Verbindung gekappt | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

Verbindung gekappt

Nationalistisch, sexistisch, rassistisch – so stellen sich viele eine Studentenverbindung vor. Unser Autor Lev Gordon war Mitglied in einem der umstrittenen Männerbünde. Die Geschichte eines Aussteigers

Illustration: Fokea Borchers

Es ist ein sonniger Tag im März, als ich ausziehe. Alle scheinen glücklich sein: Meine Freunde, meine Familie – selbst meine ehemaligen Mitbewohner. Nun kehre ich der Südberliner Villa, die ein halbes Jahr mein Zuhause war, den Rücken. Ein letztes Mal.

Frisch in Berlin angekommen, musste ich mir schleunigst eine dauerhafte Unterkunft suchen. Wochenlang klickte ich mich durch den orangegelben Internetauftritt von »WG-Gesucht«. Schließlich wurde ich fündig: 230 Euro für 22 Quadratmeter mitten im ruhigen Zehlendorf – ein echtes Schnäppchen! Vom Hinweis, dass es sich bei der Wohngemeinschaft um eine Studentenverbindung handele, ließ ich mich nicht abschrecken. Warnungen von Freunden und Verwandten fielen moderat aus und so sagte ich meinen neuen Mitbewohnern zu. Ich freute mich auf mein neues Zuhause in Berlin. Eine Ahnung, was sich wirklich hinter den Wänden einer Studentenverbindung abspielt, hatte ich jedoch nicht.

Studentenverbindungen stehen oft in der Kritik. Manche bezeichnen sie als Saufbünde, andere als Vereinigungen Ewiggestriger. Nicht nur der AStA erhebt schwere Vorwürfe gegen sie. Auch in den Medien werden Verbindungen regelmäßig wegen Sexismus, Rassismus und Nationalismus kritisiert. Tatsachen oder nur Vorurteile? Ein halbes Jahr lang wohnte ich in einem Verbindungshaus, wurde selbst Bundesbruder. Dann stieg ich wieder aus.

Als ich das erste Mal vor der Villa stand, bot sich mir ein imposanter Anblick: Drei Stockwerke hoch, Gründerzeitstil, rote Backsteinmauern. Auch das Innere ließ mich staunen. Während sich der Gemeinschaftsbereich normaler WGs auf die Küche beschränkt, stand hier das gesamte erste Stockwerk allen zu Verfügung. Zur Einrichtung gehörten ein Kickertisch, ein Klavier und eine Bar. Doch auch Rüstungen, Fahnen und Fotos hunderter Mitglieder von anno dazumal zierten die Wände. In den beiden oberen Stockwerken befand sich der Wohnbereich – und ein Raum zum Fechten.

Meine Mitbewohner sahen nicht aus wie Nazis. Sie wirkten wie normale Mittzwanziger. Als ich ihnen von meinem Migrationshintergrund erzählte, reagierten sie gelassen. Nie wurde das zum Problem. Schnell freundete ich mich mit meinen 13 neuen Nachbarn an. Alles schien gut zu laufen. Doch mit der Zeit häuften sich Ereignisse, die mich stutzig machten.

Es fing mit einer Sache an: Bier. Ständig wurde Bier getrunken. Am Abend versammelten sich die Trinklustigen an der Bar, um sich den einen oder anderen Krug zu gönnen. Die Bar befand sich direkt unter meinem Zimmer. Das war am Anfang noch harmlos. Aber wenn ich lernen oder schlafen musste, wurde der Lärm schnell lästig. Irgendwann wurde ich zu meinem ersten Bierjungen herausgefordert. Das ist ein Trinkritual, bei dem einer »Bierjunge« ruft und der andere lautstark das Wort »hängt« erwidert. Dann müssen beide einen halben Liter eiskaltes Bier um die Wette kippen. Zuerst war das noch lustig. Doch schon bald konnte ich kein Bier mehr sehen.

Gestört hat mich vor allem die Gruppendynamik. Dass wir alles als Gruppe machten, war für meine Mitbewohner eine Selbstverständlichkeit. So auch das Trinken und Singen. Besonders schlimm war es, wenn beides zusammenkam. Das war bei Veranstaltungen der Fall, bei denen die »alten Herren« unser Haus besuchten. Alte Herren sind im Verbindungsjargon Mitglieder, die ihr Studium schon abgeschlossen haben. Wenn sie zu trinken und zu singen anfingen, mussten alle Anwesenden mitmachen – ob sie wollten oder nicht. Das Gesangbuch war wohl bei der Gründung Deutschlands das letzte Mal aktualisiert worden. Ich fand es lächerlich. Als mein Tischnachbar mein Gesicht sah, gab er mir einen Rat: »Trink einfach mehr und sing lauter als die anderen.«

Seltsam waren auch andere Rituale, die ich nach und nach kennenlernte. Einmal wurde unsere Fahne von einer anderen Verbindung gestohlen. Um die Ehre unserer Verbindung zu retten, mussten ein paar von uns zu der anderen Verbindung fahren, um dort »um die Fahne zu trinken«. Als ich spät am Abend von einer Party nach Hause lief, fand ich Karl*, meinen Zimmernachbarn, drei Blocks von unserem Haus entfernt. Er saß auf einem Bierkasten und sah aus wie ein Häufchen Elend. »Was machst du da?«, fragte ich ihn. »Wir ha‘m die Fahne zurück«, lallte er, »und ich bin betrunken«. Ich trug ihn nach Hause.

Trotz allem überwogen die schönen Erlebnisse. Ich genoss meine Anfangszeit in Berlin und habe mit meinen Mitbewohnern gekocht, gebacken, bis tief in die Nacht über Mädchen diskutiert. Wir feierten, erkundeten zusammen die Stadt und bummelten durch den Mauerpark.

Mit der Zeit wurde ich immer öfter gefragt, ob ich nicht endlich beitreten wolle. Stets lehnte ich höflich ab. Eines Abends kam Frederik* in mein Zimmer und wollte erneut über meinen Beitritt sprechen. In diesem Moment dachte ich mir: Wenn ich mich sowieso ständig dafür rechtfertigen muss, dass ich in einer Verbindung lebe, kann ich genauso gut auch Mitglied werden. Spontan sagte ich zu. Frederiks erste Reaktion war: »Echt jetzt?« Und dann ging alles ganz schnell: Alle wurden aus ihren Zimmern geholt, ich bekam eine Mütze und ein Band in den Verbindungsfarben übergeworfen und es wurde auf meinen Namen getrunken. Nun war ich ein Mitglied, ein Bundesbruder.

Am Verbindungsleben, wie ich es bisher kannte, änderte sich wenig. Aber es nahm nun viel mehr Zeit in Anspruch. Alle Veranstaltungen waren jetzt Pflicht, ich musste dabei sein und mithelfen. Da ich in eine schlagende Verbindung eingetreten war, kamen noch drei Mal die Woche Fechtstunden dazu. Geübt wurde an einer Eisenstange, genannt das »Phantom«. Es hatte einen Kopf aus Lappen. Außerdem gab es Unterrichtsstunden zur Geschichte des Hauses. Das ergab einen Zeitaufwand von bis zu 15 Stunden die Woche; für Freunde blieb kaum Zeit und auch das Lernen für die Uni litt. Trotzdem war mir die Geselligkeit angenehm und ich war zunehmend davon überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Wie sehr mich die Gruppendynamik in die Mangel genommen hatte, sollte ich trotzdem bald merken. Als ich eines Abends mit mehreren Freunden am Tisch saß und wir einen spontanen Trip nach Rügen planten, erwischte ich mich dabei, wie ich sagte: »Ich kann nicht, ich muss morgen Fechten.« Als mir bewusst wurde, dass ich bereit war, eine Reise mit meinen Freunden wegen eines veralteten Rituals sausen zu lassen, wurde mir klar, dass ich mich zu weit hineingesteigert hatte. Ich fuhr mit nach Rügen und es wurden drei der schönsten Tage meines Lebens.

Während dieser Fahrt erkannte ich, dass ich nicht in eine Verbindung gehörte. Ich mochte meine Freiheit und mein Leben sollte nicht von Leuten bestimmt werden, nur weil ich mit ihnen zusammenlebte. Irgendwann war es so weit und ich erklärte meinen Austritt. Das blieb nicht ohne Folgen: Die ganze Gruppe wandte sich plötzlich gegen mich. Nachdem alles vorbei war, erzählte mir Karl, wie er sich hintergangen gefühlt hatte: »In dem Moment, als du ausgetreten bist, habe ich dich gehasst.« Niemand redete mehr mit mir. Ich versuchte auf meine Ex-Bundesbrüder zuzugehen, aber es wollte keiner mehr etwas mit mir zu tun haben. Mir blieb nichts anderes übrig, als anderthalb Monate lang das Auslaufen meines Mietvertrags abzusitzen. Nach der Uni fuhren meine Freunde zurück in ihre WGs, wo ihre Mitbewohner sie erwarteten – ich wurde nur von einer bedrückenden Stille empfangen. Es war eine einsame Zeit.

Schließlich kam der Tag, an dem ich auszog. Meine Möbel waren bereits verladen, ich stand in meinem Zimmer und hatte nur noch einen Koffer in der Hand. Ich dachte an die vergangenen sechs Monate. Hätte ich noch einmal die Wahl, würde ich nicht wieder eintreten. Doch abgesehen von dem vielen Trinken und den Ritualen war es eine schöne Zeit. Ich verließ die Villa und schaute nicht zurück. Es würde mir sowieso keiner hinterherwinken.

Kommentar verfassen

Kein Typ für’s Tutu

Ballett ist doch kinderleicht. Das dachte sich Florian Schmidt – allerdings nur so lange, bis ihn der Hochschulsport eines Besseren belehrte.  » weiterlesen