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Laut Putin sagen

Von Berlin aus sind es nur 617 Kilometer bis zur russischen Exklave Kaliningrad. Trotzdem liegen zwischen den zwei Städten Welten. Von Valerie Schönian

Triste Wohnblöcke prägen das Stadtbild von Kaliningrad. Foto: Valerie Schönian

Es ist seltsam – jedes Mal, wenn das Lied im Hintergrund wechselt, stockt das Gespräch. Für einen Augenblick ist in der Bar nur das Schlürfen von Macchiato zu hören. Mir gegenüber sitzen Dimitrij und Katharina, beide Anfang 20, beide Studierende an der Technischen Universität in Kaliningrad. Sie heißen eigentlich anders, doch wollen sie ihre echten Namen nicht in einem Magazin lesen. Wer von uns mit dem Schweigen begonnen hat, kann ich nicht sagen. Auch nicht, ob die Pausen bewusst passieren, oder ob ich in Deutschland zu viele Horrorgeschichten über den russischen Geheimdienst gehört habe. Trotzdem warte ich, bis ein neues Lied beginnt, bevor ich spreche. „Und was macht ihr, wenn ihr ein Problem mit dem Uni-Präsidium habt?“, frage ich. Dimitrij fängt an zu lachen: „Kennst du Putin?“

Seit mittlerweile einem Monat lebe ich in Kaliningrad und absolviere ein Praktikum bei einer deutschsprachigen Zeitung. Das ehemalige Königsberg ist nicht das, was man im gängigen Gebrauch als schön bezeichnet: Quadratische Blöcke in orange, braun und grau säumen den Horizont. Die Luft ist immer etwas staubig, es gibt zu viele Autos und zu wenig Grünflächen. Die Straßen sind übersät mit Rissen und Schlaglöchern. Für Rollstuhlfahrer ist es unmöglich sich hierzu bewegen – ich habe noch nicht einmal einen Fahrradfahrer gesehen. Dimitrij und Katharina leben schon ihr ganzes Leben hier.

Katharina schildert mir den russischen Studienalltag: Wer zu spät kommt, muss draußen bleiben. Wer zur Toilette möchte, bittet um Erlaubnis. Fragen und Diskussionen kommen vor, sind aber nicht üblich. Die Professoren kennen es nicht anders, oft haben sie schon zu Sowjet-Zeiten gelehrt. Einmal, erzählt Katharina, sei ein Student mit Laptop rausgeflogen. Der Dozent dachte, der junge Mann mache mit seinem Computer heimlich Fotos.

So befremdlich diese Szenen klingen, es gibt auch Ähnlichkeiten zu deutschen Unis. Wie an der FU gibt es in Kaliningrad eine gewählte Studierendenvertretung und ein Uni-Magazin. Der Unterschied: Beide sind unkritisch. Während sich die studentischen Vertreter auf die Organisation von Ausflügen und Sprachkursen beschränken, bilden die Redakteure auf ihrem Cover einen majestätischen Hochschulpräsidenten samt Thron ab. „Wir können nicht über die Kirche oder Politik schreiben“, sagte in Redaktionsmitglied dazu. „Wir haben ein paar Probleme mit der Politik hier.“

Das größte dieser Probleme ist für Dimitrij der Widerspruch, in dem Russland schwebt: „Alle hassen Putin. Aber es gibt keinen anderen.“ Deswegen sind die Menschen vor der vergangenen Wahl auf die Straße gegangen – auch in Kaliningrad. Dimitrij war dort. „Wir wurden zwar nicht festgenommen wie in Moskau“, sagt er. „Aber die Polizisten haben uns beobachtet. Sie waren vorbereitet.“ Nach den Demonstrationen hat die Regierung die Gesetze verschärft. Wer jetzt ohne Genehmigung demonstriert, muss 9000 Euro zahlen. Eine Erlaubnis zu bekommen, ist laut Dimitrij fast unmöglich.

Ewgeni Snegowski hat sich davon nicht abschrecken lassen. Der 53-jährige Mann ist Mitglied des „Komitees der bürgerlichen Selbstverteidigung“, das sich seit Dezember 2010 jeden Sonntag auf dem zentralen Siegesplatz versammelt. Am Anfang hat die Polizei sie immer wieder auseinander getrieben, obwohl sie weder Mikrofone noch Plakate dabei hatten und damit nicht als Demonstranten galten. Doch die Teilnehmer zogen vor Gericht und bekamen Recht.

„Es war eine lange Erziehungsarbeit“, sagt Snegowski. „Wir haben monatelang Klagen und Anträge bei den Behörden eingereicht.“ Sie haben viel erreicht. Mittlerweile demonstrieren sie alle paar Wochen mit Schildern im Stadtzentrum. Auf den Siegesplatz selbst dürfen sie damit zwar nicht, doch sind sie von dort aus zu sehen: Etwa 100 Meter entfernt halten eine Handvoll Leute vom Komitee Slogans wie „Putin, geh selbst!“ in die Höhe. Die Polizisten, die neben ihnen stehen, beirren sie nicht.

Von solchen Erfolgen bekommen viele Kaliningrader wahrscheinlich nichts mit. Die meisten sagen, Politik stehe für sie unten auf der Prioritätenliste. Die ältere Generation hat andere Probleme und die jungen Leute resignieren, so wie Dimitrij: „Bei der vergangenen Wahl gab es zwar offiziell andere Kandidaten“, sagt er. „Aber alle mit dem gleichen Programm – hier gibt es keine Alternative.“ Er hat vor, nach seinem Studium in den Westen zu gehen, viele seiner Altersgenossen wollen es ihm gleichtun.

Katharina hingegen möchte bleiben. „Russland ist mein Land“, sagt sie. Es sei nur noch nicht bereit für eine Demokratie, da die Bürger sie nie gelernt hätten: „Wir haben immer nur gehorcht.“ Sie selbst will sogar in der staatlichen Verwaltung arbeiten: „Vielleicht ist ja nicht alles schlecht,vielleicht gibt es noch Hoffnung.“

Nachdem unsere Macchiato geleert sind, verlasse ich die Bar. Über die kaputten Straßen laufe ich bis zum Siegesplatz. Ich denke an Ewgeni Snegowski und seine Mitstreiter, die hier jeden Sonntag stehen; die auf die Straße statt in den Westen gehen; die laut „Putin“ sagen, auch wenn keine Musik spielt. Ob er deshalb keine Angst hat, hatte ich Snegowski bei unserer Begegnung gefragt. „Nein, noch nicht“, hatte er geantwortet. „Ich habe Angst davor, was passiert,wenn wir hier nicht stehen.“

Ein Kommentar

  • „Wie an der FU gibt es in Kali­nin­grad eine gewählte Stu­die­ren­den­ver­tre­tung und ein Uni-Magazin. Der Unter­schied: Beide sind unkri­tisch.“
    Hier ist immerhin die Studierendenvertretung kritisch.

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