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Leichen auf dem Campus

Sie liegen 15 km von Dahlem entfernt mitten auf dem Charité-Gelände. Während sich die meisten Menschen mit Hilfe von Papier und PC weiterbilden, lernen die Medizin-Studierenden an toten Menschen. Aber woher kommen die Leichen? Und kann man sich tatsächlich an sie gewöhnen? Valerie Schönian besuchte den fernen Campus

Auf dem Charité-Campus                                     Fotos: Christoph Spiegel

Das Skalpell ist scharf. Das weiß Hanna. Ein mulmiges Gefühl macht sich in ihrem Magen breit. »Wenn jemand nicht damit klarkommt oder ihm schlecht wird, kann er auch kurz raus gehen«, hatte der Tutor am Anfang gesagt. Hanna ist geblieben. Durchatmen. Du schaffst das. Behutsam setzt sie das Instrument an, übt leichten Druck aus. Dann zieht sie das Messer durch die Haut, bis ein langer Schnitt im Oberschenkel klafft. Kein Blut, das spritzt. Dann blickt Hanna zum ersten Mal in ihrem Leben in einen toten Menschen.

So beschreibt Hanna rückblickend ihre erste Anatomie-Stunde vor zwei Jahren. Mittlerweile studiert sie im sechsten Semester Medizin an der Charité. In den ersten zwei Jahren steht Anatomie auf dem Lehrplan – Lernen mit Leichen. Während des zweiten und dritten Semesters warf sich Hanna also zweimal die Woche ihren weißen Kittel über und begab sich in den Präpariersaal im dritten Obergeschoss des Anatomieinstitutes mitten auf dem Charité-Campus in Mitte. Der Raum ist hell, versteckt sich hinter Milchglasscheiben. Es müffelt nach Desinfektionsmittel.

Haut ab und Fett durch

Woche für Woche arbeiteten Hanna und ihre Kommilitonen dort an »ihrer« Leiche. Sie begann mit dem Bein, präparierte nach und nach die Haut ab und durchtrennte das tote Fettgewebe, um an die Muskeln zu kommen. Mit dem Klischee einer klassischen Operation hat das alles nur wenig zu tun: »Man sieht im Fernsehen immer den OP und alles ist rot und blutig. Aber als Präparat sind die Farben nicht mehr so kräftig. Alles ist irgendwie braun«, sagt Hanna.

Ganz wohl war ihr trotzdem nicht. Vor dem Kurs hatte sie Angst, nicht mit der Situation umgehen zu können: »Einen Abend davor war ich total aufgeregt und dachte, das kann ich einfach nicht. Und dann lag die Leiche da.« Mit sechs oder sieben anderen Studierenden arbeitete sie gleichzeitig an einem leblosen Körper. Insgesamt liegen über 40 Leichen in vier Präpariersälen. Aber woher stammen sie?

Die Menschen hinter der Leiche

Diese Frage kann Andreas Winkelmann, Lehrkoordinator der Anatomie an der Charité, beantworten: »In unserer Kartei befinden sich hunderte Körperspender.« Körperspender: So heißen die Menschen, die ihren Körper nach dem Ableben der Anatomie vermachen. Sie stellen sich aus verschiedenen Gründen zur Verfügung, so der Mediziner. Einige wollten der Wissenschaft helfen, andere hätten keine Angehörigen.
Doch nicht jeder kann spenden, es gibt verschiedene Beschränkungen: Die Spender dürfen keine ansteckenden Krankheiten haben, müssen in der Nähe von Berlin wohnen und eines natürlichen Todes sterben. Die Registrierung ist zudem erst ab dem 65. Lebensjahr möglich. Mit Jüngeren geht die Anatomie den Vertrag nicht ein; die Laufdauer wäre zu lang. Denn das Institut kann – im Gegensatz zu den Körperspendern – nicht einfach wieder aus dem Vertrag aussteigen. Die Spender wiederum müssen dem Institut versichern, ihm das Geld für ihre Bestattung zukommen zu lassen. Denn seit einer Gesetzesänderung 2004 erhält die Charité nicht mehr das Sterbegeld von den Krankenkassen. »Und wir können nicht alle Kosten zahlen«, erklärt Winkelmann.

Scheinbare Kostenvorteile sind ein Grund, warum manche Menschen zu Spendern werden. Andere wollen ihre Angehörigen entlasten. »Dabei ist es gerade für Familie und Freunde am schwersten«, meint Winkelmann: »Sie müssen ein bis drei Jahre warten, bis sie sich von ihren Lieben verabschieden können.« So lange kann es nämlich dauern, bis die Leichen nicht mehr gebraucht werden.

Gleich nach dem Tod müssen die Körper konserviert werden. Dafür werden sie in den Keller des Anatomie-Institutes gebracht, wo sich Formaldehyd-Anlagen befinden. Mindestens drei Monate müssen die Körper darin liegen, um die Verwesung aufzuhalten. Dann fahren sie mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock zu den Studierenden in die Präpariersäle.

Über zwei Semester lagern sie dort dann in Kühlboxen und werden regelmäßig von den Medizin-Neulingen hervorgeholt und untersucht. Danach ersetzt das Institut sie durch andere Körperspender. »Irgendwann müssen die Menschen schließlich auch einmal bestattet werden, um in Frieden zu ruhen«, sagt Winkelmann. Der letzte Weg der Leichen führt ins Krematorium – eine Erdbestattung ist wegen des Formalins nicht möglich, weil die Körper nicht mehr verwesen würden. Die Urne wird dann an den Ort gebracht, den sich der Verstorbene gewünscht hat, oft anonym. Ihre Wünsche geben Spender in einer letztwilligen Verfügung an.

Die Spender bleiben für die Studierenden anonym

Hanna weiß nichts über die Spender oder ihr Leben. Das einzige Mal, dass sie Angehörige sah, war bei der Abschlussveranstaltung, die die Studierenden und das Institut zum Ende jedes Semesters für Spender, Familie und Studierende organisieren – eine Art Gedenkfeier. »Wir haben große Achtung davor, dass sich Menschen dazu bereit erklären«, sagt die Studentin. Doch gesprochen hat sie mit niemandem. »Es war ein komisches Gefühl.«

Hanna weiß, dass »ihre« Leiche ein Mann war, keine Gallenblase hatte und auch den Blinddarm entfernt bekam. Mehr will sie nicht wissen. Einen Namen gaben sie und ihre Kommilitonen ihrem Körperspender nicht. Wenn sie nicht am Gesicht arbeiteten, deckten sie es ab. »Es wäre sonst zu persönlich gewesen.« Schon so hatte es einen Monat gedauert, bis Hanna den Präpariersaal ganz ohne das mulmige Gefühl betreten konnte. Dank der Anonymität fand sie sich schließlich in die Lage ein. »Es ist dann auch spannend zu sehen, wie alles im Körper aufgebaut ist. Zum Beispiel das Herz: Manchmal ist es total klein, manchmal richtig groß.«
Für Hanna ist das Arbeiten an Leichen zur Gewohnheit geworden. Laut Winkelmann geht es den meisten Medizin-Studierenden so. Spannung, Neugier und Prüfungspanik überwiegen schnell den Ekel und die Skrupel. »Aber von außen betrachtet ist es schon komisch«, findet Hanna. »Man geht da hin und präpariert an der Leiche. Und dann geht man frühstücken.«

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