Der empörte Student

Weil die radi­ka­len Lin­ken zu laut brül­len, flüch­ten sich die gemä­ßig­ten in rechte Phra­sen Franz Ema­nuel Brock for­dert in sei­nem empör­ten Brief sein wah­res Ich zurück. Julian Niklas Pohl hat die böses­ten Schimpf­wör­ter weggestrichen.

Illustration: Snoa Fuchs

Illus­tra­tion: Snoa Fuchs

Liebe Stu­den­ten!

Ganz Recht: Stu­den­tEN. Wie man das eben rich­ti­ger­weise sagt, zwar in Scham und Schande, aber mit dem Duden auf sei­ner Seite. Ihrer Seite. _ Seite. Seht ihr, da geht es schon los! Euer Gewis­sen pocht in mei­nem Kopf. Es könnte jeder Tag gewe­sen sein: Ich betrete einen Semi­nar­raum und stol­pere über zwei Hunde, die sich zwi­schen den Anwe­sen­den nie­der­ge­las­sen haben und laut und selig schnar­chen (gut erzo­gen oder auch bekifft?).

Es riecht ein biss­chen so, wie es nachts in einer Bank­fi­liale riecht, in der ein Obdach­lo­ser schläft. Auf die Ankün­di­gung des Dozen­ten hin, dass alle zwei Wochen eine ein­sei­tige Leis­tungs­über­prü­fung ein­zu­rei­chen ist, wird eine 35-minütige Dis­kus­sion über die dunkle Seite der Macht, Darth Leis­tung, ange­zet­telt. Der Höhe­punkt ist erreicht, als der halbe Kurs die Nicht-wirklich-Kleintiere zusam­men­packt und rote Galle spu­ckend den Raum ver­lässt. Zurück bleibt eine sozia­lis­ti­sche Kampfansage.

Fie­ses lin­kes Pack, denke ich und male wei­ter Gesich­ter und Penisse auf das Blatt mei­nes Nachba… fie­ses lin­kes Pack? FIESES LINKES PACK? Und das in mei­nem Kopf? Scho­ckie­rend. Ich, SPD-Stammwähler, sozial enga­giert, welt­ge­wandt und zu allem Über­fluss noch Poli­tik­stu­dent – ich bin doch auf der guten Seite der Macht! Aber im Laufe eines knap­pen Jah­res hat mich die kleine, schrille Gruppe von Links­ra­di­ka­len und deren insti­tu­tio­nel­len Ver­an­ke­run­gen so weit nach rechts gedrängt, dass ich selbst nicht mehr weiß, wo ich stehe.Ein erschre­cken­des Mus­ter, und durch­aus bei vie­len Kom­mi­li­to­nen zu erken­nen. Wir ver­keh­ren in »rech­ten« Krei­sen, weil wir nichts mit Per­so­nen zu tun haben wol­len, die an der ohne­hin lin­ken FU noch extra als »links« bezeich­net wer­den müs­sen. Wir reden von »den Lin­ken« und mei­nen damit die kra­kee­lende Spitze eines rie­si­gen Eis­ber­ges, an des­sen Basis wir eigent­lich selbst haften.

Hier fin­det nega­tive Inte­gra­tion statt: Weil der Nor­mal­stu­dent keine Lust mehr hat auf redun­dante Dis­kus­sio­nen über Sonderforschungsbereich-Gelder und die aktu­ell gül­tige Anzahl von Geschlech­tern; weil ein Semi­nar mit einem nicht-gendernden Dozen­ten zur Hölle wird, sobald zwei Krawallmacher_innen unter der Anwe­sen­den sind; weil wir als ange­passte Stu­den­ten, die nichts gegen Leis­tung haben, gern tote Tiere essen und Marx nicht mit klop­fen­dem Her­zen lesen – des­halb rücken wir alle ein Stück nach rechts, weg von Tofu­bur­gern und den Kür­bis schä­len­den Student_innen der »Volx­kü­che«. Und viel­leicht auch von uns selbst.

Und plötz­lich erwi­sche ich mich bei Gedan­ken, die mir Franz Josef Strauß per­sön­lich ein­ge­flüs­tert haben könnte. Das finde ich empö­rend! Ich will nicht irgend­wie rechts sein. Warum steht das plötz­lich vor mei­nem Gewis­sen zur Dis­kus­sion? Ich will den Boden mei­nes nicht-ideologischen, völ­lig ange­pass­ten, gemä­ßig­ten Links-Seins zurück. Und zwar von euch »Lin­ken«. Ich will mich nicht schul­dig füh­len, weil ich das »Wort« »jemensch« noch nie benutzt habe. Bis­her bin ich damit nie­man­dem auf den Schlips getre­ten. Warum fühle ich mich an der FU dau­ernd angeklagt?

Liebe »Linke«: Aus mir uner­find­li­chen Grün­den müsst ihr auf die Pla­kate Eurer FSI-Partys ja unbe­dingt noch extra drauf schrei­ben, dass ihr keine Sexist_, Rassist_, Wer-will-nochmal-wer-hat-noch-nicht_innen daha­ben wollt. Das geht mir so auf die Ner­ven, dass ich mich ums Ver­re­cken nicht auf eurer Fete bli­cken las­sen will. Macht mich das dann in eurem Kau­sa­li­täts­den­ken zu einem die­ser bösen, bösen Sith-Lords? Ich bleibe fern und die Nazis blei­ben auch fern. Das macht mir etwas Angst.

Gebt mir mein Herz zurück! Das sitzt links. Und zwar nicht auf den Bar­ri­ka­den, son­dern in einem Schau­kel­stuhl. Frei und glück­lich dösend.

8 Kommentare

  1. Herr­lich, wie mir die­ser Arti­kel aus der Seele spricht!

    Comment von John — 19. Juni 2012, 13:22

  2. hallo, geht’s noch?
    dass du anschei­nend ein komi­sches ver­ständ­nis von poli­ti­schem den­ken und han­deln hast — okay — dar­über kann man reden.
    aber mal eben noch obdach­lose dis­kre­mi­nie­ren und das aktive enga­ge­ment von zahl­lo­sen men­schen als »lin­kes« gehabe in den dreck zu zie­hen, da kannst du noch so »links« sein, wie du willst, das ist ein­fach men­schen­ver­ach­tend und zeigt dein deut­lich ver­flach­tes weltbild!

    seit wann hat denn »links­sein« mit etwas wie vegetarismus/veganismus oder kein bock-auf-faschos zu tun? wenn du schon poli­tik stu­dierst, sollte dir eigent­lich klar sein, dass es auch außer­halb die­ses lächer­li­chen links-rechts-schemas viele men­schen gibt, die für eine bes­sere und gerech­tere welt kämp­fen — ohne sich einen scheiß dafür zu inter­es­sie­ren, ob sie damit »links genug« seien. alter, was ver­stehst du eigent­lich unter »links«? Das ist kein ich-label-mich-selbst-und-dann-bin-ein-ganz-toller-mensch-mist! nur weil du denkst, du bist »links«, war’s das noch lange nicht, das wort ist leer.

    das ist pure selbst­mas­tur­ba­tion, die du hier betreibst auf deine kon­for­mi­tät und deine unre­flek­tiert­heit und respekt­lo­sig­keit gegen­über den men­schen, die gecheckt haben, dass nur von einem bes­se­ren leben für alle zu träu­men und zu spre­chen nicht aus­reicht, son­dern dass man auch den wor­ten taten fol­gen las­sen muss.
    müs­sen die »links­ra­di­ka­len« wie­der fleisch essen, damit du dich nicht mehr so weit »rechts« fühlst. sol­len wir uns jeden scheiss gefal­len las­sen, damit du dich auch mal ganz »links­ra­di­kal« füh­len kannst?

    [Gelöscht. Bitte bleib sach­lich. Die Redaktion]

    wenn für dich »links­sein« nur bedeu­tet zu schau­keln, ja dann nimm doch dein bescheu­er­tes »völ­lig ange­pass­tes, gemä­ßig­tes Links-Seins« und feier dich selbst. mit dir wol­len wir nicht tanzen!

    (es tut mir leid, solch ver­let­zende worte an dich rich­ten zu müs­sen, aber die rage, die dein mich per­sön­lich angrei­fen­der arti­kel in mir aus­löste, kannst du dir nicht vorstellen)

    Comment von Kürbisschälende Studierende — 20. Juni 2012, 01:29

  3. häh? ist der arti­kel jetzt eine satire oder nicht? bitte mal outen, gibt schließ­lich leute, die haben drum gewettet..

    Comment von sarah — 21. Juni 2012, 13:06

  4. satire, beru­hend auf einem tat­säch­lich zu beob­ach­ten­dem Phänomen.

    an die »Kür­bis­schä­lende Stu­die­rende«: ich mag das von dir ent­wor­fene Kon­zept von »Selbst­mas­tur­ba­tion«.……
    ich habe auch etwas erfun­den: »Auto-Onanie« :)

    Comment von autor. — 23. Juni 2012, 16:22

  5. Dann klemm dir doch n Duden untern Arm, kauf dir ne Brat­wurst und bleib zu Hause. Hemd­kra­gen hoch­stel­len nich vergessen.

    Comment von y. — 1. Juli 2012, 00:12

  6. Danke für die­sen wun­der­ba­ren Artikel!

    Comment von Duden — 3. Juli 2012, 08:21

  7. Klasse Arti­kel, end­lich mal jeMANd, der den Mund auf­macht und sagt, was viele Leute den­ken!
    Ihr mit Eurem gender-Gehabe und dem gan­zen Welt­ver­bes­se­rer­tum könnt einem reich­lich auf den Keks gehen.…Kommt mal wie­der auf den Boden der Tat­sa­chen zurück, denkt rea­lis­tisch und seht ein, dass ihr mit Eurem Den­ken nicht mal ansatz­weise genü­gend Men­schen aqui­rie­ren könnt um auch nur eine klit­ze­kleine Klei­nig­keit in unse­rer Gesell­schaft zu ver­än­dern ;)

    Comment von Kapitalistiker — 5. Juli 2012, 16:06

  8. Guter Arti­kel! Es nervt ein­fach, wenn man ver­nünf­tig reflek­tiert lebt, aus sei­nem Leben das beste machen möchte, sich neben dem schwie­ri­gen Stu­dium enga­giert, und dann von irgend­wel­chen pseu­do­lin­ken Selbst­be­die­nungs­in­te­lek­tu­el­len ange­macht wird, was man doch alles falsch macht, und sie doch so viel bes­ser sind. Das von Leu­ten, die meis­tens noch nie sel­ber gear­bei­tet haben, und immer recht­zeitg zum Monats­an­fang das Geld von ihren Bon­zen­el­tern auf dem Konto haben!

    Ihr lebt in eurer Traum­welt, pre­digt heute Was­ser, um dann spä­ter die Vor­teile des Sys­tems abzu­grei­fen! Ihr erbt das Haus eurer Eltern in Schwa­ben, hei­ra­tet den pösen pösen Inge­nieur / BWLer oder arbei­tet als Leh­rer für den pösen pösen Staat!

    Denkt mal drü­ber nach! Auch das Pri­vate ist Politisch!

    Idea­lis­mus ist gut, aber nur, wenn es nicht zu selbst­be­zo­gen und ausch­lie­ßend wirkt, sonst führt das näm­lich genau zum Gegen­teil. Wenn hier an der FU die Ultra­lin­ken die lin­ken zukünf­ti­gen Eli­ten stän­dig dumm anma­chen, kann das dazu füh­ren, dass die wirk­lich, wie hier beschrie­ben, die Krise krie­gen und ihre Per­sön­lich­keit ändern!

    Comment von Frank — 8. Juli 2012, 01:33