Verbindung gekappt

Natio­na­lis­tisch, sexis­tisch, ras­sis­tisch – so stel­len sich viele eine Stu­den­ten­ver­bin­dung vor. Unser Autor Lev Gor­don war Mit­glied in einem der umstrit­te­nen Män­ner­bünde. Die Geschichte eines Aussteigers

Illus­tra­tion: Fokea Borchers

Es ist ein son­ni­ger Tag im März, als ich aus­ziehe. Alle schei­nen glück­lich sein: Meine Freunde, meine Fami­lie – selbst meine ehe­ma­li­gen Mit­be­woh­ner. Nun kehre ich der Süd­ber­li­ner Villa, die ein hal­bes Jahr mein Zuhause war, den Rücken. Ein letz­tes Mal.

Frisch in Ber­lin ange­kom­men, musste ich mir schleu­nigst eine dau­er­hafte Unter­kunft suchen. Wochen­lang klickte ich mich durch den oran­ge­gel­ben Inter­net­auf­tritt von »WG-Gesucht«. Schließ­lich wurde ich fün­dig: 230 Euro für 22 Qua­drat­me­ter mit­ten im ruhi­gen Zeh­len­dorf – ein ech­tes Schnäpp­chen! Vom Hin­weis, dass es sich bei der Wohn­ge­mein­schaft um eine Stu­den­ten­ver­bin­dung han­dele, ließ ich mich nicht abschre­cken. War­nun­gen von Freun­den und Ver­wand­ten fie­len mode­rat aus und so sagte ich mei­nen neuen Mit­be­woh­nern zu. Ich freute mich auf mein neues Zuhause in Ber­lin. Eine Ahnung, was sich wirk­lich hin­ter den Wän­den einer Stu­den­ten­ver­bin­dung abspielt, hatte ich jedoch nicht.

Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen ste­hen oft in der Kri­tik. Man­che bezeich­nen sie als Sauf­bünde, andere als Ver­ei­ni­gun­gen Ewig­gest­ri­ger. Nicht nur der AStA erhebt schwere Vor­würfe gegen sie. Auch in den Medien wer­den Ver­bin­dun­gen regel­mä­ßig wegen Sexis­mus, Ras­sis­mus und Natio­na­lis­mus kri­ti­siert. Tat­sa­chen oder nur Vor­ur­teile? Ein hal­bes Jahr lang wohnte ich in einem Ver­bin­dungs­haus, wurde selbst Bun­des­bru­der. Dann stieg ich wie­der aus.

Als ich das erste Mal vor der Villa stand, bot sich mir ein impo­san­ter Anblick: Drei Stock­werke hoch, Grün­der­zeit­stil, rote Back­stein­mau­ern. Auch das Innere ließ mich stau­nen. Wäh­rend sich der Gemein­schafts­be­reich nor­ma­ler WGs auf die Küche beschränkt, stand hier das gesamte erste Stock­werk allen zu Ver­fü­gung. Zur Ein­rich­tung gehör­ten ein Kicker­tisch, ein Kla­vier und eine Bar. Doch auch Rüs­tun­gen, Fah­nen und Fotos hun­der­ter Mit­glie­der von anno dazu­mal zier­ten die Wände. In den bei­den obe­ren Stock­wer­ken befand sich der Wohn­be­reich – und ein Raum zum Fechten.

Meine Mit­be­woh­ner sahen nicht aus wie Nazis. Sie wirk­ten wie nor­male Mitt­zwan­zi­ger. Als ich ihnen von mei­nem Migra­ti­ons­hin­ter­grund erzählte, rea­gier­ten sie gelas­sen. Nie wurde das zum Pro­blem. Schnell freun­dete ich mich mit mei­nen 13 neuen Nach­barn an. Alles schien gut zu lau­fen. Doch mit der Zeit häuf­ten sich Ereig­nisse, die mich stut­zig machten.

Es fing mit einer Sache an: Bier. Stän­dig wurde Bier getrun­ken. Am Abend ver­sam­mel­ten sich die Trin­k­lus­ti­gen an der Bar, um sich den einen oder ande­ren Krug zu gön­nen. Die Bar befand sich direkt unter mei­nem Zim­mer. Das war am Anfang noch harm­los. Aber wenn ich ler­nen oder schla­fen musste, wurde der Lärm schnell läs­tig. Irgend­wann wurde ich zu mei­nem ers­ten Bier­jun­gen her­aus­ge­for­dert. Das ist ein Trin­k­ri­tual, bei dem einer »Bier­junge« ruft und der andere laut­stark das Wort »hängt« erwi­dert. Dann müs­sen beide einen hal­ben Liter eis­kal­tes Bier um die Wette kip­pen. Zuerst war das noch lus­tig. Doch schon bald konnte ich kein Bier mehr sehen.

Gestört hat mich vor allem die Grup­pen­dy­na­mik. Dass wir alles als Gruppe mach­ten, war für meine Mit­be­woh­ner eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. So auch das Trin­ken und Sin­gen. Beson­ders schlimm war es, wenn bei­des zusam­men­kam. Das war bei Ver­an­stal­tun­gen der Fall, bei denen die »alten Her­ren« unser Haus besuch­ten. Alte Her­ren sind im Ver­bin­dungs­jar­gon Mit­glie­der, die ihr Stu­dium schon abge­schlos­sen haben. Wenn sie zu trin­ken und zu sin­gen anfin­gen, muss­ten alle Anwe­sen­den mit­ma­chen – ob sie woll­ten oder nicht. Das Gesang­buch war wohl bei der Grün­dung Deutsch­lands das letzte Mal aktua­li­siert wor­den. Ich fand es lächer­lich. Als mein Tisch­nach­bar mein Gesicht sah, gab er mir einen Rat: »Trink ein­fach mehr und sing lau­ter als die anderen.«

Selt­sam waren auch andere Rituale, die ich nach und nach ken­nen­lernte. Ein­mal wurde unsere Fahne von einer ande­ren Ver­bin­dung gestoh­len. Um die Ehre unse­rer Ver­bin­dung zu ret­ten, muss­ten ein paar von uns zu der ande­ren Ver­bin­dung fah­ren, um dort »um die Fahne zu trin­ken«. Als ich spät am Abend von einer Party nach Hause lief, fand ich Karl*, mei­nen Zim­mer­nach­barn, drei Blocks von unse­rem Haus ent­fernt. Er saß auf einem Bier­kas­ten und sah aus wie ein Häuf­chen Elend. »Was machst du da?«, fragte ich ihn. »Wir ha‘m die Fahne zurück«, lallte er, »und ich bin betrun­ken«. Ich trug ihn nach Hause.

Trotz allem über­wo­gen die schö­nen Erleb­nisse. Ich genoss meine Anfangs­zeit in Ber­lin und habe mit mei­nen Mit­be­woh­nern gekocht, geba­cken, bis tief in die Nacht über Mäd­chen dis­ku­tiert. Wir fei­er­ten, erkun­de­ten zusam­men die Stadt und bum­mel­ten durch den Mauerpark.

Mit der Zeit wurde ich immer öfter gefragt, ob ich nicht end­lich bei­tre­ten wolle. Stets lehnte ich höf­lich ab. Eines Abends kam Fre­de­rik* in mein Zim­mer und wollte erneut über mei­nen Bei­tritt spre­chen. In die­sem Moment dachte ich mir: Wenn ich mich sowieso stän­dig dafür recht­fer­ti­gen muss, dass ich in einer Ver­bin­dung lebe, kann ich genauso gut auch Mit­glied wer­den. Spon­tan sagte ich zu. Fre­de­riks erste Reak­tion war: »Echt jetzt?« Und dann ging alles ganz schnell: Alle wur­den aus ihren Zim­mern geholt, ich bekam eine Mütze und ein Band in den Ver­bin­dungs­far­ben über­ge­wor­fen und es wurde auf mei­nen Namen getrun­ken. Nun war ich ein Mit­glied, ein Bundesbruder.

Am Ver­bin­dungs­le­ben, wie ich es bis­her kannte, änderte sich wenig. Aber es nahm nun viel mehr Zeit in Anspruch. Alle Ver­an­stal­tun­gen waren jetzt Pflicht, ich musste dabei sein und mit­hel­fen. Da ich in eine schla­gende Ver­bin­dung ein­ge­tre­ten war, kamen noch drei Mal die Woche Fecht­stun­den dazu. Geübt wurde an einer Eisen­stange, genannt das »Phan­tom«. Es hatte einen Kopf aus Lap­pen. Außer­dem gab es Unter­richts­stun­den zur Geschichte des Hau­ses. Das ergab einen Zeit­auf­wand von bis zu 15 Stun­den die Woche; für Freunde blieb kaum Zeit und auch das Ler­nen für die Uni litt. Trotz­dem war mir die Gesel­lig­keit ange­nehm und ich war zuneh­mend davon über­zeugt, das Rich­tige getan zu haben.

Wie sehr mich die Grup­pen­dy­na­mik in die Man­gel genom­men hatte, sollte ich trotz­dem bald mer­ken. Als ich eines Abends mit meh­re­ren Freun­den am Tisch saß und wir einen spon­ta­nen Trip nach Rügen plan­ten, erwischte ich mich dabei, wie ich sagte: »Ich kann nicht, ich muss mor­gen Fech­ten.« Als mir bewusst wurde, dass ich bereit war, eine Reise mit mei­nen Freun­den wegen eines ver­al­te­ten Ritu­als sau­sen zu las­sen, wurde mir klar, dass ich mich zu weit hin­ein­ge­stei­gert hatte. Ich fuhr mit nach Rügen und es wur­den drei der schöns­ten Tage mei­nes Lebens.

Wäh­rend die­ser Fahrt erkannte ich, dass ich nicht in eine Ver­bin­dung gehörte. Ich mochte meine Frei­heit und mein Leben sollte nicht von Leu­ten bestimmt wer­den, nur weil ich mit ihnen zusam­men­lebte. Irgend­wann war es so weit und ich erklärte mei­nen Aus­tritt. Das blieb nicht ohne Fol­gen: Die ganze Gruppe wandte sich plötz­lich gegen mich. Nach­dem alles vor­bei war, erzählte mir Karl, wie er sich hin­ter­gan­gen gefühlt hatte: »In dem Moment, als du aus­ge­tre­ten bist, habe ich dich gehasst.« Nie­mand redete mehr mit mir. Ich ver­suchte auf meine Ex-Bundesbrüder zuzu­ge­hen, aber es wollte kei­ner mehr etwas mit mir zu tun haben. Mir blieb nichts ande­res übrig, als andert­halb Monate lang das Aus­lau­fen mei­nes Miet­ver­trags abzu­sit­zen. Nach der Uni fuh­ren meine Freunde zurück in ihre WGs, wo ihre Mit­be­woh­ner sie erwar­te­ten – ich wurde nur von einer bedrü­cken­den Stille emp­fan­gen. Es war eine ein­same Zeit.

Schließ­lich kam der Tag, an dem ich aus­zog. Meine Möbel waren bereits ver­la­den, ich stand in mei­nem Zim­mer und hatte nur noch einen Kof­fer in der Hand. Ich dachte an die ver­gan­ge­nen sechs Monate. Hätte ich noch ein­mal die Wahl, würde ich nicht wie­der ein­tre­ten. Doch abge­se­hen von dem vie­len Trin­ken und den Ritua­len war es eine schöne Zeit. Ich ver­ließ die Villa und schaute nicht zurück. Es würde mir sowieso kei­ner hinterherwinken.

19. Juni 2012, Allgemeines, Campus, FURIOS 08, Heft

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