei über die Abschaf­fung der Stu­di­en­frei­heit – eines muss man den Orga­ni­sa­to­ren las­sen: Sie haben bewie­sen, dass Demons­trie­ren sehr wohl etwas bringt. Wenn die Stu­den­ten so leb­haft blei­ben, darf man gespannt sein, was am Schluss von der RSPO noch übrig bleibt.

18. Juni 2012, Allgemeines, Online, Politik

2 Kommentare

  1. ziem­lich zwei­schnei­di­ges lob, lie­ber Flo­rian Schmidt. Warum ver­su­chen man­che Leute eigent­lich immer Leute, die anders den­ken oder han­deln run­ter zu machen, nur um sel­ber bes­ser dazu­ste­hen, sich besser/ seriöser/ erwach­se­ner (was ist es eigent­lich?) zu füh­len? Ich meine die gan­zen schö­nen Attri­bute »Geze­ter«, »GEschrei« usf.

    Das ist jetzt kein Gutmenschen-love-and-peace-Sprech. Aber denk viel­leicht mal drü­ber nach, Junge: Ich belei­dige doch auch nie­man­den, wenn er oder sie (»nur«) Arti­kel­chen in einer Uni-Zeitschrift schreibt.

    Comment von white rabbit — 18. Juni 2012, 12:12

  2. pro­test bringt nur etwas — und das zei­gen zahl­lose bei­spiele in der gan­zen welt, auch in deutsch­land — wenn er
    a) ein klar defi­nier­tes ziel hat
    b) zumin­dest ansatz­weise die unter­stüt­zung der »nor­ma­len« betrof­fe­nen vor ort vor­han­den ist
    c) in akti­ons­for­men und mit­teln unbe­re­chen­bar bleibt und sich nicht anhand sol­cher debat­ten spal­ten lässt.

    alle drei vor­aus­set­zun­gen waren in die­sem fall (das war schon oft genug anders) an der FU erfüllt. das ziel, die RSPO bzw. die darin ent­hal­te­nen här­ten zu ver­hin­dern, war klar und ein­deu­tig. viele sonst nicht hoch­schul­po­li­tisch aktive stu­dis waren gewillt, das zu unter­stüt­zen. und nicht zuletzt konn­ten sich die adressat_innen des pro­tests nicht sicher sein, ob nicht bei einem stur­blei­ben ihrer­seits irgend­wann toma­ten statt böser worte geflo­gen wären. ohne, dass eine debatte über das biss­chen geschubse vorm prä­si­dium die protestakteur_innen gelähmt hätte. gut so!

    Comment von red queen — 24. Juni 2012, 00:54