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Der andere Ort

Bezeichnet man die Rost- und Silberlaube vor Publikum als schön, warten alle auf die Pointe. Dabei meint Margarethe Gallersdörfer es völlig ernst. Aber warum? Eine Suche nach der Schönheit des geisteswissenschaftlichen Komplexes.

Foto: Christoph Spiegel

Ich erinnere mich gut an den Tag, an dem ich sie zum ersten Mal sah. Es war im September. Ich musste zu einem Test antreten, um einen Studienplatz zu bekommen, von dem ich nicht recht wusste, ob ich ihn wollte. Es gab überhaupt so Einiges, das ich nicht recht wusste. Missmutig irrte ich durch Dahlem, bog schließlich in die Thielallee ein – und da stand sie: die Rost- und Silberlaube. Sie sah genauso aus, wie ich mich fühlte: unentschieden. Kleiner als gedacht. Ein uneingelöstes Versprechen.

Zwei Jahre später habe ich ein Problem: Ich mag das alles, was ich, um Atem zu sparen, kurz »die Silberlaube« nenne. Rostlaube, Silberlaube, Mensa, Erziehungswissenschaftliche Bibliothek, Philologische Bibliothek. Ich mag es nicht nur – ich finde es schön. Ich gehe gerne hin, ich halte mich gerne dort auf. Nur gibt es dafür keine objektiven Gründe. Das Ding ist hässlich. Aus der Vogelperspektive sieht es aus wie ein Fabrikgelände – mit der Philologischen Bibliothek als abgefahrenem, integriertem Versuchslabor. Aus Bodensicht wirkt es, je nachdem, von welcher Seite man sich nähert, bestenfalls unscheinbar und schlimmstenfalls ziemlich ranzig. Derzeit ziert auch noch eine gigantische Baugrube seine Flanke an der Fabeckstraße. Drinnen sind die Decken niedrig, das Licht kommt aus Neonröhren, die Gänge sind endlos. Und quietschbunt. Was ist daran attraktiv?

Ich überfalle im und um den Komplex herum nach dem Zufallsprinzip Leute, um sie zu fragen, ob sie die Rost- und Silberlaube schön finden. »Warum? Kann man da noch was ändern?«, entgegnet mir ein Kommilitone. Er grinst. Aber die rhetorische Frage hat eine Antwort: Ja, theoretisch. Flexibilität war architektonisch gesehen das ganz große Ding in den 60er-Jahren. Sowohl Rost- als auch Silberlaube sind auf einem Stahlskelett zusammengesetzt worden, wie aus dem Baukasten. Fassade, Deckenplatten, Trennwände, sogar die Stahlträger ließen sich theoretisch abmontieren und an einer anderen Stelle des Gebäudes wieder neu zusammensetzen. Eine Hommage an die Nachhaltigkeit. Build your own university? Letztendlich ist es nur einmal gemacht worden; die Teile der Rostlaube, die für den Neubau der Philologischen Bibliothek abgerissen werden mussten, dienten dem Bau eines zusätzlichen Stockwerks. Dabei stellte sich jedoch schnell heraus, dass der Aufwand zu groß war: Die Einzelteile mussten zunächst geprüft und konnten nur teilweise wiederverwendet werden.

Dem gleichen Willen zur ständigen Veränderung haben wir das abenteuerliche Bezeichnungssystem in der Rost- und Silberlaube zu verdanken. Es hat ungezählte Erstsemester an ihrer Studierfähigkeit und Besucher an ihrer Intelligenz zweifeln lassen. Drei große, parallele Längsstraßen, die von elf kleinen, parallelen Quergängen gekreuzt werden: Das klingt nicht kompliziert. Aber warum heißen die Straßen J, K und L und warum sind die Gänge von 23 bis 33 durchnummeriert? Die Antwort findet sich wieder in ihrer Entstehungszeit. Der Platz, über den die FU verfügte, hinkte seit ihrer Gründung hinter der schieren Masse an Studierenden her, die sich immatrikulieren wollten. 1967 begannen die Bauarbeiten für die Rostlaube; die TU hatte das Gelände bis dahin als Testfeld für Obstanbau genutzt. Erst sechs Jahre später wurde das Gebäude fertig. Die ursprüngliche Idee, allen Fachbereichen der FU hier ein Zuhause zu geben, war schon kurz nach ihrer Entstehung wieder Makulatur.

Doch schon allein die geisteswissenschaftlichen Fächer, die nach und nach in die Rost- und Silberlaube einzogen, wuchsen sprunghaft. Die Straßenbezeichnungen waren lange eine ferne Erinnerung an die offene Planung des Komplexes, die Anbauten nach jeder Seite hin ermöglichen sollte. Deshalb die Buchstaben mitten aus dem Alphabet, die scheinbar zufälligen Zahlen. Die Architekten hatten diese Möglichkeit schon wieder aufgegeben. Bestimmt würden sie sich freuen, zu erfahren, dass sie nun doch noch genutzt wird: In der gigantischen Sandkiste, die an der Fabeckstraße klafft, entsteht zur Zeit ein Bau, der weitere Fachbereiche aus ihrem Villenasyl auf das Obstbaugelände holen soll. Er heißt »Zusammenführung der kleinen Fächer und Neubau Naturwissenschaftliche Bibliothek«, aber ich bin mir ganz sicher, es gibt einen besseren Namen. Denn die Ergänzung der Rost- und Silberlaube wird ganz mit Holz verkleidet sein.

Man kann dem Anbau nur die Daumen drücken. 2014 soll er fertig werden. Die Geschichte der Neubauten auf dem Obstbaugelände verheißt wenig Gutes. Wie kommt ein Gebäude, das zum Aushängeschild der großen, freien Universität des Westens werden sollte, zu dem Namen »Rostlaube«? Ganz klar ist das nicht. Wahrscheinlich, indem man es mit nicht erprobtem Corten-Stahl verkleidet. Corten-Stahl ist ein wetterfester Baustahl, dessen obere Schichten rosten. Der Rost bildet eine Patina, die das Material vor Korrosion schützt und weitere Bearbeitung unnötig macht. Machen soll. »Leider«, heißt es etwas umständlich in dem Bändchen ›Villen, Rost- und Silberlauben‹, »hat sich dieser Effekt bei der ›Rostlaube‹, wie man dann erst später sah, nicht so, wie man es sich vorgestellt hatte, eingestellt.« Dem Neubau war es egal, dass er nur anrosten sollte. Wenn, dann richtig, dachte er sich und rostete ganz durch. Der nächste Bauabschnitt wurde wohlweislich mit silbrigen Aluminiumplatten bestückt – fertig war die »Rost- und Silberlaube«. Weitere Bauabschnitte – Mensa, Erziehungswissenschaftliche Bibliothek – folgten. Die Silberlaube verhielt sich ruhig, machte keine Probleme. Bis sich herausstellte, dass Asbest ungesund ist. Die Rostlaube machte ihrem Namen da schon alle Ehre. Sie war derart marode, dass sie zur Gefahr für Leib und Leben geworden war. Und so konnte in den 90er-Jahren in einem Aufwasch die Asbestsanierung beider Lauben, die Neuverkleidung der Rostlaube mit Kupferplatten und die Planung der Philologischen Bibliothek in Angriff genommen werden.

Die Philologische Bibliothek, »Brain« genannt, ist tatsächlich schön – diese weißen, u-förmigen Ebenen, die Dynamik, mit der sie sich durch die Kuppel schwingen. Die runde, futuristische Form erinnert von außen an eine blankpolierte Kastanie – oder an ein Gehirn. Wem die Assoziation nicht behagt, der nennt das Gebäude »tropfenförmig«.

Und auch das Geräusch von fallenden Tropfen kann schön sein, beruhigend. Auf die Angestellten der Philologischen Bibliothek scheint es aber einen anderen Effekt zu haben: Emsig laufen sie im ganzen Bau umher und legen Lappen und Schwämme in die Eimer, die die dumpfen Töne von Wasser auf Plastik schlucken. Die Eimer fangen das Wasser ab, das bei Regen durch die Glas- und Stahlpaneele der zeltartigen »Philbib« kriecht und Bücher, Computer und Teppiche bedroht. Die Angestellten beenden ihr Tagwerk, indem sie alles, was unter den Lecks steht, mit Plastikfolie bedecken. Nur sieben Jahre nach seiner Fertigstellung ist das hübsche, funkelnde Brain wieder Baustelle, die Kastanie hat die stachelige Schale aus Gerüsten zurückgewonnen. Das Gehirn der Geisteswissenschaften hat einen Wasserschaden. Dieses köstlichen Witzes darf sich das Architekturbüro ›Norman Foster and Partners‹ rühmen. Ein Gutachten entlastete den Stararchitekten zwar; es ergab, es habe sich um Fehler in der Ausführung gehandelt, nicht in der Konstruktion. Doch das Brain ist wohl vor allem deshalb nie dicht gewesen, weil die Bauform so ungewöhnlich ist: Die doppelte Krümmung der Paneele erschwerte die völlige Abdichtung der Fugen zwischen ihnen; sie ist vielleicht sogar geometrisch gar nicht möglich. Die Ausführung war deshalb kniffelig, genau wie die Reparatur heute, die sich noch über Monate hinziehen wird. Die Wahrheit ist: Hier sollte, wie damals mit dem Corten-Stahl, etwas besonders Tolles, Neues ausprobiert werden, das dann schief gegangen ist.

Worin besteht sie, die Schönheit der Rost- und Silberlaube? Fast allen Kommilitonen, die ich befrage, fällt dann doch noch etwas ein. Die einfache Antwort ist: In ihren Leerstellen, in den zahlreichen Möglichkeiten, ihr zu entkommen. »Wahrscheinlich«, schreibt der Philosoph Michel Foucault, »schneidet jede menschliche Gruppe aus dem Raum, den sie besetzt hält, in dem sie wirklich lebt und arbeitet, utopische Orte aus.« Er nennt sie »Heterotopien« – andere Orte. Es ist eine nahezu perfekte Beschreibung der Innenhöfe und Dachterrassen der Rost- und Silberlaube. Wandert man durch die Gänge, finden sich alle paar Meter Türen ins Grüne. Verwunschene Flecken oder parkähnliche Anlagen – sie sind eine Wohltat, vor allem die geheimen Gärten unter ihnen, die niemand je zu betreten scheint. Eigentlich, schreibt Foucault, seien »diese privilegierten oder heiligen Orte […] Menschen vorbehalten, die sich in einer biologischen Krisensituation befinden.« Die Sehnsucht nach einer Zigarette fällt genauso klar unter diese Kategorie wie das dringende Bedürfnis, einem stickigen Seminarraum zu entkommen. Der Entdecker realer Utopien wie die Innenhöfe nennt sie »Gegenräume«: »Orte, die sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren oder reinigen sollen.«

Hiermit ist die Antwort gefunden, meine ich. Die Rost- und Silberlaube lässt in komischer Regelmäßigkeit prestigeträchtige Großprojekte scheitern. Das ist es, was ihre Schönheit ausmacht. Nicht nur die Innenhöfe, die ganze Rost- und Silberlaube ist »der andere Ort«. Sie widersetzt sich – ihrer Umgebung, aber auch dem, was sie selbst beherbergt. Denn diese Stimmung, die um uns Studierende herum aufgebaut wird und die uns ständig zuflüstert: »You’re gonna go far, kid« – aber nur, wenn du dich schnell entscheidest, stromlinienförmig bist, zielstrebig, wenn du dein Studium »zügig durchziehst«, dich ständig weiterbildest, ins Ausland gehst, Praktika machst: Sie spornt die meisten von uns nicht an. Sie treibt uns vor sich her und bewirkt, dass wir uns oft klein und hässlich fühlen. Unzulänglich. Dann aber hasten wir atemlos in die Rost- und Silberlaube und hören dort plötzlich aus jeder Ecke, jedem Gang eine andere Stimme: »Langsam«, sagt sie freundlich. »Mach dir weniger Sorgen«, sagt sie beruhigend. »Ein Abschnitt nach dem anderen, und es darf auch mal was schiefgehen. Manchmal ist man eben unzulänglich. Man rostet mehr, als man sollte. Setzt Moos an. Trägt hässlichen Schmuck. Und manchmal tropft es einem sogar ins Gehirn.«

Mich tröstet das. Hätte ich diesen Test damals im Hauptgebäude der Humboldt-Universität schreiben müssen – groß, weiß, Unter den Linden: Ich hätte mich umgedreht und wäre gegangen. In der Rost- und Silberlaube bin ich geblieben. Denn das Hauptgebäude unserer Uni ist eine schadhafte Schönheit. Sie ist der andere Ort. Hier können wir uns eingestehen, dass wir nicht immer exzellent sind.

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