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Ausgebildet zum Weltverbessern

Ihr Jura-Studium an der FU war für Renate Künast kein Selbstzweck, sondern Rüstzeug für die politische Arbeit. Veronika Völlinger sprach mit ihr über das Studentenleben und lange Lerntage.

Renate Künast ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag. Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Renate Künast ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag. Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Freitagnachmittag, endlich Wochenende! Noch mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch unter dem Arm steht Jurastudentin Renate Künast vor der Bibliothek und wartet auf das Auto ihrer Freunde. Nichts wie raus aus Berlin und auf nach Niedersachsen, zum Anti-Atomkraft-Protest in der Republik Freies Wendland. Für Künast ist das die praktische Anwendung des Gelernten. Montags bis freitags stehen Gesetze und Fallbeispiele auf dem Plan, am Wochenende heißt es: „Wir gründen jetzt unsere eigene Republik!“

Das war 1980. Drei Jahre zuvor hatte sie sich mit 22 Jahren in Berlin an der FU immatrikuliert. Rechtswissenschaften sollten es sein. Dabei hatte sie schon einen Abschluss der Fachhochschule Düsseldorf in der Tasche und war ins damalige Westberlin gekommen, um eine Stelle als Sozialarbeiterin anzutreten: „Im Knast“, wie die Grünen-Politikerin sagt. In der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel arbeitete sie mit Drogenabhängigen. Arbeiten am Abend und am Wochenende, dafür einige freie Vormittage für die Vorlesungen.

Warum tat sie sich das an, nach einem abgeschlossenen Studium mit einer festen Stelle, ein weiteres Studium zu beginnen? Nach der Zeit in Düsseldorf war der heute 57-Jährigen klar: „Ich weiß von allem ein wenig, aber habe mich in nichts vertieft.“ In einer Sache war sie sich jedoch sicher: Die Welt ist veränderbar. „Und dann habe ich mir überlegt: Welche Ausbildung brauche ich dafür?“

1979 ging sie dazu über, Vollzeit zu studieren. Im gleichen Jahr trat sie der Westberliner Alternativen Liste bei, einer Gruppierung aus Atomkraftgegnern, Friedens- und Umweltaktivisten. Ein Spagat zwischen Uni und Politik: „Mir war glasklar, dass beides gleichzeitig gehen muss. Ging auch“, sagt Künast knapp, aber bestimmt. Sie konzentrierte sich auf ihr Ziel: ein Werkzeug erhalten, um Politik zu machen. Und sie war entschlossen, ihre Ausbildung zum Weltverbessern schnell zu beenden.

Mit einem Kommilitonen traf sie sich zu Lernwochen. Die Devise lautete: Mit drei Brötchen um halb zehn zur Stelle sein. „Frühaufsteher waren wir auch nicht“, gibt die Grünen-Politikerin zu und zwinkert. Aber dann: Vorbereiten, lesen, nachbereiten, lernen, abfragen. Immer bis exakt 19 Uhr, mit einer Pause: Mittags, immer zur gleichen Zeit, liefen sie Richtung Gedächtniskirche und sahen zu, wie Autos von einer Busspur abgeschleppt wurden.

Ein Trott, der Künast heute zum Lachen bringt: „Eigentlich waren wir auch bescheuert“, sagt sie, „aber so ist das eben, wenn man vor lauter Paragraphen so langsam abdreht.“ Ihrem systematischen Lernen war es zu verdanken, dass sie das Studium schon 1985 abschloss.

Andere Kommilitonen seien nicht halb so gut organisiert gewesen, zwischen trockenen Vorlesungen und Frontalunterricht fanden sie keine eigene Lernform. Und dann waren da noch die aus dem anderen politischen Lager: „Die Junge Union lief natürlich mit Aktenköfferchen und Schönfelder herum“, lacht Künast. Der Schönfelder, die dicke rote Gesetzessammlung, sei den meisten Studierenden viel zu schwer gewesen. Wer ihn trotzdem schleppte, erntete Spott.

Es war eine turbulente, spannende Zeit: Demos und Proteste – „das war kein Studentenleben, das war Politik!“, erinnert sie sich heute. Jura – das Werkzeug, um die Welt ein wenig zu verändern: Ja, sagt Künast, Jura würde sie jederzeit wieder studieren.

Ihre Partei hat gerade die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013 neu aufgestellt. Ein unvorstellbares Szenario, als die Jura-Studentin Renate freitags noch auf ihre Freunde wartete, um ins Wendland zu fahren. Heute sitzt sie in ihrem Büro im Bundestag. Draußen vor dem Fenster liegt der Tiergarten, rechts das Reichstagsgebäude, manchmal hört man die Demonstrationen vor dem Brandenburger Tor. Natur, Politik, Partizipation: Was Renate Künast zu ihrer Ausbildung zum Weltverbessern angespornt hat, hat sie hier nun immer vor Augen.

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